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Städtepartnerschaft als Paradebeispiel

Buch: Die unvollendete Revolution Städtepartnerschaft als Paradebeispiel

Im Buch des früheren OP-Chefredakteurs Paul-Josef Raue mit dem Titel „Die unvollendete Revolution“ spielt die deutsch-deutsche Partnerschaft zwischen Marburg und Eisenach eine zentrale Rolle. „So hoch wie heute war die unsichtbare Mauer noch nie“, bilanziert der derzeitige Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“ (Erfurt).

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Auf der Wartburg oberhalb von Eisenach unterzeichneten mehr als ein Jahr vor der Wende Marburgs OB Dr. Hanno Drechsler (kleines Foto rechts) und sein Eisenacher Pendant Joachim Klapczynski den Partnerschaftsvertrag zwischen Marburg und Eisenach.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Immer noch haben die meisten Westdeutschen kein Interesse an Ostdeutschland, und viele Ostdeutsche fühlen sich auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer als Bürger zweiter Klasse im vereinigten Deutschland. Das ist die zentrale These des Journalisten Paul-Josef Raue in seinem jetzt im Klartext-Verlag vorgelegten Buch. „So hoch wie heute war die unsichtbare Mauer noch nie“, bilanziert der derzeitige Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“ (Erfurt).

Raue war von 1985 bis 1991 Chefredakteur der Oberhessischen Presse. In diese Zeit fiel auch die Gründung der „Eisenacher Presse“, die schon wenige Wochen nach der Wende als Zeitung aus der Partnerstadt Marburg begonnen wurde und nach dem anfänglichen Start als Wochenzeitung vom Herbst 1990 bis 1994 als Tageszeitung in Eisenach zur OP gehörte. Journalisten aus Marburg und Eisenach arbeiteten dort gemeinsam und beschrieben dort mit viel Herzblut den Alltag und die revolutionären Umwälzungen in der direkt an der deutsch-deutschen Grenze gelegenen thüringischen Stadt.

„Vor allem die Uni war rot“

Gleich drei Kapitel in Raues Buch über das schwierige Zusammengehen zwischen Ost und West beschäftigen sich mit Marburg und Eisenach, weil sich hier direkt nach der Wende deutsch-deutsche Übergangsgeschichte wie in einem Brennglas verdichtete. Zunächst einmal widmet sich Raue der Vorgeschichte der Umwälzungen und beschreibt den außerordentlichen Erfolg der Deutschen Kommunistischen Partei bei den Wahlen zum Stadtparlament in Marburg.

„Im Westen gab es eine kleine DDR, und zwar die Universitätsstadt Marburg“, schreibt der Journalist. So habe bei den Kommunalwahlen im Jahr 1977 jeder zehnte Marburger die DKP gewählt, die als „West-Arm der SED“, also der DDR-Staatspartei gegolten habe. „Marburg war ein rotes Biotop in den 70er und 80er Jahren, ein kommunistisches Dorf mitten im kapitalistischen Westen“, bilanziert Paul-Josef Raue. „Vor allem die Uni war rot. Sie wurde als kommunistische Kaderschmiede gepriesen oder als Volksfrontbündnis diffamiert, wie es Hessens späterer Kultusminister Dr. Christean Wagner tat“, so Raue.

Marburgs OB Dr. Hanno Drechsler (rechts) und der Eisenacher Joachim Klapczynski.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ habe damals den langjährigen Stadt-Pressesprecher Erhart Dettmering zitiert: „In manchen Fachbereichen ist vom Professor bis zum Pförtner jeder linientreu.“ Dieses gesellschaftliche Umfeld rund um die aufgrund der Politikwissenschaften rund um Professor Wolfgang Abendroth als „rote Uni“ bekannten Philipps-Universität bildete den Hintergrund für die Städtepartnerschaft zwischen Marburg und Eisenach.

Abwerbungsversuch beim Ketzerbachfest

Sie wurde 1987 auf der Wartburg besiegelt, als eine der ersten deutsch-deutschen Partnerschaften. „In den Verhandlungen zwischen Eisenach und Marburg zeigten sich – bei Wodka, Wartburg-Besuchen und ideologischen Zwergenkämpfen – wie in einem Brennglas: Die DDR wollte ihren Anspruch auf die Anerkennung bekräftigen.

Der Westen wollte einerseits die Löcher in der Grenze vergrößern und mehr Kontakte zwischen den Menschen ermöglichen und andererseits – im linken Lager – der DDR näher kommen und den Traum von der Einheit endgültig beerdigen“, schreibt Raue, der damals als Berichterstatter für die OP nach Thüringen gereist war. Genau geregelt wurde bei den Verhandlungen, wer wann und wie lange zum gegenseitigen Austausch in die Partnerstadt fahren durfte.

Dabei kam es beispielsweise bei einem Besuch eines Eisenacher Fußballteams am Rande des Ketzerbachfestes schon zu argwöhnisch von den Eisenacher Offiziellen beobachteten Abwerbungsversuchen der Sportler, erinnert sich Raue. „Anderthalb Jahre nach der Unterzeichnung der Partnerstadt-Verträge hatten alle Probleme und Proteste ein Ende: Die Grenze auf dem Berg war offen. Die Eisenacher konnten ohne Genehmigung und Aufpasser in den Westen fahren – und sie fuhren in Massen nach Marburg“, schreibt Raue.

Raue als „Besserwessi“ beschimpft

„So fröhlich und unbürokratisch startete die Einheit: Eisenacher und Marburger lagen sich in den Armen.“ Und wie sah es dann mit dem Alltag in Eisenach aus? Journalisten aus Marburg und Eisenach erkundeten das gemeinsam bei der Tageszeitung „Eisenacher Presse“, einem Ableger der OP. Die zunächst wöchentlich erscheinende Zeitung wurde den Verkäufern Anfang 1990 auf dem Eisenacher Marktplatz von einer jubelnden Menschenmenge buchstäblich aus den Händen gerissen.

So groß war der Hunger nach unzensierten Nachrichten zunächst. „Journalisten leisteten sich Ungewöhnliches in dieser Zeit: Gefühle“, bilanziert Raue. „Sie schrieben davon, ohne Scham, weil sie anders nicht beschreiben konnten, was sich ereignete in diesem Land.“

Später, als er bei der „Thüringer Allgemeinen“ den beliebten Sergej Lochthofen als Chefredakteur ablöste, wurde Raue von vielen Leserbriefschreibern als „Besserwessi“ beschimpft. Neben den Kapiteln über Eisenach und Marburg lässt Raue auch viele seiner Erfahrungen aus den zurückliegenden Jahren in Erfurt in seine persönlich gefärbte und ungeschminkte Ost-West-Bilanz einfließen.

  • Paul-Josef Raue: Die unvollendete Revolu­tion. Klartext Verlag. 190 Seiten. 14,95 Euro.

von Manfred Hitzeroth

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