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Stadt rüstet Mülltonnen mit Chips aus

Identifikations-System für Mülltonnen Stadt rüstet Mülltonnen mit Chips aus

Technik-Einsatz gegen das Müll-Problem: In der Oberstadt sollen alle Mülltonnen mit einem Chip ausgestattet werden, damit klar ist, welche Tonne zu welchem Haus gehört. Kritiker fürchten Datensammelwut der Behörden.

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Dreiviertel aller Mülltonnen in Marburg haben bereits eine Halterung für Elektro-Chips, wie Michael Fritz zeigt. Um den jeweiligen Tonnen die Haushalte, die sie besitzen, zuordnen zu können, will die Stadt alle
Gefäße mit Chips ausstatten. Archivfotos: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. „Um dieses grassierende Problem in den Griff zu bekommen, ist das eine Chance“, sagt Bürgermeister Franz Kahle (Grüne). Seit Jahren plagen die Müll-Inseln zwischen Steinweg und Barfüßerstraße die Anwohner und Touristen - „die Tonnenflut verschandelt das Stadtbild“, sagt etwa Hennig Köster (Linke). Nun soll das Sensoren-System Abhilfe schaffen. „Wir wissen nämlich weder, wem oder wohin die jeweiligen Mülltonnen gehören, noch ob für alle Gefäße die fälligen Gebühren gezahlt werden“, sagt Kahle. „Es geht hier auch um Gebührengerechtigkeit“, sagt Dominic Dehmel (SPD). Denn „schwarz aufgestellte Müllbehälter werden nicht mehr geleert und damit auch nicht mehr abgerechnet“.

81000 Euro soll die Anschaffung und Installation des Chip-Systems kosten, rund 3000 Euro jährliche Folgekosten kalkuliert die Stadt für Datenauswertung, Betrieb und Wartung. 15 Prozent aller Tonnen müssten laut Magistrat neu gekauft, sechs Fahrzeuge der Dienstleistungsbetriebe umgerüstet werden.

Es sollen verstärkt Gemeinschaftstonnen genutzt werden

Ein weiteres Ziel des Magistrats-Vorstoßes, den Anwohner und „Bürger für Marburg“ 2013 forderten: Es sollen verstärkt Gemeinschafts-Tonnen genutzt werden. Zudem könnten die Leerungs-Intervalle mit Einführung des Chip-Systems verkürzt werden: Anstatt Rest- und Biomüll alle 14 Tage abzuholen, könnte dies laut Magistrat künftig wöchentlich geschehen. Der Inhalt von Altpapiertonnen, gelber Sack und der Wertstofftonne (ab 2015) würde alle zwei Wochen anstatt monatlich abtransportiert werden.

Anwohner sind rechtlich verpflichtet, Mülltonnen in Hof, Garten oder Abstellraum aufzubewahren. Auch in der Oberstadt, wo die Verwaltung jedoch aufgrund der Platznot in den engen Gassen Ausnahmen duldet, gilt die Regel. „Bequemlichkeit ist sicher ein Hauptgrund für das Zusammenstellen der Tonnen. Viele haben auch Räume der Oberstadthäuser zu Mietwohnungen ausgebaut, die eigentlich als Abstellflächen für Mülltonnen vorgesehen waren“, schildert Kahle. Daher sei es nicht ausgeschlossen, dass einige Eigentümer zu wenig Gebühren zahlen. Forderung von Anke Lindemann (Grüne): „Die Stadt sollte alle Hausbesitzer zur Kasse bitten, die keine Abstellflächen im Haus oder Garten bereitstellen.“

Testlauf dauert ein Jahr lang

Die Chip-Lösung stößt bei Michael Weber (Piratenpartei) auf Skepsis: „Die vielen Studenten-WGs produzieren sicher mehr Müll als andere. Also wird die Analyse zeigen, dass es eher mehr als weniger Tonnen braucht. Doch der Platz dafür bleibt gleich. Der Stadt geht es ums Geldverdienen, nicht um weniger Tonnen.“ Ohnehin sei Datensammlung aus dem System nur dann sinnvoll, wenn man ermittele, wie voll die Tonnen seien und wo wie viele Gefäße nötig seien. Karin Schaffner (CDU) warnt indes vor der Einführung eines Müll-Wiegesystems durch die Hintertür. Kahle verspricht: „Müllprofile werden nicht erstellt.“ Auch der Datenschutz bleibe gewahrt.

Die Stadtverwaltung verdient mit der Abfall-Wiederverwertung Geld. Pro Tonne Altpapier kassiert sie rund 70 Euro - und finanziert so Teile der Ausgaben etwa für die Restmüllentsorgung. Kahle entdeckt gerade im Altpapier-Sektor noch Potentiale. Nur etwa dreiviertel des Papierabfalls lande in Marburgs blauen Tonnen.

Bewährt sich das Chip-System, das mindestens ein Jahr getestet wird, soll es dem Willen des Magistrats zufolge auf das gesamte Stadtgebiet ausgedehnt werden. Dagegen regt sich bereits Widerstand. „In den Außenstadtteilen ist jede Tonne dem jeweiligen Haus zuzuordnen. Es ist unnötig, so etwas dort einzuführen“, sagt Horst Wiegand (SPD).

von Björn Wisker

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