Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Stagnation in der Nordstadt

Verkehrsversuch Stagnation in der Nordstadt

In der Nordstadt wird es keine zusätzliche Linksabbiegerspur geben. „Diese Planungen werden nicht weiterverfolgt“, heißt es von der Stadtverwaltung auf OP-Anfrage.Was bedeutet das für den Verkehrsversuch?

Voriger Artikel
Weihnachtsfeier für Gassigeher und Katzenschmuser
Nächster Artikel
Sieben neue Helferinnen für das Leben im Alltag

Taxi-Unternehmer Hassan Sorany klagt, wie Hunderte Autofahrer, über die Verkehrssituation in der Nordstadt.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der Grund für die Ablehnung des Vorschlags, den Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) vor Monaten­ äußerte, sind die Ergebnisse­ der Vibrationsmessungen­ durch die Philipps-Universität. In der alten Augenklinik, in der mit empfindlichen Geräten­ ­gearbeitet wird, ist nach Angaben der Universität die Tole­ranzgrenze in Bezug auf die ­Vibrationen durch den Straßenverkehr in der Robert-Koch-Straße bereits erreicht. Eine zusätzliche Abbiegespur von der Bahnhofstraße, die auf dem Gelände der Uni verlaufen würde, liege dichter an dem Gebäude als die bisherige Fahrbahn, was die Vibrationen verstärken ­würde.

Was ist Ihre Meinung: Soll die aktuelle Verkehrsführung beibehalten werden? Stimmt Sie hier ab.

Die Verkehrs-Reform in der Nordstadt ist ungeachtet dessen auch mehr als ein Jahr nach ihrer Einführung umstritten. Die OP wiederholte ihre Abbieger-Stichprobenzählung zu den Hauptverkehrszeiten, das Resultat: Die Quote stagniert, im Zählzeitraum zwischen dem 15. und 24. November dieses Jahres wählten nicht mehr Autofahrer den Weg durch die Robert-Koch-Straße als im Herbst 2015.

Dienstag:

  • 7 bis 7.30 Uhr: 32 von 328
  • 7.30 bis 8 Uhr: 38 von 347
  • 8 bis 8.30 Uhr: 29 von 291
  • 16 bis 16.30 Uhr: 37 von 381
  • 16.30 bis 17 Uhr: 34 von 294
  • 17 bis 17.30 Uhr: 34 von 287

Ergebnis: Von 1928 Autos (Busse außen vor gelassen), die in diesem Zeitraum auf der Bahnhofstraße fuhren, bogen 204 links ab. Das entspricht 9,5 Prozent. Vor einem Jahr waren es zehn Prozent.

Mittwoch:

  • 7 bis 7.30 Uhr: 34 von 342
  • 7.30 bis 8 Uhr: 44 von 360
  • 8 bis 8.30 Uhr: 31 von 292
  • 16 bis 16.30 Uhr: 27 von 274
  • 16.30 bis 17 Uhr: 28 von 281
  • 17 bis 17.30 Uhr : 21 von 260

Ergebnis: Von 1809 bogen 185 in die Robert-Koch-Straße ab. Das entspricht zehn Prozent - der gleiche Wert wie im Vorjahr.

Donnerstag:

  • 7 bis 7.30 Uhr: 48 von 357
  • 7.30 bis 8 Uhr: 47 von 391
  • 8 bis 8.30 Uhr: 34 von 292
  • 16 bis 16.30 Uhr: 32 von 283
  • 16.30 bis 17 Uhr: 38 von 290
  • 17 bis 17.30 Uhr: 37 von 298

Ergebnis: Von 1911 bogen 236 ab. Das entspricht 12,5 Prozent. Im Vorjahr waren es 11,5 Prozent.

Damit liegt die Zahl derer, die auf ihrem Weg durch die Stadt die Elisabethstraße meiden, deutlich unter der gestellten Prognose von mindestens 25 Prozent.

Stadt erkennt „Beruhigung“ - und erntet Unverständnis

Und die Stauprobleme? „Es wird eher schlimmer als besser“, sagt Hassan Sorany, Inhaber der gleichnamigen Taxifirma auf OP-Anfrage. Schon vor einem Jahr wies er - wie andere Taxi- und Pflegedienste - auf Stauprobleme hin, kaum jemand mache von der Abbiegemöglichkeit Gebrauch. „Erst erstickt die Nordstadt, dann ganz Marburg. Die Durchlässigkeit ist nicht gegeben, es stockt zwischen den zig Ampeln - das ­alles ist einfach chaotisch und frustrierend,“ sagt er. Die Zahl der Autos habe nicht abgenommen und werde es auch künftig nicht, „da können die Stadtverordneten noch so sehr Politik gegen Autofahrer machen“.

Personenbeförderer und Pendler würden täglich unter den Folgen des „missratenen Verkehrsexperiments“ leiden, bisweilen dauere die Fahrt zwischen Hauptbahnhof und Oberstadtaufzug 30 Minuten - wofür kein Kunde Verständnis habe.

