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Stolz auf Merkels Menschlichkeit

Yanis Varoufakis im OP-Interview Stolz auf Merkels Menschlichkeit

Der griechische Ex-Finanzminister erklärt im 
OP-Interview, sein Land sei zwar pleite, aber zu klein, um eine Gefahr 
für Europa darzustellen. Die Architektur der Eurozone sei dagegen von ­Anfang an falsch.

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Auf Einladung der Bundestagsfraktion Die Linke war der 
Ex-Finanzminister am Donnerstagabend in Marburg.

Quelle: Nadine Weigel

OP : Entschuldigen Sie, ich stelle zwei Diktiergeräte auf. Sicher ist sicher. Das ist Deutsch.

Varoufakis schmunzelt : Nein, das ist nicht nur Deutsch. Das ist richtig. Man darf nicht völlig den technischen Geräten vertrauen.

OP : Am Dienstag waren Sie in Berlin, am Mittwoch in der ARD-Talkshow Maischberger, heute in Marburg. Sehen sie Marburg als Stadt, in der Ihre Ideen auf fruchtbaren Boden stoßen?

Varoufakis : Ganz Europa, jede Stadt, jedes Dorf ist fruchtbarer Boden, nicht für meine Ideen, aber für den Dialog. Der Dialog ist die einzige Hoffnung, die wir haben, damit die Degradierung Europas aufhört. Die Zeit ist begrenzt, ich folge den Einladungen, wo ich kann. Ich versuche, den Einladungen in Universitätsstädten Priorität einzuräumen, weil ich mein Leben lang in Universitäten verbracht habe und in Marburg gibt es eine Tradition der politischen Linken, aber ich war auch in München.

OP : Wie wollen Sie die Europäer für Ihre linke Bewegung mobilisieren? Es gibt ja europakritische Bewegungen, die rechts sind.

Varoufakis : Es gibt keine Haltung gegen Europa, sondern gegen die Bindung der EU. Das ist ein großer Unterschied.

„Die sind nicht rechts, die sind idiotisch“

OP : Ich meine konkret die rechten Gruppierungen wie die AfD oder Pegida.

Varoufakis : Die sind nicht rechts, die sind idiotisch. Ich habe sehr viele Gemeinsamkeiten mit rechten Demokraten. Meine engsten Freunde und Unterstützer zum Beispiel sind derzeit konservative Euroskeptiker in Großbritannien. In Deutschland hatte ich eine kontroverse Debatte mit dem Ökonom und Ifo-Chef Professor Hans-Werner Sinn. Die Krise der EU ist so tief, dass wir eine gemeinsame Basis mit rechten Demokraten haben, die sich Sorgen machen um die Europäische Union. Als Griechenland 2010 verarmte, tat man so, als sei es nicht pleite, sondern nur Kredite bräuchte. Dass Geld floss, war nicht linke oder rechte Politik, sondern das Unsinnigste, was man machen konnte.

OP : Es gibt in Europa viele Menschen, die politisch desinteressiert und frustriert sind. In Südeuropa sind viele junge Erwachsene arbeitslos. Wie wollen Sie erreichen, dass die Kritik konstruktiv wird und sich diese Menschen überhaupt einer Bewegung anschließen?

Varoufakis : Die Frage ist wichtig. Wer die bestehende schlechte Politik erträgt, wird zum Opfer. Wer teil an der Politik nimmt, kann sie verändern. Ob Deutscher, Grieche, Portugiese – wer angewidert ist von der Politik, muss wissen: Wenn er sich nicht damit beschäftigt, werden es andere machen und sie in dieser Weise fortsetzen. Aus einer Kommune kann der Bürger nicht entfliehen. Du kannst Politik nicht entgehen, daher musst du teilhaben. Sonst ist das Ergebnis tragisch für dich und deine Familie. Das ist die Botschaft.

OP : Interessiert sich Deutschland für Griechenland oder ist die Zukunft des Landes den deutschen Politikern egal?

„Das Problem ist ein europäisches“

Varoufakis : Natürlich, sonst würden sie nicht ständig über Griechenland reden. Ich werde eingeladen, über "Democracy in Europe Movement" (DiEM) zu reden, aber wir sprechen über Griechenland. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Wenn in den USA ständig über den kleinen US-Staat Delaware gesprochen werden würde, dann wäre etwas mit den USA nicht in Ordnung, nicht mit Delaware. Griechenland ist viel zu klein, um eine Gefahr zu sein. Egal wie schlecht organisiert das Land ist, wie schlecht regiert wird, es würde keine Debatte um die EU hervorrufen.

