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Starke Kinder, die ihrer Familie helfen

Projekt "Starkids" Starke Kinder, die ihrer Familie helfen

Wenn Mitschüler andere Menschen als "behindert" beschimpfen, fühlen sie sich sprachlos oder sind wütend. Kinder, die kranke Familienangehörige haben, sind sensibel und aufmerksam. Aber auch sie wollen mal aufdrehen.

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Yvonne Schuß (rechts) vom Kinderzentrum Weißer Stein leitet die „Starkids“. Leonie (Dritte von rechts) und Fabian (Zweiter von links) wollten für das Pressefoto ihre Geschwister dabeihaben. Zu den „Starkids“ kommen Kinder mit kranken Familienangehörigen.

Quelle: Anna Ntemiris

Marburg. Das Treffen der „Starkids“ beginnt mit einem kleinen Ritual: Die Jungen und Mädchen sitzen auf Sofas. Auf dem Tisch stehen Schälchen mit Gummibärchen und Nüssen, Wassergläser sowie viele bunte Postkarten. Jeder darf eine oder zwei Karten aussuchen, sagt Gruppenleiterin Yvonne Schuß. Es ist ruhig, die Kinder lassen sich mit der Auswahl Zeit.

Dann beginnt die Erzähl-Runde: Jeder erklärt, welche Karte er warum ausgewählt hat. „Ich bin heute fröhlich“, sagt ein Mädchen und zeigt eine bunte Karte. „Mir geht es gut, ich habe in zwei Tagen Geburtstag“, erklärt Fabian (9). Leonie (10) berichtet: „Ich bin traurig, weil wir unseren Hund abgeben mussten. Wir haben in der Familie keine Zeit mehr für den Hund.“ Das Mädchen ergänzt: „Und ich bin froh, dass ich heute hier bin.“

Die Kinder besuchen die Gruppe „Starkids“, ein Projekt des Landkreises in Zusammenarbeit mit dem Kinderzentrum Weißer Stein in Wehrda. Der Name steht für starke Kinder mit chronisch kranken, pflegebedürftigen oder behinderten Geschwistern. Das „Starkids“-Projekt bietet Eltern Entlastung an. Die „Starkids“ machen regelmäßig Ausflüge oder treffen sich im Jugendhaus Wehrda zum Spielen. „Hier in der Gruppe drehen die Kinder, die zu Hause viel helfen, mal richtig auf“, sagt Yvonne Schuß.

Kinder reflektieren in der Gruppe und toben sich aus

Während Leonie in der Gruppe von ihrem Hund erzählt, sitzt ihre Mutter Tanja Dönges im Nebenraum mit dem Geschwisterkind. Der Weg vom Wohnort der Familie nach Wehrda ist für sie zu weit, um für eine Stunde wieder nach Hause zu fahren. Daher bleibt Tanja Dönges an diesem Tag in Wehrda.

Von der Aussage ihrer Tochter über ihre Traurigkeit hat sie nichts mitbekommen. Als sie später davon erfährt, kommen ihr die Tränen. Die Familie hat den Hund abgeben müssen, bestätigt sie im OP-Gespräch.

Man habe einfach keine Zeit mehr für das Haustier. Tanja Dönges erzählt, wie sich seit der Geburt ihres Sohnes - er hat das Down-Syndrom - der Familienalltag verändert hat. „Er hat unser Leben bereichert, auch wenn das Kind ungeplant kam“, sagt Dönges. Anfangs sei sie gefragt worden, warum sie nicht abgetrieben habe. Erstens habe sie erst nach der Geburt von der Behinderung erfahren und zweitens: Warum sollte sie, fragt sie. Leonie nehme ihren kleinen Bruder so an wie er sei und kümmere sich ganz liebevoll um ihn. Doch Tanja Dönges erzählt auch, dass Leonie sich als Schwester häufig zurücknehme.

Ehrenamtliche Paten werden gesucht

Die Zuwendung, die der Kleine bekomme, möchte sie auch ihrer Tochter geben, betont sie. Auch Fabian hat einen jüngeren Bruder, dessen Eltern sich viel Zeit für ihn nehmen müssen. Er ist unheilbar krank. Fabian übernimmt viel mehr Verantwortung für seinen Bruder als Gleichaltrige dies in der Regel tun, sagt Schuß. Fabians Mutter Tanja Becker bestätigt dies: „Fabian will auch gern mal betüttelt werden, ein Brot geschmiert bekommen.“

Dafür hat sie nicht immer Zeit. Umso mehr freut sich Fabian über seinen „Paten“. Die „Starkids“ haben Paten, die ehrenamtlich etwa einmal pro Woche mit ihnen Zeit verbringen und gemeinsam etwas unternehmen, „vielleicht gerade in der Zeit, in der die Eltern Arztbesuche mit dem anderen Kind wahrnehmen müssen“, erklärt Schuß.

Das Paten-Angebot wird sehr gut angenommen, aber es fehlen ehrenamtliche Mitarbeiter - insbesondere in den Orten außerhalb der Kernstadt Marburgs. Manche Kinder berichten im OP-Gespräch, dass sie nur mit den „Starkids“ oder ihren Paten Ausflüge unternehmen. Die Kinder klagen nicht. Sie erklären. Auch berichten sie, dass ihre Mitschüler häufig kein Verständnis für ihre Familiensituation zeigen.

Wenn sie Sprüche höre wie „Der ist ja behindert“ entgegne sie, dass sie solche Sätze nicht gut findet, sagt Leonie. Bei den „Starkids“ sprechen die Kinder auch über den Umgang mit solchen Konflikten in der Schule. Die Stärkung des Selbstbewusstseins ist ein Anliegen.

von Anna Ntemiris

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Von Redakteur Anna Ntemiris

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