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Stadt toleriert drastischen Protest

Flüchtlingsdrama Stadt toleriert drastischen Protest

Politische Aktivisten erinnerten gestern mit symbolischen Gräbern, die über die ganze Innenstadt verteilt waren, an das Schicksal der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge.

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Auch im Lahnvorland wiesen täuschend echte Installationen, die Gräber darstellten, auf das Massensterben von Flüchtlingen an den Grenzen zu Europa hin.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Am Hauptbahnhof, am Wilhelmsplatz, im Lahnvorland, aber auch an mehreren Orten in der Oberstadt, fanden Passanten gestern früh frisch aufgeschüttete Erdhügel, in denen Kreuze steckten. Die Installationen erinnerten ganz offensichtlich an das tausendfache Flüchtlingssterben im Mittelmeer. Auch in anderen Städten hatten Menschenrechtsaktivisten, aber auch Kirchen und Parteien, in den vergangenen Tagen vermehrt an das Schicksal jener Menschen erinnert, die ihr Heil in der Flucht nach Europa suchen, aber vielfach auf dem Mittelmeer ertrinken - weil sie kriminellen Schleppern in die Hände gefallen sind, aber auch, weil die Europäische Union sich immer mehr für Migranten abschottet.

Als Urheber der Aktion in Marburg wird das „Zentrum für politische Schönheit“ vermutet, das mit zum Teil spektakulären Kunstaktionen auf gesellschaftliche und politische Missstände hinweist.

OP-Leser, die in der Redaktion angerufen und von den „Flüchtlingsgräbern“ berichtet hatten, reagierten unterschiedlich auf die Installationen. Neben Zustimmung gab es auch Kritik: Die Darstellung von Gräbern sei zu drastisch, sagte eine Frau, ein männlicher Leser fand die Aktionsform „blasphemisch“.

Kahle sieht einen legitimen Protest

Die Stadt Marburg hat die „Gräber“ dort, wo sie niemanden störten, zunächst stehengelassen. „Man kann sich ja über die Darstellungsform streiten“, sagt Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Bündnis 90/Die Grünen). „Aber es handelt sich um einen legitimen Protest gegen die Flüchtlingspolitik der EU, den die Stadt auch schon geäußert hat.“ Kahle erinnerte daran, dass sich Marburg derzeit um die Betreuung von weiteren Flüchtlingen bemühe. „Bei dem Elend, das die Flüchtlinge im Mittelmeer erleiden müssen, kann man nicht argumentieren, eine solche Aktion sei zu drastisch“, sagte der Bürgermeister.

Auch vor den Wahlläden der beiden Oberbürgermeister-Kandidaten Dr. Thomas Spies (SPD) und Dirk Bamberger (CDU) in der Oberstadt waren Gräber installiert. Sowohl der Christ- wie auch der Sozialdemokrat reagierten positiv auf die Aktion. „Es ist richtig, auf die Problematik aufmerksam zu machen“, sagte Dirk Bamberger der OP. Spies bemerkte: „Ich teile die Empörung, die entsteht, weil Menschen, die zu uns wollen, im Mittelmeer ertrinken.“ Weder Bamberger noch Spies fühlen sich durch die Aktion persönlich angegriffen. „Der Appell richtet sich an die Politik, und ich als Kandidat für ein politisches Amt bin Teil des Systems“, sagte Spies außerdem.

Im Laufe des Tages wurden aber beide „Gräber“ entfernt. Vor dem Laden von Bamberger waren sehbehinderte Menschen in die Installation gelaufen und liefen Gefahr, zu stürzen. „Es war zu gefährlich“, sagte Bamberger, deswegen habe die Hausverwaltung die „Gräber“ entfernt. Spies hatte zunächst auf seiner Facebook-Seite die Marburger aufgefordert, an der Installation jeweils eine Blume niederzulegen.

von Till Conrad

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