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Steinmühle will Flüchtlinge zum Abi führen

Programm „Willkommen bei Freunden“ Steinmühle will Flüchtlinge zum Abi führen

Das Landschulheim Steinmühle will im Herbst minderjährige Flüchtlinge, die allein in Deutschland ankommen, unterrichten und möglichst zum Abitur führen.

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Ein minderjähriger Flüchtling beim Deutschunterricht in einer Auffangeinrichtung in Frankfurt. Marburg will die Betreuung unbegleiteter Flüchtlinge intensivieren.

Quelle: Boris Roessler / dpa

Marburg. Die beiden Schulleiter Björn Gemmer und Bernd Holly berichteten am Donnerstag, dass ein Internatsgebäude leergeräumt und für die Flüchtlinge zur Verfügung gestellt werden könnte. Die Eltern sind bereits über die Überlegungen informiert, eine Betriebsgenehmigung soll schnell beantragt werden. Die Verhandlungen über einen Mietvertrag für das Gebäude sind schon relativ weit fortgeschritten.

Untergebracht würden die „unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge“, wie sie im sperrigen Amtsdeutsch heißen, in Einzelzimmern von etwa 12 bis 14 Quadratmetern Größe mit Gemeinschafts-Sanitäranlagen auf dem Flur. Platz wäre für 14 Flüchtlinge.

Sobald die Betriebsgenehmigung erteilt ist, sollen zusätzliche Lehrer eingestellt werden, die für Deutsch-Intensivkurse ausgebildet sind. Mindestens ebenso wichtig ist aber, so betont Gemmer, die psychosoziale Betreuung der jungen Leute, die überwiegend traumatisiert durch ihre monate-, manchmal jahrelange Flucht sind. „Unsere Zielvorstellung ist es, die jungen Leute zum Abitur zu führen“, betont Holly, „das geht natürlich über Deutsch-Intensivkurs klar hinaus.“

Marburg bietet sich für Betreuung an

Unterstützt wird die Steinmühle in ihren Überlegungen von der Gisa, der „Gesellschaft für innovative Sozialarbeit“, einer „Tochter“ des St.-Elisabeth-Vereins. Das Fortbildungsinstitut hat Erfahrungen im sozialpädagogischen Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen, berichtet Steinmühlen-Geschäftsführer Dirk Konnertz. Angebote in Sport und Erlebnispädagogik müssten hinzukommen, Näheres könne man aber erst dann sagen, wenn die Jugendlichen hier eingetroffen sind.

Das Jugendamt, das die Aufnahme jugendlicher Flüchtlinge initiiert hatte, will, so Gemmer, Sorge dafür tragen, dass bei der Auswahl der Flüchtlinge darauf geachtet wird, dass sie eine Chance auf die Erlangung des Abiturs haben. „Das schließt vor allem einen mehrjährigen Schulbesuch im Heimatland ein“, sagt Holly. In einem Brief an die Eltern hat Gemmer auf die Vorteile der Iniatiative hingewiesen.

„Der Kontakt zu einer überschaubaren Anzahl hilfsbedürftiger Menschen anderer Kulturen wäre der Persönlichkeitsentwicklung unserer Schülerinnen und Schüler vermutlich dienlich“, schreibt Gemmer an die Eltern, „insbesondere, weil unsere Schülerinnen und Schüler mehrheitlich dem eher privilegierten Teil der Bevölkerung angehören.“

„Willkommen bei Freunden“

Eltern, Lehrer und Schülervertretung stehen dem Vorhaben positiv gegenüber, berichtet Konnertz, und Holly ergänzt: „Wo, wenn nicht in Marburg, können wir diese Flüchtlinge integrieren?“ „Wo, wenn nicht an der Steinmühle mit unserem ausgeprägten pädagogischen Konzept?“, fügt Gemmer hinzu.

Die Unterbringung minderjähriger unbegleiteter Flüchtlinge an der Steinmühle ist Teil eines Konzepts, an dem das Jugendamt arbeitet. Marburg strebe an, als Schwerpunkt für die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge anerkannt zu werden, bestätigte Bürgermeister und Jugenddezernent Dr. Franz Kahle. Einzelheiten wollte er noch nicht nennen.

Mit dem Programm „Willkommen bei Freunden“ unterstützt der Bund ab sofort Kommunen bei der Aufnahme von jungen Flüchtlingen. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) strebt ein Gesetz an, das jungen Flüchtlingen ein Bleiberecht für die Zeit ihrer Ausbildung garantiert. Das Familienministerium will die Kommunen mit Beratungsangeboten beim Aufbau von lokalen Integrationsprojekten unterstützen. Die Kommunen sollen außerdem mit 12 Millionen Euro jährlich unterstützt werden.

Unterdessen gibt es Neuigkeiten bei dem Bemühen, allen schulpflichtigen Flüchtlingen in Marburg den Schulbesuch zu ermöglichen. Das Kultusministerium genehmigte nach wochenlangem Zögern zusätzliche Mittel, die die Einrichtung einer Klasse an der Emil-von-Behring-Schule ab nächster Woche ermöglichen.

Marktplatz soll Symbol für Integration werden

Der Magistrat wird diesen Freitag in der Sitzung des Stadtparlaments einen ausführlichen Überblick über die finanziellen und organisatorischen Anstrengungen der Stadt bei der Sprachförderung für Flüchtlinge geben.

Das Stadtparlament wird diesen Freitag nach Lage der Dinge mit großer Mehrheit, aber gegen die Stimmen der CDU, einem Antrag der Marburger Linken zustimmen, dass der Marktplatz künftig an jedem ersten Sonntag im Juli (dem früheren Termin für den in diesem Jahr abgesagten Marktfrühschoppen) für eine Veranstaltung reserviert wird, die Weltoffenheit und Toleranz in Marburg zum Ausdruck bringt.

In diesem Jahr ist eine gemeinsame Fürbittenveranstaltung aller Religionsgemeinschaften für Flüchtlinge geplant. Gegen eine solche Veranstaltung hätten etwaige Klagen vor dem Verwaltungsgericht keine Chance, sagte Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD).

von Till Conrad

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