Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Stein von Bortshausen bleibt stehen

Gericht entscheidet Stein von Bortshausen bleibt stehen

Die Kameradschaft Marburger Jäger muss ihren Gedenkstein nicht von einem Gartengrundstück in Bortshausen entfernen. Das entschied das Verwaltungsgericht in Gießen.

Voriger Artikel
25 und 40 Jahre im Dienste der Stadt
Nächster Artikel
„Für die meisten ein Weg in den Tod“

Auf einem Gartengrundstück in Bortshausen steht dieser Gedenkstein der Marburger Jäger. Das Verwaltungsgericht Gießen entschied, dass der Stein hier stehenbleiben darf.

Quelle: Thorsten Richter

Bortshausen. Das Denkmal war 2011 von der Kameradschaft Marburger Jäger erworben und in einem Privatgrundstück in Bortshausen aufgestellt worden. Es sorgt seitdem immer wieder für heftige politische Diskussion.

Die Aufstellung des Gedenksteins für die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 sowie des Ersten Weltkriegs war zunächst vom hessischen Wirtschaftsministerium für unrechtmäßig erklärt worden, danach war dieser Beschluss aber revidiert worden.

Die Stadtverordnetenversammlung hatte gefordert, dass der Stein zu entfernen sei. Der Magistrat hatte dem Verein eine Abrissverfügung zugestellt, die Marburger Jäger hatten widersprochen und im Sommer 2015 gegen die Verfügung geklagt. Nach einem Jahr Verfahrensdauer gab das Verwaltungsgericht der Klage gegen die Beseitigung des Gedenksteins nun statt.

Die Stadt Marburg hatte in ihrer Abrissverfügung bemängelt, die Aufstellung des Steins verstoße gegen die Bestimmungen des Flächennutzungsplans.

In der Urteilsbegründung heißt es, dass der Gedenkstein an seinem jetzigen Standort nicht gegen Bauplanungsrecht verstoße. Ein Gedenkstein in der Größenordnung, wie er hier vorhanden ist, stehe nicht im Widerspruch zu einer Nutzung der Grundstücke am Ortsrand von Bortshausen als Freizeitgärten.

Entgegen der Auffassung der Stadt Marburg sei das Gartengrundstück auch nicht als Gedenkplatz zu werten.

Insofern, so das Verwaltungsgericht in einer Pressemitteilung, sei der Gedenkstein zulässig, da eine „Beeinträchtigung öffentlicher Belange“ von ihm nicht ausgehe. Die Aufstellung des Steins sei zudem durch das Grundrecht auf Kunstfreiheit geschützt.

„Im Übrigen“, bemerkt das Verwaltungsgericht, „handelt es sich objektiv um einen gewöhnlichen Gedenkstein für im Krieg gefallene Soldaten.“ Die Gesamtbetrachtung der Inschriften auf dem Stein mache deutlich, dass „hier nicht dem Krieg oder den in ihm kämpfenden Heer gehuldigt wird, sondern dem Leid in der Schlacht und denen, die dabei gefallen sind.“

Heftige Proteste gegen Aufstellung des Steins

Die Marburger Jäger, seit 1866 in Marburg stationiert, sind umstritten. Sie waren im 19. und 20. Jahrhundert mehrfach in Kriegsverbrechen und andere Gräueltaten verwickelt, unter anderem in das Massaker an der Zivilbevölkerung im belgischen Dinant am 23. August 1914.

Ausführlich beschreibt dies eine Studie der Marburger Geschichtswerkstatt, die im Auftrag der Marburger Stadtverordnetenversammlung erstellt wurde. Die Kameradschaft Marburger Jäger wirft den Autoren ihrerseits Geschichtsfälschung vor.

Gegen die Aufstellung des Steins hatte es heftige Proteste gegeben. Unter anderem hatte eine Menschenrechtlerin aus Namibia, die sich für die Rechte der Herero einsetzt, im März 2014 den Gedenkstein besucht und anschließend seine Entfernung gefordert. Hintergrund: Mindestens 23 Angehörige des „Kurhessischen Jägerbataillons Nr. 11“ hatten sich nach Erkenntnissen der Geschichtswerkstatt freiwillig zu dem Einsatz in damaligen „Deutsch-Südwest“ gemeldet.

Der verniedlichend als „Aufstand der Herero und Nama“ bezeichnete Kolonialkrieg zwischen den deutschen Truppen und den Völkern der Herero und Nama während der Jahre 1904 bis 1908 mündete nach der Niederschlagung des eigentlichen Aufstandes in einen Völkermord durch die deutsche Kolonialmacht.

Klaus Jürgen Böckler, Vorstandsmitglied der Kameradschaft Marburger Jäger, kommentierte das Urteil des Verwaltungsgerichts zufrieden. Es sei „abzusehen“ gewesen, nachdem die Stadt Marburg angeboten hatte, den Stein auf eigene Kosten abzubauen und einzulagern. Böckler wandte sich erneut gegen die Bezeichnung des Steins als „Kriegsdenkmal“: „Er ist ein Gedenkstein für die, die von den Herrschern eingesetzt wurden, um Krieg zu führen.“

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Marburgs Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) kündigte an, die Stadt wolle zunächst die Urteilsbegründung abwarten und dann über eine mögliche Berufung entscheiden. Zudem solle das Stadtparlament in dieser Frage einbezogen werden.

von Till Conrad

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr