Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Stadt weitet Hilfe für Flüchtlinge aus

Krisenhilfe Stadt weitet Hilfe für Flüchtlinge aus

Die Universitätsstadt steht vor einem Flüchtlings-Zulauf. Der Magistrat rechnet in den nächsten Monaten mit bis zu 200 Asylbewerbern, die von der Erstaufnahmestelle in Gießen nach Marburg geschickt werden. Doch die Stadt stößt bei Unterkünften bald an ihre Kapazitätsgrenze.

Voriger Artikel
Faszination Eisenbahn im Mini-Format
Nächster Artikel
Eine Polizeistation zum Anfassen

Fliehen vor Krieg und Krise: In Hessen kommen immer mehr Flüchtlinge an, in Gießen sind es derzeit mehr als 2200 – vor allem Syrer. Sie leben teilweise in Zelten, werden von der Erstaufnahmestelle auch zunehmend nach Marburg geschickt.

Quelle: Swen Pförtner

Marburg. Die Stadt richtet derzeit mit Hilfe von sozialen Organisationen zusätzliche Wohngruppen für Flüchtlinge ein. Ab November soll etwa eine im Waldtal zehn Jugendliche aufnehmen können. Das wurde während des Jugendhilfeausschusses am Donnerstag bekannt.

Die Stadt stößt jedoch bei verfügbaren Unterkünften bald an ihre Kapazitätsgrenze. Wie Peter Schmidt, Fachbereichsleiter Soziales, auf OP-Anfrage mitteilt, beziehen derzeit 112 Flüchtlinge Geld nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. 54 Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten seien 2014 bislang aufgenommen worden, mit mindestens 200 rechnen die Behörden in den nächsten Monaten. Vor allem im Winter und 2015 erwartet Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) eine deutliche Zunahme. „Unsere Aufnahmeverpflichtung steigt deutlich. Wir stehen vor sehr großen Herausforderungen“, sagt er. Nach OP-Informationen sucht die Stadt derzeit verstärkt un-genutzte Immobilien, wo auch Flüchtlinge leben können.

Mehrere Dutzend Flüchtlinge aus Krisenregionen kommen pro Woche in der Erstaufnahmestelle in Gießen an - 2200 sind es derzeit, werden von dort aus Wohnzelten auf ver-schiedene Kommunen verteilt. „Trotz des Drucks auf unseren Wohnungsmarkt werden wir die Unterbringung vieler gewährleisten müssen“, sagt Vaupel. Die Unterbringung in Sammelunterkünften, wie vor Jahrzehnten, als in der Ex-Tannenbergkaserne viele Hundert Asylbewerber lebten, will der Magistrat vermeiden. „Wir wollen das so lange wie möglich dezentral und klein halten“, sagt Vaupel. Das sei nötig „um Vorfälle wie etwa in Wohratal zu verhindern“, ergänzt Christian Meineke, Leiter des Jugendamts und meint den Anschlag auf das Asylbewerberheim im Januar 2014. Quartiere in Provisorien werden sich laut Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) im Extremfall nicht vermeiden lassen. „Aber an Zelte, Industriegebiete, leere Hallen denkt niemand“, sagt er.

Befürchtung: Stimmung könnte kippen

Die Sorge: Wenn zu viele Flüchtlinge kommen oder sie zu geballt in Nachbarschaften untergebracht werden, könnte die, Kahles Beobachtung zufolge „befürwortende Hilfs-Stimmung“ kippen. Indiz für die Hilfsbereitschaft: Rund 100 Privatleute haben in Marburg und Landkreis Wohnraum für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt. Vaupel hofft neben der Hilfe von Gertudisheim und St. Elisabeth-Verein auch auf das Engagement umliegender Gemeinden, um den bevorstehenen Flüchtlings-Zustrom bewältigen zu können.

Ulrich Severin (SPD) fordert einen offenen Umgang mit der Flüchtlingsfrage. „Wir sollten nicht geheimhalten, wo die Menschen untergebracht werden. So schaffen wir in Nachbarschaften ein Klima, dass eine Gegenbewegung gar nicht erst entsteht“, sagt er.

„Problematisch wird die Betreuung von Jugendlichen, die ohne Eltern kommen“, sagt Meineke. Das sei eine „riesige Gruppe“, die auf hessische Kommunen verteilt werde, ergänzt er. Wie OP-Recherchen ergaben, sind mehr als 1000 junge Flüchtlinge bis August 2014 ohne Begleitung Erwachsener nach Hessen gekommen. Rund 750 wurden von den Jugendämtern in Obhut genommen. Diese Zahl droht auch in der Universitätsstadt zu steigen.

Neben Marburg steht auch der Landkreis bereits mitten im Flüchtlingszustrom. Das Regierungspräsidium Darmstadt schickt pro Woche rund zwei Dutzend Flüchtlinge nach Mittelhessen. Mehr als 900 Asylsuchende leben derzeit in Marburg-Biedenkopf, die Zahl könnte Schätzungen zufolge bis Jahresende auf 1500 steigen.

Die Kommunen kommen für Unterkunft, Gesundheitsversorgung und Lebensunterhaltskosten der Flüchtlinge auf, denen Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II, also der Hartz-IV-Satz, zustehen. Die Stadt Marburg kostet ein Flüchtling durchschnittlich 740 Euro pro Monat - zusätzlich möglicher Zusatzkosten wie etwa ärzliche Behandlung. Das Land beteiligt sich mit einer Pauschale von 520 Euro pro Monat.

Magistrat setzt auf mehr Deutschkurs-Angebote

Im Haushalt des Landkreises kalkuliert man für die Flüchtlinge mit Ausgaben von etwa 6,5 Millionen Euro - rund 2,5 Millionen Euro werden vom Land Hessen bezahlt. Ab 2015, so das Ergebnis der Verhandlungen zwischen Land und Hessischem Städtetag Ende vergangener Woche, wird die Pauschale für Ayslbewerber für Kommunen um 15 Prozent steigen.

In Hessen wurden bis August 70 Prozent mehr Menschen zugewiesen als im gleichen Zeitraum 2013. Von Januar bis Ende Juli kamen nach Angaben des hessischen Sozialministeriums 7123 Flüchtlinge ins Land, jeder fünfte aus dem Bürgerkriegsland Syrien. Bis zum Jahresende sei mit einer Zuweisung von mindestens 1300 Asylbewerbern monatlich zu rechnen. Die Flüchtlinge aus Syrien sind mit 1495 Personen die größte Gruppe, gefolgt von Menschen aus Eritrea (1207) und Afghanistan (766).

„Eine gute Unterbringung in Marburg ist aber nur der halbe Schritt“, sagt Vaupel. Für zusätzliche Deutschkurse seien etwa bereits Zusatzräume von der Volkshochschule angemietet worden. Mitte Oktober werde es zudem eine Sondersitzung des Runden Tischs Integration geben, um Flüchtlings-und Integrationsfragen zu besprechen. Amnesty International Marburg ist auch aktiv: Am Samstag hat die Organisation eine Mahnwache auf dem Marktplatz gehalten. „Damit wollen wir auf die Flüchtlingspolitik der Europäischen Union aufmerksam machen und die Asyl- und Flüchtlingsproblematik stärker ins Bewusstsein bringen“, heißt es von der Gruppe.

Der Bundesfachverband unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge plädiert indes für eine bessere psychotherapeutische Betreuung von traumatisierten Jugendlichen. Auch sollten die Clearingstellen - die Behörden, die ankommende Menschen aufnehmen und auf Kommunen verteilen - Wünsche achten, in welche Region Flüchtlinge wollen.

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr