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Stadt schreibt Radverkehrsplan fort

Beginn im Jahr 1998 Stadt schreibt Radverkehrsplan fort

Immer mehr Menschen sollen aufs Rad umsteigen. Doch der Zustand vieler Straßen in Marburg und die steigende Zahl der Unfälle schreckt viele Radfahrer ab. Was möchte die Stadt dagegen unternehmen?

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Bei der neuen Planung sollen Konfliktpunkte mit Fußgängern sollen berücksichtigt werden.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Diese Woche hat der Landkreis Marburg-Biedenkopf bekannt gegeben, dass er den Anteil der Radverkehrsteilnehmer bis 2020 von aktuell vier auf acht Prozent verdoppeln will (die OP berichtete). Dies ist Teil des Koalitionsvertrags. Auch die Stadt Marburg hat für den Doppelhaushalt 2015/2016 die Fortschreibung der Radverkehrsplanung Marburg beschlossen.

Doch wie will die Stadt die Menschen dazu bringen, ihr Fahrrad mehr zu benutzen? Viele Radwege in der Stadt, so zeigt eine aktuelle OP-Serie zum Thema „Radfahren in Marburg“, sind marode, holprig, von Schlaglöchern übersät, mittendrin unterbrochen, zugeparkt oder mit Mülltonnen versperrt.

Viele Radfahrer fühlen sich unsicher: In einer OP-Umfrage gaben 73 Prozent von insgesamt 476 Beteiligten an, dass sie sich als Fahrradfahrer in der Marburger Innenstadt nicht sicher fühlen.

Radunfälle seit 2011 um 23 Prozent gestiegen

Die Zahlen der an Verkehrsunfällen beteiligten Radfahrer haben zwischen den Jahren 2011 und 2014 stark geschwankt. Insgesamt sind sie in Marburg von 46 auf 57, also um 23 Prozent gestiegen. In Stadt und Landkreis erhöhten sich die Unfallzahlen insgesamt um 25 Prozent, von 84 auf 105. Einen traurigen Höhepunkt erreichten die Zahlen, als im vergangenen Jahr eine Radfahrerin im Landkreis Marburg-Biedenkopf bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.

Seit Wochen werden der OP in zahlreichen Leserbriefen besondere Gefahrenstellen für Radfahrer in Marburg mitgeteilt. „Marburg ist in Sachen Radfahren echt ein Gräuel“, findet etwa OP-Leser Hans Hasenauer. „Ich habe noch keine größeren Blessuren erlitten, weil ich die Stellen kenne und umsichtig fahre“, schreibt OP-Leserin Elisabeth Szabo. Ihre Tochter hingegen hat das Radfahren nach einem Jahr wieder aufgegeben, „der Jüngste hat es erst gar nicht angefangen“.

Erschwerend hinzu kommt, dass Marburg eine schwierige Topographie hat. Die vorhandene, historisch gewachsene Bebauung und ein sensibler Umgang mit denkmalfachlichen Anforderungen gestatten nur eingeschränkte Handlungsspielräume bei der Ausgestaltung von Straßenquerschnitten. „Es ist nahezu unmöglich, den Ansprüchen aller Verkehrsteilnehmer in den traditionell schmalen Straßen Marburgs gerecht zu werden“, sagt Wolfgang Liprecht vom Referat für Stadt-, Regional- und Wirtschaftsentwicklung im OP-Gespräch.

Stadt sieht ADFC-Bewertung kritisch

Fahrradfahrer waren ursprünglich in der Gemeinschaft des Straßenverkehrs gar nicht vorgesehen. Tatsächlich wurden erst in den 1980er-Jahren die ersten Fahrradwege in Marburg geplant und gebaut – vorerst entlang der Lahn, dann allmählich auch in der Stadt. 1984 wurde der erste Radverkehrsplan für Marburg erstellt, der 1998 fortgeschrieben wurde. Von den darin vorgesehenen Maßnahmen wurden in den vergangenen Jahren über 90 Prozent umgesetzt.

Dass die Stadt Marburg beim Ranking des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in puncto Fahrradfreundlichkeit dennoch wiederholt schlecht abgeschnitten hat, ist für die Stadt „nicht nachvollziehbar“. „Viele Maßnahmen, die in den letzten Jahren zu einer erheblichen Verbesserung für den Radverkehr geführt haben, werden unseres Erachtens bei der Bewertung der relativen Weiterentwicklung der Radverkehrsverhältnisse nicht berücksichtigt“, heißt es aus der Stadt. So seien viele Einbahnstraßen für den Radverkehr geöffnet, Radwege verbreitert, Neumarkierungen von Schutzstreifen und Radfahrstreifen im gesamten Stadtgebiet vorgenommen worden.

„Die letzte Untersuchung liegt viel zu lange zurück“, kritisiert Wolfgang Schuch vom ADFC Marburg. „Wenn man ernsthaft Verkehrspolitik betreiben möchte, müsste man mal wieder eine Erhebung durchführen“, regt er an. Diese wurde jedoch bereits im Juli eingeleitet. Momentan führt das Planungsbüro PGN aus Kassel eine Bestandsaufnahme zur gegenwärtigen Situation des Radverkehrs in Marburg durch.

Beteiligung von Bürgern bei Planung vorgesehen

Die Fortschreibung des Radverkehrsplanes soll zudem vom Radverkehrsbeirat, in dem neben den zuständigen Stellen der Verwaltung die Vertreter aller Interessengruppierungen zum Radverkehr wie der ADFC oder dem Asta begleitet werden. Nach der Zusammenstellung erster Vorschläge für weiterführende Planungen sind auch öffentliche Zwischenpräsentationen mit Beteiligung von Bürgern vorgesehen.

„In dieser Untersuchung sollen auch die Konfliktpunkte mit anderen Verkehrsteilnehmern, wie etwa Fußgängern beleuchtet werden“, so Liprecht. Ergebnisse einer weiteren OP-Umfrage mit über 1220 Beteiligten legen das nahe: 69 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich in Marburg als Fußgänger durch Radfahrer gefährdet fühlen.

Polizei geht auch gegen Verkehrssünder auf dem Rad vor

Sollte sich die Anzahl der Radverkehrsteilnehmer erhöhen, sind nach dem aktuellen Stand weitere Konflikte mit Fußgängern vorprogrammiert. „Viele Gefährdungen wären vermeidbar, wenn alle Radfahrer und Radfahrerinnen bremsen würden, wenn es eng ist“, meint OP-Leser Andreas Götz. Reiner Schrauf kritisiert, dass Marburger Radfahrer „die Stvo wohl überhaupt nicht kennen oder wohlwollend nicht akzeptieren“.

Überlegungen, eine Fahrradstaffel einzuführen, die das Fahrverhalten der Radfahrer kontrolliert, gibt es laut Angaben der Polizei Marburg derzeit nicht. Es gehört aber „zu den normalen Aufgaben der Polizei, natürlich auch Radfahrer und deren Räder auf die Verkehrstüchtigkeit und Verkehrssicherheit zu überprüfen und bei Feststellen von Verstößen entsprechend einzuschreiten“, sagt Polizei-Sprecher Martin Ahlich. In diesem Jahr wurden insgesamt 357 Radfahrer kontrolliert, von denen 58 mündlich und 98 mit einem Bußgeld verwarnt wurden. Zudem gab es zehn Anzeigen wegen Mängel am Fahrrad.

Im Radverkehrsplan sind Vorhaben zur Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur zusammengefasst. In der zweiten Fortschreibung des Marburger Planes von 1998 sind mehr Fahrradabstellanlagen, ein verbessertes Wegweisungssystem und die Anbindung der Außenstadtteile und Radwanderwege vorgesehen. Das können Sie hier nachlesen.

von Ruth Korte

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