„Das Ganze bringt nichts, es hätte alles bleiben sollen wie es war.“ Erleichtert ist Sorany nur über das parlamentarisch beschlossene Sanierungs-Aus für die Weidenhäuser Brücke: „Wenn die jetzt noch gemacht würde, ständen alle Autofahrer schon in Parkhäusern im Stau.“

Von der Stadtverwaltung heißt es auf OP-Anfrage hingegen, dass sich die Verkehrssituation­ im Laufe des Jahres „beruhigt“ habe. Das liege an der ­angepassten Ampelschaltung, der Zusatzbusspur nahe der B3-Brücke und der zunehmenden Gewöhnung an die Spurveränderung. Gewöhnung? „Das Einzige, an das man sich gewöhnt haben mag, sind die Staus samt Warterei. Das als ­eine Verbesserung der Situation zu bewerten, ist absurd“, entgegnet Karl-Heinz Hocke (61), der am Ortenberg wohnt, im OP-Gespräch.

Mit der Reform geht aus Sicht der Verwaltung indes eine „Entlastung der Elisabethstraße einher“ - und generell seien die „Wege für Autoverkehr in der Nordstadt kürzer“. Zudem sorgen zwei Mittelinseln für mehr Fußgänger-Sicherheit, Radler profitieren von den Fahrspuren in beide Richtungen. „Prinzipiell finde ich die Idee für ­einen Interessenausgleich aller­ Verkehrsteilnehmer gut, aber ob diese Regelung auf einer der Einfallstraßen besser und sicherer für Radfahrer ist, bezweifele ich ­angesichts der ­Enge und des vielen Verkehrs doch sehr“, sagt Karin Monckenhaupt (54).

Nach OP-Informationen ist die Neuregelung jedoch mittlerweile auch verwaltungsintern hoch umstritten. Nicht nur, weil die Entlastung für die Elisabeth-straße weitaus geringer ausfällt als das vorab berechnet wurde, sondern auch, weil sich im Zuge des Verkehrsversuchs in anderen Bereichen der Stadt Staus samt Auto-Standzeiten verlängert haben - etwa zwischen Marbach und Deutschhausstraße. Eine Entwicklung, die so bei den Vorab-Simulationen offenbar nicht vorhergesehen wurde. Den Verkehrsversuch, dessen Auswertung für Sommer dieses Jahres angekündigt war, aber ausblieb, nicht als gescheitert zu bezeichnen, sei eine „rein politische Entscheidung“, sagt ein Verwaltungsmitarbeiter der OP. Mit einer Rückkehr zur Einbahnstraßenregelung in der Robert-Koch-Straße riskiere man die Umsetzung des gesamten Verkehrsentwicklungsplans Nordstadt.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) hat zur Entlastung der Nordviertel-Zubringer Neue Kasseler Straße und Ernst-Giller-Straße nun das Land Hessen um Prüfung von Möglichkeiten gebeten, um den Autoverkehr früher auf die Stadtautobahn zu lenken. Das soll „die Situation verbessern“. Geschehen könne das durch Fahrbahnmarkierungen, so dass der Verkehr aus Richtung Norden bereits zur Anschlussstelle Marburg-Nord auf die B3 geleitet wird. Hinzu käme nach Vorstellung der Stadt auf der B3 eine durchgängige Fahrspur zwischen Marburg-Nord und Abfahrt Hauptbahnhof, um „für eine stärkere Nutzung der Direktverbindung zu sorgen“.

von Björn Wisker
und Philipp Lauer

Umfrage: Wie lautet Ihr Resümee nach einem Jahr Verkehrsversuch?

Anna Enrica Strelow (23): „Hier biege ich mit dem Rad nicht ab, ist zu unübersichtlich. Ich steige ab und gehe über die Fußgängerampel. Wenn es eine Abbiegespur gäbe, würde ich sie nehmen. Ich fahre oft auf den Radwegen in der Robert-Koch-Straße, das ist angenehmer als über den Pilgrimstein.“

Kurt Grölz (59 Jahre): „Ich pendle aus Staufenberg zur Arbeit in die Robert-Koch-Straße und nutze die Abbiegemöglichkeit. Früher bin ich am Erlenring abgefahren und durch die Biegenstraße. Jetzt fahre ich über den Krummbogen, da gibt‘s weniger Ampeln. Ich spare so fünf Minuten pro Fahrt.“

Dagmar Baehr (64): „Das Durchkommen ist schwieriger geworden, weil viele Autofahrer noch bei dunkelgelb durchfahren, weil sie sonst so lange hier stehen müssen. Ich komme aus Rauschenberg und parke meistens am Afföller. Wenn ich durch die Nordstadt fahre, dann lieber über die Elisabethstraße.“

Lisa Jahn (31): „Für Fußgänger wie mich ist es seit der Umstellung der Verkehrsführung in der Bahnhofstraße anstrengender geworden. Subjektiv finde ich, ist der Verkehr eher mehr geworden. Ich gehe hier jeden Tag zweimal zu Fuß entlang zur ­Arbeit.“
Umfrage/Fotos: Philipp Lauer

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr