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Stolz auf Studenten als Untermieter

Zeitzeugin berichtet Stolz auf Studenten als Untermieter

In den 50er und 60er Jahren war die Oberstadt die beliebteste Wohngegend der Marburger Studenten, berichtet die Zeitzeugin.

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In den 1960er Jahren befand sich in der Barfüßerstraße 53, im Haus gegenüber dem Eingang zum heutigen Stadtverordnetensitzungssaal die „Parfümerie Boss“.Foto: Pressestelle der Stadt Marburg

Marburg. Zwar habe ich mit Bedauern die Kritik an den augenblicklich herrschenden Missständen in der Oberstadt gelesen, doch meiner Liebe zur Oberstadt kann sie nichts anhaben. 17 Jahre habe ich vor langer Zeit mit meiner Familie dort gewohnt und zwar auf der Neustadt. Es war wunderschön.

Die Neustadt ist das Straßenstück vom Ende des oberen Steinweges bis zur Wasserscheide, die übergeht in die Wettergasse. Vor langer Zeit soll diese Straße von einem großen Brand zerstört worden sein und wesentlich später dann neu aufgebaut, daher der Name. Damals wie heute waren beide Straßenseiten eingerahmt von wunderschönen alten Häusern, die so dicht nebeneinander standen, dass es keine Zwischenräume gab. Alle Häuser waren trotz ihres Alters in gepflegtem Zustand, waren restauriert, bemalt, verziert und vermittelten den Eindruck von Dauerhaftigkeit und Wohlstand.

So, wie die Häuser eng zusammen standen, so eng war auch das Verhältnis der Menschen, die dort wohnten, untereinander. Man kannte sich seit Jahren, man verstand sich, half sich und war wie eine große Familie. Morgens, wenn die Betten zum Lüften in die Fenster gelegt wurden, rief es schon von gegenüber „Guten Morgen, Frau Nachbarin!“ und ein kleiner Plausch von Fenster zu Fenster gehörte zum Tagesablauf.

Pünktlich um 8 Uhröffneten die Läden

Aber sehr viel Zeit blieb nicht, denn die Hausbesitzer hatten alle im Erdgeschoss ihres meist zwei- bis dreistöckigen Hauses ihre Geschäfte, in denen alle Familienmitglieder mithalfen, da pünktlich um 8 Uhr alles in bester Ordnung sein musste, um den Laden zu öffnen. Es wurde nochmals gefegt, die Türklinken mussten blank geputzt werden. Und die Schaufensterscheiben, die sollten besonders glänzen, damit die hübschen Auslagen noch besser zur Geltung kamen.

Nun dauerte es auch nicht mehr lange, bis die ersten Einkaufsfreudigen in die Oberstadt kamen. Damals gab es noch zu beiden Seiten der Straße schmale Bürgersteige, sodass man in Ruhe vor den Schaufenstern verweilen konnte, um zu sehen, was es Neues gab. Und es gab viel zu sehen: Ein bunt dekoriertes Blumengeschäft, daneben lockten Delikatessen, Metzgereien und Bäckereien reihten sich aneinander mit Lebensmittel-Geschäften und Spielwarenfachgeschäften, Läden für Damen- und Herrenoberbekleidung, Schuhgeschäften, Spezial-Wäschegeschäften, Geschäften für Haushaltswaren sowie Lederwaren und Lampen. Eine Leihbücherei und eine Apotheke fehlten auch nicht.

Außer den Einkaufsfreudigen waren aber auch schon viele Studenten unterwegs auf dem Weg zu ihren Instituten und Hörsälen, die damals in der ganzen Stadt verstreut lagen. Oder zu den Kliniken, die alle zwischen Bahnhofsstraße und Robert-Koch-Straße lagen und kurz das Klinikviertel genannt wurde. Unterwegs wurde noch eine Stärkung vom Bäcker mitgenommen, die neue Tageszeitung für die Pause, Schreibutensilien, vieles war nötig, und die Marburger Geschäftsleute hatten an den Studenten sehr gute Kunden.

Die meisten von ihnen wohnten in der Oberstadt, die schon damals wie auch heute die beliebteste Wohngegend der Studenten war. Freie Zimmer waren nicht schwer zu finden, und bezahlbar waren sie auch. Die Auswahl war groß: Es gab leere Zimmer, teilmöblierte Zimmer, möblierte Zimmer, Zimmer mit Kabinett, es gab separate Zimmer, es gab aber auch Zimmer mit Küchenmitbenutzung sowie Zimmer mit Familienanschluss.

Enge Bindungen zwischen Student und Vermieter

Jede Familie war stolz, einen Studenten als Untermieter zu haben. Da entstanden oft so enge Bindungen, dass so mancher Student noch nach Jahren seine Vermieter wieder besuchte.

Wird fortgesetzt.

von Marga Stafunsky

Marga Stafunsky stammt aus Bünde in Westfalen. 1943 kam sie zum Studium nach Marburg. Sie war verheiratet mit dem Facharzt für Innere Medizin Dr. Simeon Stafunsky, der vor 20 Jahren gestorben ist, und lebte eine lange Zeit in der Oberstadt.

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