Es zeigt, dass das Problem ein europäisches ist. In Deutschland gibt es die Haltung, dass es ein griechisches Problem ist, nach dem Motto: Wenn es Griechenland nicht ­gäbe, wären wir in Ordnung. Aber das ist nicht der Fall. Auch wenn sich Griechenland unter dem damaligen Ministerpräsidenten Kostas Simitis 1999 gegen einen Beitritt in die Eurozone entschieden hätte – Griechenland würde es übrigens jetzt besser gehen und ...

OP : ... hätte also noch die Drachme als Währung.

Varoufakis : Ja... Und in Deutschland würde man sehr wenig über Griechenland sprechen, so wenig wie über Bulgarien zum Beispiel. Aber die Eurozone hätte genau die gleichen Probleme wie jetzt auch. Griechenland ist wie einer der Kanarienvögel, die in Käfigen als Warnsystem gehalten wurden. Sobald die Luft gefährlich wird, stirbt er. Es ist aber nicht der Kanarienvogel, nicht Griechenland, schuld. Wir weigern uns, über die Krise der Architektur der Eurozone nachzudenken. Ich sage bewusst wir, um keinen zu beschuldigen. Der Euro wurde falsch gebaut und wir weigern uns, dies zu akzeptieren.

OP : Es gibt in Griechenland die Sorge, dass das Land abgedrängt wird – aus dem Schengen-Raum. Teilen Sie diese Sorge?

„Innerhalb Europas sollte Offenheit herrschen

Varoufakis : Ich habe unglaubliche Dinge von europäischen Politikern gehört. Man sagt, Erdogan muss die türkischen Grenzen öffnen, damit die Flüchtlinge aus Aleppo reinkommen. Das ist richtig so, sollen die Menschen denn sterben? Aber auf der anderen Seite wird gefordert, die Grenzen in Griechenland zu schließen. Sollen die Menschen von Soldaten umzingelt werden? Sollen die Grenzen der Republik Mazedonien geschlossen werden?

Eine gemeinsame Frontex (europäische Grenzschutzagentur, Anmerkung der Redaktion) sollte es geben. Damit bin ich einverstanden. Es sollte europäische Außengrenzen, keine griechischen geben. Innerhalb Europas sollte Offenheit herrschen, sonst wäre es kein vereinigtes Europa.

OP : Wie ist Ihre Haltung zur Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel. Ist das eine linke Politik?

Varoufakis : Das ist keine linke Politik, dass ist Menschlichkeit. In dem Moment, in dem Angela Merkel die syrischen Flüchtlinge nach Deutschland eingeladen hat und die Arme dieses Landes geöffnet hat und damit moralische Tapferkeit gezeigt hat, war ich sehr stolz auf Angela Merkel als Europäerin. Leider hat ihre Partei diese Dosis von Menschlichkeit nicht vertragen. Das ist ein großes innerparteiliches Problem. Aber ich halte das für einen großen Moment, sie hat eine moralische Führung gezeigt. Als nach der Reichskristallnacht Flüchtlinge aus Deutschland in Großbritannien aufgenommen wurden, geschah dies auch aus Menschlichkeit.

„Wenn Europa zerfällt, zerfällt auch Deutschland

OP : Ist die Stabilität Deutschlands, unter Angela Merkel als Kanzlerin, nicht eine Stütze für Europa?

Varoufakis : Ein stabiles Deutschland ist nötig, ein instabiles eine Katastrophe, wie wir in den 20ern und 30ern gesehen haben. Aber ich bin mir nicht so sicher, dass die deutsche Politik stabil ist. Ich sehe eine andauernde Instabilität in ganz Europa. Wenn Europa zerfällt, zerfällt auch Deutschland.

OP : Dann hätten Sie auch gern Frau Merkel auf der Seite Ihrer neuen Bewegung?

Varoufakis : Wir haben alle Europäer eingeladen. Sie wird nicht zu unserer Bewegung kommen. Die Bewegung will zeigen, dass die Nationalstaaten ihre Führerschaft verloren haben. In Brüssel oder Frankfurt an der EZB werden derzeit neue Regeln geschaffen, die keiner kennt.

OP : Würden Sie in einer neuen griechischen Regierung wieder ein Amt übernehmen?

Varoufakis : Du wirst Minister, wenn du die Möglichkeit siehst, etwas Gutes zu machen.

von Anna Ntemiris

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„Kein Sauerstoff mehr in Europa“

Der griechische Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis sprach am Donnerstagabend im Marburger Technologie- und Tagungszentrum (TTZ). „Europa vom Kopf auf die Füße stellen“ lautete der Titel der Veranstaltung, die die Bundestagsfraktion Die Linke orga­nisiert hatte.

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