Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 6 ° Regenschauer

Navigation:
Sterbehilfe: Letzte Heimat Hospiz

OP-Dossier Sterbehilfe Sterbehilfe: Letzte Heimat Hospiz

Dr. Hans Albrecht Oehler, Geschäftsführer des Marburger Hospizes, spricht im OP-Interview über den Wunsch zu sterben, die Grenzen der Pallivativmedizin und wieso ärztlich assistierter Suizid ein Irrweg sein kann.

Voriger Artikel
16-Jährige verletzt
Nächster Artikel
Zuverlässig als „Manager“ und Berater

Marburg. Die Endstation des Lebens beginnt auf einer Warteliste: Zehn Zimmer hat das Hospiz in der Cappeler Straße, das von einem Verein getragen und von Spenden gestützt wird.

OP: Gibt es eigentlich einen traurigeren Ort als das Hospiz?

Dr. Hans Albrecht Oehler: Viele Orte sind trauriger. Der drückende Tod hängt nicht über allem. Die Tage sollen hier mehr Leben haben. Es wird gesungen, gemalt, gebastelt, gelacht - und ja, dann auch gestorben.

OP: Können Sie jedem einen schmerzlosen Tod garantieren?

Oehler: Völlige Schmerzfreiheit gibt es im ganzen Leben nicht. Abschiedsschmerz, Trauer, die empfindet jeder. Wir können körperlich viel lindern, so, dass die Patienten es aushalten, zufrieden sind. Absolut symptomfrei, das geht aber nicht.

OP: Wieso haben die Menschen Angst vor einem qualvollen Tod?

Oehler: Vorab: Ein qualvoller Tod ist die Ausnahme. Aber versprechen kann ich es als Mediziner niemandem, dass es nicht dazu kommt. Vor allem der Erstickungstod wird gefürchtet. Ich glaube aber, die eigentliche Angst ist die des Kontrollverlusts über den Körper - auch und gerade in den letzten Minuten des Lebens. Dass es da keine Autonomie mehr gibt, das erschreckt so viele.

OP: Wo liegen die Grenzen der Palliativmedizin?

Oehler: Sie kann das Sterben erträglicher machen. Das Leben verkürzen soll sie nicht, darf sie nicht. Auch all die Dinge, die in Biografien verkehrt gelaufen sind, lassen sich am Sterbebett nicht ändern.

OP: Wieso wollen Menschen vorzeitig sterben?

Oehler: Sie haben Angst vor dem Sterbeprozess, den wollen sie nicht durchleben. Oder sie haben schlechte Therapie-Erfahrungen, sind das leid. Daher rührt der Wunsch nach einer vorzeitigen Beendigung des Lebens.

OP: Wie verhalten Sie sich, wenn sich ein Gast nun doch im Hospiz unbedingt umbringen will?

Oehler: Wir sprechen mit ihm, zeigen die Alternativen auf. Aber fast jeder Patient in unserem Hospiz weiß genau, dass eine hohe Dosis seiner Medikamente tödlich ist. Wenn sich jemand wirklich töten würde wollen, müsste er nur die ganzen Pillen in seiner Schublade schlucken und würde daran sterben.

OP: Viele wollen ihre Würde behalten, nicht zum Pflegefall oder dement werden. Darf eine Gesellschaft jemandem die Möglichkeit nehmen, selbst zu entscheiden wann er nicht mehr leben will?

Oehler: Nein. Sie verwehrt es einem jedoch auch nicht. Suizid ist erlaubt, die freie Entscheidung eines jeden muss man respektieren. Aber ein Arzt kann nicht sagen, dass er es für jemanden tut, ihm dabei hilft. Wenn sich bei uns im Hospiz ein Gast trotzdem etwa für einen Therapieverzicht entscheidet, machen wir das mit.

"Das Leben muss einen Wert haben"

OP: Ist es dann noch ein Unterschied, ob man einem Menschen einen Giftcocktail mischt und auf den Tisch stellt, oder ob man ihm diesen gleich verabreicht?

Oehler: Es geht um Tatherrschaft, letztlich ist das rein theoretisch. Ein freiwilliger Dialyse-Abbruch etwa führt binnen weniger Tage zum Tod, Flüssigkeits-verzicht auch. Das ist aber etwas anderes, als den Giftbecher hinzustellen. Wir lassen lediglich den natürlichen Sterbeprozess zu.

OP: Die Mehrheit der Deutschen, so belegen mehrere aktuelle deckungsgleiche Umfragen, spricht sich für eine Legalisierung von aktiver Sterbehilfe aus.

Oehler: Wüssten mehr um das Auffang-Netz der Hospize und die gute Begleitung, wäre das wohl anders. Das Problem ist, dass viele nicht mehr die Verantwortung für ihr Leben tragen möchten. Sie wird auf andere abgewälzt. Ohnehin: Es sind die Gesunden, die aktiv im Leben stehen, die den Gedanken an eine Einschränkung ihres Lebens nicht ertragen können.

Erstmals Paliativmedizin als Pflichtfach

OP: Es ist eine paradoxe Situation, dass die moderne Medizin die Lebensverlängerung möglich macht, Ärzte aber gebeten werden, beim Sterben zu helfen.

Oehler: Das Leben muss einen Wert haben. Was bringt eine Therapie, die einen Krebskranken vier Monate länger leben lässt, er aber drei Monate mit Erbrechen im Krankenhaus liegt? Dann doch lieber die verbleibende Zeit in Würde verbringen.

OP: Wie ist Ihre Position in der aktuellen Debatte rund um die Sterbehilfe, speziell den ärztlich assistierten Suizid?

Oehler: Ausgerechnet ein Arzt soll die Verantwortung für einen Suizid übernehmen, die der Patient nicht übernehmen möchte. Was mutet man Ärzten da zu? Wie gesagt: Fast jeder Patient im Hospiz weiß um die tödliche Nebenwirkung einer Überdosierung, die er selbst herbeiführen könnte.

OP: Wie kommt es, dass auch in Ärztekreisen nach wie vor große Unkenntnis der Palliativmedizin vorherrscht?

Oehler: Erstmals, seit Wintersemester 2013/2014 ist die Palliativmedizin ein eigenes Pflichtfach in der Ärzteausbildung. Jedoch gibt es in Hessen noch keinen Lehrstuhl an einer Universität. Aber in einigen Jahren sollte jeder Arzt gute Kenntnisse in diesem Bereich haben.

OP: Was sind die letzten Gedanken von Todkranken?

Oehler: Die häufigste Sorge eines Sterbenden ist, nicht genug für die Familie vorgesorgt zu haben.

Aktuelle Umfrage: Jeder Dritte möchte am Liebsten im Hospiz sterben

Wie wollen die Deutschen sterben? Die Mehrheit wünscht sich laut einer aktuellen, repräsentativen Umfrage, im Moment des Todes nicht
allein zu sein, die meisten möchten vom Lebenspartner begleitet werden.

Fast jeder Dritte (27 Prozent) in Deutschland will in einem Hospiz sterben. Das geht aus der gestern veröffentlichten Studie der „Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege“ hervor. Übertroffen wird diese Angabe nur von denjenigen, die zu Hause sterben wollen – das möchte rund jeder Zweite (49 Prozent).
Die große Mehrheit wünscht sich außerdem, nicht allein zu sterben. Von denjenigen, die selbst schon einmal Erfahrung mit der Pflege oder Sterbebegleitung eines Angehörigen gemacht haben, würden 70 Prozent gerne begleitet aus dem Leben gehen. Von den Befragten ohne diese Erfahrung möchten das 56 Prozent.

Der Lebenspartner (82 Prozent) und Familienangehörige (70 Prozent) sind die bevorzugten Begleitpersonen. Immerhin jeder Vierte (25 Prozent) gab an, sich auch von einer professionellen Pflegekraft begleiten zu lassen. Eine seelsorgerische oder spirituelle Begleitung wie einen Pfarrer würden nur 18 Prozent in Betracht ziehen.

Das wichtigste für die Versorgung am Lebensende ist für die Mehrheit der Befragten (86 Prozent), dass körperlich belastende Symptome wie Schmerzen, Luftnot oder Übelkeit so gut wie irgend möglich gelindert werden. 63 Prozent ist es sehr wichtig, dass Hilfsmittel und Medizinprodukte verfügbar sind, damit sie bis zuletzt zu Hause bleiben können.

Schmerzen am Lebensende sind die größte Sorge, die mit dem Sterben einhergeht: 78 Prozent der Befragten haben große Befürchtungen, mit Schmerzen oder anderen sehr belastenden Symptomen zu sterben. 57 Prozent macht es Angst, Menschen allein zurückzulassen.

Wer schon einmal einen Sterbenden gepflegt oder begleitet hat, schätzt die Versorgung etwa durch Ärzte, Pflegekräfte oder das soziale Umfeld recht positiv ein: 72 Prozent sagten, die Versorgung sei eher gut oder sogar sehr gut. Insgesamt gaben 42 Prozent der Befragten an, bereits eine sterbende Person gepflegt beziehungsweise beim Sterben begleitet zu haben oder dies derzeit zu tun.

  • Für die repräsentative Untersuchung befragte das Institut Forsa 1007 Personen ab 18 Jahren.

Hospiz in Zahlen

Zimmer: 10
Mitarbeiter:     22
Helfer: 40
Aufenthalts-Tage: 17
Kosten(Euro pro Tag): 294 - 90 Prozent dieses Betrages zahlen die Krankenkassen

Interview von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr