Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Straßenlärm laut wie ein Rasenmäher

Oberstadt Straßenlärm laut wie ein Rasenmäher

Es gibt erste Ergebnisse im Bemühen, die Oberstadt für ihre Bewohner wieder attraktiver zu machen – mehr aber auch nicht.

Voriger Artikel
"Herz-Check" für Athleten
Nächster Artikel
Vor dem Bahnhof wird Samstag gefeiert

Es gibt viele unterschiedliche Ansprüche an die Oberstadt – vom Einkaufen, Flanieren und Bummeln bis zum Feiern, aber auch den Ansprücu hanch Ruhe und Sauberkeit.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der „Workshop Oberstadt“, in dem seit Anfang des Jahres Bewohner, Vertreter der Universität, Ordnungs- und Landespolizei sowie städtische Ämter und Behörden zusammenarbeiten, wird die zunehmende Verknappung von Wohnraum in der Oberstadt und die Verdrängung von Familien nicht beenden können. „Ernüchternd“ seien die Ergebnisse einer Besprechung mit der Gewobau und dem Stadtbauamt gewesen, stellte Marianne Wölk, die als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Stadtteilgemeinden die regelmäßige Zusammenkunft leitet, fest. Nach wie vor gelte, dass es sich für viele Bewohner in der Oberstadt um ein „Lebensumfeld auf Zeit“ handle. Immerhin sagte Matthias Knoche von der Gewobau zu, dass Wohnraum nicht unbedingt nur an Erstsemester vermietet wird. Ältere Semester seien vielleicht eher an Nachbarschaft interessiert.

Konkrete Fortschritte gibt es bei der Müllproblematik. Zum einen sind manuelle Reinigungstrupps in der Oberstadt verstärkt worden, für Gastwirte gibt es ein neues Angebot des DBM am Servicehof, wo Speisereste entgegengenommen werden.

Und: Anfang Juli wird in der Oberstadt ein Chipsystem für Mülltonnen eingeführt. Ein entsprechendes Anschreiben erhalten die Anwohner in den nächsten Tagen vom Magistrat. Die Tonnen sind durch den Chip künftig eindeutig den Bewohnern zuzuordnen. Damit soll durchgesetzt werden, dass die Mülltonnen nicht die engen Gassen der Oberstadt zustellen, sondern auf den Grundstücken abgestellt werden. Das war bisher vielen Oberstadt-Bewohnern ein Dorn im Auge.

Jan-Bernd Röllmann, der Stadtmarketing-Koordinator, berichtete von einem Treffen mit Betreibern der rund 50 Gaststätten in der Oberstadt. Angestrebt wird eine freiwillige Selbstverpflichtung, in der sich Gaststätten zur Mitwirkung an der Lärmvermeidung durch konkrete Maßnahmen bereit erklären, erläuterte Röllmann. Es zeichne sich eine hohe Bereitschaft ab, sich um den Lärm vor der eigenen Gaststätte zu kümmern – damit ist aber eines der Kardinalprobleme nicht gelöst: der nächtliche Lärm durch Besucher, die durch die Oberstadt ziehen.

Anwohner berichteten auch am Donnerstag wieder von regelmäßigen Ruhestörungen bis tief in die Nacht. Eine Anwohnerin hat auf eigene Faust eine Lärmmessung durchgeführt und – bei einem Pegel von 45 Dezibel am Tag –  nachts einen Pegel von 77 Dezibel festgehalten. Das entspricht knapp dem Lärm eines Rasenmähers  Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass bei Straßenlärm, der im Haus einen Schallpegel von 65 Dezibel erreicht, das Risiko für Herz-Kreislaufstörungen um 20 Prozent höher ist als bei 50 bis 55 Dezibel.

Anwohner fühlen sich von der Stadt allein gelassen und berichten davon, dass auch herbeigerufene Polizisten wenig unternehmen, um nächtlich Lärmende zur Ruhe zu bringen.

Fortschritte bei den Orientierungswochen

„Wir können nicht überall sein“, warb Ordnungsamts-Leiterin Regina Linda um Verständnis. Die Ordnungspolizei könne auch nicht jede Nacht Streife laufen. Angeregt wurde daraufhin eine konzentrierte Aktion über mehrere Wochen, während der Polizisten oder Ordnungspolizisten lärmende Passanten gezielt ansprechen.

Fortschritte zeichnen sich bei den zweimal jährlich zu Semesterbeginn stattfindenden Orientierungswochen für Erstsemester ab. Sie mündeten in den vergangenen Jahren gelegentlich in Komasaufen und Ruhestörung. Seit dem Tötungsdelikt vor dem vergangenen Wintersemester vor einer Kneipe in der Reitgasse steht dieses Thema im Zentrum der Debatte um die Oberstadt.

Johannes Maaser von der Uni Marburg, Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Einsicht – Marburg gegen Gewalt“ und Lehrbeauftragter am Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung, berichtete von den Bemühungen an der Universität, Fachschaften und Allgemeinen Studierendenausschuss zu einer Neukonzeption der Orientierungswochen zu bewegen. Er hält erste Erfolge bis zur nächsten Orientierungswoche im Oktober für möglich. Generell regte Maaser an, gezielt mit allen Nutzergruppen in der Oberstadt ins Gespräch zu kommen, um gegenseitig Verständnis für die unterschiedlichen Bedürfnisse an den „Raum“ Oberstadt zu wecken. Er regte die Zusammenarbeit mit dem erlebnispädagogischen Träger bsj an. Eine der Ideen: ein „Erlebnis-Dinner“ auf dem Marktplatz für Studierende und Nichtstudierende. Maaser zerstörte jedenfalls die Hoffnungen auf eine schnelle Lösung des Problems: „Prävention ist eine Daueraufgabe – egal, ob es um Müll, um Lärm oder um Gewalt geht.“

von Till Conrad

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr