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Statt bergsteigen Täler durchwandern

Parkinson-Erkrankung Statt bergsteigen Täler durchwandern

Seit vier Jahren leidet Jürgen Mette an der Parkinson-Krankheit. Deswegen gibt der 60-Jährige jetzt seinen Posten als Geschäftsführender Vorsitzender der Stiftung Marburger Medien auf.

Marburg. „Ich will öffentlich machen: Wer Parkinson-Kranker ist, muss nicht verzweifeln“: Diese Botschaft möchte Jürgen Mette weitergeben. Die Erfahrungen in seinem jetzt vier Jahre andauernden Umgang mit der Parkinson-Erkrankung hat er in einem Buch aufgeschrieben, das er gestern in den Räumen der Stiftung Marburger Medien präsentierte. Auch weil er die Krankheit wegen des damit verbundenen häufigen krampfhaften Zitterns nicht verbergen kann, hat er sich entschlossen, sie öffentlich zu machen.

Es war im Januar 2009, als Mette. der langjährige Prediger und Geschäftsführer des christlichen Medienhauses während der Dreharbeiten für einen Fernsehfilm auf der Wartburg auf den Spuren der heiligen Elisabeth zum ersten Mal die Symptome der Krankheit spürte. „Ich wurde vom Kameramann gefragt, warum ich denn so zittere“, erinnert sich Mette. Zunächst habe er es darauf zurückgeführt, dass es in dem Saal auf der Burg sehr kalt gewesen sei. Doch auch das Aufstellen der Heizung habe das Zittern nicht abgestellt.

Ein MRT-Aufnahme des Gehirns gab dann im Frühjahr 2009 endgültige Klarheit: Die Diagnose Parkinson führte bei Mette zu einer vierwöchigen tiefen Depression. „Ich bin normalerweise eine Frohnatur. Doch als die Diagnose auf dem Tisch lag, bin ich erst mal abgestürzt. Nicht einmal Musik hat mir als Trost geholfen“, berichtet Jürgen Mette. Nur dank der Unterstützung seiner Frau Heike und seiner Kinder sowie des Teams der Stiftung Marburger Medien habe er diese depressive Phase überstanden. Doch die Parkinson-Krankheit, die er für sich selber „Herrn P.“ nennt, ist seit 2009 sein ständiger Begleiter und ist immer noch ein Anlass, zu verzweifeln.

Krankheit wirkt sich auf den Alltag aus

„P., ich hasse dich! Und ich werde dich täglich verachten. Ich denke nicht daran, mit dir mein Leben zu teilen. Ich dementiere die Demenz, du Totengräber der Hoffnung auf einen schönen Ruhestand“, schreibt Mette in seinem Buch. Die Auswirkungen der Krankheit beginnen bei ganz alltäglichen Verrichtungen. „Alles dauert langsamer. Die ganzen feinmotorischen Fertigkeiten wie beispielsweise Schuhebinden funktionieren nicht mehr wie vorher“, beschreibt Mette. Statt früher Berge zu besteigen, kann er heute nur noch durch Täler wandern. Aber immer noch kann er sehr viel. „Alles außer Mikado“, hat er einmal scherzhaft auf einen hartnäckigen Frager geantwortet. Denn für das Mikado-Spiel mit den dünnen Stäbchen darf man nicht zittern.

Es gab aber auch noch gravierendere Auswirkungen auf sein Berufsleben als Geschäftsführer. „In Vorstandssitzungen saß ich wie ein Häufchen Elend und wurde von Tränen übermannt“, erzählt Mette. Sein behandelnder Arzt warnte ihn schon früh zeitig davor, dass übermäßiger Stress die Krankheitssymptome verschärfen könne.

Zunächst hatte Mette trotzdem geplant, seinen Posten als Geschäftsführer erst 2015 aufzugeben. Doch nachdem die Symptome in den vergangenen Wochen stärker wurden, hat er nun die Notbremse gezogen: Er ist ab dem 1. Februar nur noch stellvertretender Vorsitzender. Nach wie vor soll er in dieser Funktion die Stiftung nach außen vertreten. „Gleichzeitig bekomme ich mehr Zeit für Vorträge und Predigten“, so Mette. Das operative Geschäft übernimmt an seiner Stelle zunächst interimsmäßig Harry Wollmann, der als Direktor der Studien- und Lebensgemeinschaft Tabor im September aufhört.

Die Lebenskrise führte bei Jürgen Mette zunächst auch zu einer Glaubenskrise, aus der er aber nach eigenem Bekunden gestärkt hervorgegangen ist. So könne er sich nun besonders in seinen Predigten dank der durchlebten Krankheitskrise besser in die Lebenswirklichkeit seiner Zuhörer einfühlen. „Mir wird gesagt, dass ich heute nahbarer und verletzlicher predige“, berichtet Mette.

Nicht so leicht lässt sich jedoch darauf antworten, wieso Gott ihn nicht vor der Krankheit bewahrt hat. „Mein harmonisches Bild von Gott ist in die Krise gekommen“, schreibt Mette. „Diese Frage ist und bleibt die unlösbare Frage des christlichen Glaubens, die ungesicherte Hintertür, durch die jeder Kritiker frech einbrechen darf“, gesteht er. Jetzt nach vier Jahren hat er aber zumindest vorerst seinen Frieden mit „Herrn P.“ gemacht und entdeckt in der Krankheit auch Positives. „Die Erfahrung von Schwäche macht mich barmherziger, vielleicht auch geduldiger. Ein zitterfreier Auftritt ist keine Bedingung für einen überzeugenden Dienst“, bilanziert Mette gegen Ende seines Buchs. Am 28. April ab 11 Uhr stellt Jürgen Mette sein Buch im Café Vetter vor.

  • Jürgen Mette: Alles außer Mikado. Leben trotz Parkinson. Gerth Medien. 192 Seiten. 14,99 Euro.

von Manfred Hitzeroth

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