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Streben nach Sicherheit in blutiger Zeit

Forschung Marburg Streben nach Sicherheit in blutiger Zeit

Der Umgang mit konfessionellen Minderheiten im Frankreich des 16. Jahrhunderts steht im Mittelpunkt eines Forschungsvorhabens unter Leitung von Dr. Ulrich Niggemann.

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Ein zeitgenössisches Bild von Francois Dubois zeigt das Massaker an den Hugenotten in der Bartholomäusnacht 1572.

Quelle: Archiv

Marburg. Öffentliche Gewalt, Angriffe auf Gotteshäuser, Verfolgungen oder sogar Vertreibung: Religiöse Minderheiten waren in der Frühen Neuzeit einer Vielzahl von Bedrohungen ausgesetzt. Am Beispiel der Auseinandersetzungen zwischen der katholischen Mehrheit und der protestantischen Minderheit der Hugenotten im Frankreich des 16. und 17. Jahrhunderts untersucht der Marburger Historiker Dr. Ulrich Niggemann zusammen mit seinem Mitarbeiter Christian Wenzel, wie sich das Bedürfnis der Hugenotten nach mehr Sicherheit äußerte. „Mit dem Beginn der Bürgerkriege 1562 und dem traumatischen Ereignis der Bartholomäusnacht 1572 stellte sich das Problem der Sicherheit in verschärfter Form“, erklärt Niggemann. Die Bartholomäusnacht war ein Massaker an französischen Protestanten, den so genannten Hugenotten, das in der Nacht vom 23. zum 24. August 1572 stattfand. Admiral Gaspard de Coligny und weitere Führer der französischen Protestanten wurden dabei ermordet.  Sie waren anlässlich der der Versöhnung dienenden Hochzeit des Protestanten Heinrich von Navarra (des späteren Königs Heinrich IV.) mit Margarete von Valois – der Tochter der katholischen Königin Katharina von Medici – in Paris versammelt. In der gleichen Nacht wurden in einem Pogrom weitere Tausende Pariser Protestanten ermordet.

„Ereignisse wie die Bartholomäusnacht wirkten auf die Reformierten sicher wie eine Bestätigung fundamentaler Ausrottungsängste“, schreibt Niggemann. Vermutlich habe diese „existenzielle Angst“ dazu beigetragen, dass die Hugenotten als „verfolgte Minderheit“ die Frage ihrer Sicherheit in den Vordergrund gerückt hätten.

An den zur Beendigung der Bürgerkriege erlassenen Pazifikations-Edikten (Befriedungs-Edikten) lasse sich erkennen, wie die Sicherheits-Thematik  zunehmend in das Zentrum der Verhandlungen gerückt sei, erklärt der Marburger Historiker. Dabei sei von Seiten der Hugenotten vor allem die Forderung nach „Sicherheitsplätzen“ aufgestellt worden. Diese festen Plätze, an denen die Protestanten sogar eigens Militär unterhalten konnten (siehe Artikel unten) wurden ab dem Edikt von Saint-Germain (1570) und bis hin zum umfassenden  Edikt von Nantes (1598) zum festen Bestandteil der Friedensschlüsse zwischen den Bürgerkriegsparteien.

Begriff Sicherheit bisher wenig beachtet

Die Forschungsliteratur über die von konfessionellen Konflikten ausgelösten französischen Bürgerkriege in dieser Zeit füllen viele Regalkilometer in Bibliotheken. Doch ausgerechnet dem aus Sicht der Marburger Forscher zentralen Begriff Sicherheit wurde bisher wenig Aufmerksamkeit  geschenkt. Für den Hugenotten-Forscher Niggemann passte dieses Thema daher ideal  in den Kontext des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten großen Sonderforschungsbereichs „Dynamiken der Sicherheit“, in dem seit einem Jahr Forscher aus Marburg und Gießen zusammenarbeiten. Zentrales Thema ist darin die Frage der Versicherheitlichung.

„Wie enwickelte sich die vorstellung von Sicherheit, und wie gelangte sie in den politischen Prozess“, fragen die Forscher. „Uns hilft diese Theorie, um zu verstehen, wie bestimmte Mechanismen funktionieren“, erklärt Niggemann. So könne analysiert werden, wie Themen yu Gegenständen von Sicherheirsdebatten wurden und wie das gemeinsame Interesse an Sicherheit zur Problemlösung beitragen konnte, indem etwa religiöse Wahrheitsfragen ausgeklammert wurden.

Vor allem zwei interessante Beobachtungen machten Niggemann und Wenzel rund um die Forderung nach den Sicherheitsplätzen durch die Hugenotten.

Sicherheitsrisiko und potenzielle Bedrohung

So sei es eigentlich unerwartet gewesen, dass sich die Hugenotten  überhaupt Gedanken um ihre weltliche Sicherheit gemacht und Angst davor gehabt hätten, umgebracht zu werden. Denn in dem „Märtyrer-Buch“ von Jean Crespin sei es für die Protestanten eher als erstrebenswertes Schicksal  beschrieben worden, für den Glauben zu sterben und dadurch zur Erlösung zu kommen. Paradoxerweise  habe zudem die Schaffung der Sicherheitsplätze dazu geführt, dass diese sowohl vom König  als auch von der katholischen Bevölkerungsmehrheit als Sicherheitsrisiko und potenzielle Bedrohung wahrgenommen werden konnten. Deswegen fragen  die Historiker in ihrem Forschungsvorhaben auch, ob die unterschiedlichen Sicherheitsbedürfnisse und Sicherheitsdiskurse vielleicht überhaupt erst zu einem Sicherheitsproblem geführt haben, das dann zwischen den beteiligten Gruppen auszuhandeln gewesen sei.

Die Marburger Forscher wollen für ihr Vorhaben neben der Forschungsliteratur zu den französischen Bürgerkriegen vor allem die größtenteils noch nicht edierten Bestände von Archiven in Paris und Genf auswerten. Dazu zählen beispielsweise Versammlungsakten der Protestanten, Verordnungen des Königs sowie Flugschriften.  Kombiniert wird das Projekt in einem Teilprojekt des Sonderforschungsbereichs „Dynamiken der Sicherheit“  mit Forschungen von Professor Hans-Jürgen Bömelburg zu vergleichbaren Konfessionskonflikten in Polen und Litauen.   Im Fall einer Verlängerung des SFB über Dezember 2017 hinaus könnte für eine zweite Förderphase  auch die Situation von Protestanten in Irland in den Fokus der Forscher geraten.

von Manfred Hitzeroth

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