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Stadt krempelt Sammelsystem um

Altkleidercontainer Stadt krempelt Sammelsystem um

Kampf gegen gewerbliche Altkleider-Sammler: Der  Dienstleistungsbetrieb Marburg  (DBM)  erstellt ein Konzept, um mit karitativen Organisationen die Container-Flut von Privatfirmen einzudämmen.

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Die Sammelcontainer von Deutschem Roten Kreuz und anderer gemeinnütziger Organisationen sind in den vergangenen Jahren – auch in Marburg – von Boxen der Privatfirmen verdrängt worden. Nun sucht die Stadt nach Möglichkeiten der Eigenverwertung bei Textilien.

Quelle: Archiv

Marburg. Der Eigenbetrieb prüft derzeit den Aufbau eines eigenständigen Einsammlungs-, Erfassungs- und Verwertungssystems von Alttextilien. Im Frühjahr soll das Konzept – in welches gemeinnützige Organisationen integriert sein sollen – an 10 bis 15 Standorten auf öffentlichen Grundstücken in der Stadt umgesetzt werden. Ziel ist es, einen Teil der gesammelten und noch brauchbaren Alttextilien vor Ort zu verwerten. Zunächst ist eine Testphase geplant. Das teilte die Stadtverwaltung auf OP-Anfrage mit.

Bereits vor der Installation des probeweisen Sammelsystems soll eine Aufklärungs- und Informations-Broschüre, auch im Internet, veröffentlicht werden. Deren Inhalt widmet sich Containerstandorten, Altkleider-Abgabestellen und Verwertungskreisläufen in der Universitätsstadt.

Zudem wird seit dem Jahreswechsel 2015 bei der Vergabe von genehmigten Container-Stellplätzen eine bestimmte Anzahl für gemeinnützige Organisationen  reserviert. Bei einer Neuausschreibung der Flächen  zum Jahresbeginn sei ein neuer Anbieter gefunden worden, „der die Kriterien des Verbandes deutscher Recycler genügend erfüllt“, sagt Sabine Preisler, Pressesprecherin der Stadt.

Gewerbliche Sammelboxen: Schutz durch simple Tricks

Lob gibt es von der Marburger Linken, die im Sommer 2014 eine Initiative in der Stadtverordnetenversammlung startete. „Diese Planungen gehen in die richtige Richtung “, sagt Jan Schalauske (Linke). Der öffentliche Raum dürfe nicht „teilweise dubiosen Anbietern“ überlassen werden. Mit dem Aufbau eines eigenen Verwertungssystems könne „deren Profitinteressen das Wasser abgegraben werden“. Möglichst viele Altkleider aus Marburg könnten in Zukunft mittels Weitergabe an Bewohner, etwa Obdachlose und Flüchtlinge, verwendet werden.

Eine öffentliche Sammlung dürfe allerdings „nicht allein das Ziel haben, möglichst viel Ertrag für den Stadtsäckel zu erzielen, sondern muss soziale, ökologische und auch entwicklungspolitische Aspekte berücksichtigen“, sagt Schalauske. Jedoch: Wenn Ware verkauft werden könne, um etwa soziale Projekte in der Stadt zu finanzieren, sei auch das denkbar, sagte Schalauske zuletzt.

Auch der Verband „Fairwertung“ sieht den Ausbau kommunaler Sammeltätigkeit kritisch, begrüßt aber Vorgehen gegen illegal aufgestellte Container und dubiose Anbieter. „Seriöse Sammler zu stärken, ist der richtige Weg“, sagt Thomas Ahlmann, Sprecher der Organisation. Zu diesen zählen aber nicht nur gemeinnützige, sondern auch ein großer Teil der privaten Anbieter. Jedoch: „Es gibt viele schwarze Schafe in der Branche.“

Aufsteller oft schwer oder gar nicht zu erreichen

In Marburg standen nach Angaben der Stadtverwaltung zuletzt 60 Altkleider-Container an 38 öffentlichen Standorten. Wie viele Container zusätzlich auf Privatgrundstücken stehen, ist unklar.  Nach Angaben der Stadt – die auf OP-Anfrage keine Zahl der 2014 durchgeführten Kontrollen nannte – seien Beschwerden über illegal aufgestellte Container „sehr selten“.

Je nach Region zahlen Firmen für die Aufstellgenehmigung 100 bis 1000 Euro an die Stadtverwaltung. Dem Wildwuchs an Altkleider-Boxen entgegenzutreten, erschwert das deutsche Straßenrecht. Zunächst muss der Eigentümer aufgefordert werden, den Container selbst zu entfernen. Oft aber sind die Aufsteller nur schwer oder gar nicht zu erreichen. Falls doch, wird der Container oft nur wenige Meter verrückt oder die Einwurfklappe zur anderen Seite gedreht – und die Prozedur beginnt von vorn. Stellt ein Unternehmen seine Sammelstellen auf Privatgelände ab, entzieht sich das der Kontrolle durch das Ordnungsamt – und somit den Strafen.

Daher finden sich viele Container etwa auf Grünstreifen zwischen Wohnanlagen, wo niemand weiß, ob ein Nachbar die Box genehmigt hat. Oder sie stehen auf tiefen Bürgersteigen, auf denen Anwohnern nicht klar ist, wo ein öffentliches Grundstück endet und Privatbesitz beginnt. Beispiele dafür finden sich etwa in der Cappeler Straße oder in Weidenhausen.

von Björn Wisker

  • Hintergrund: Im März 2014 legten OP-Recherchen nah, dass von Marburg ausgehend ein bundesweit operierendes Altkleiderkartell – die umstrittene Bicker GmbH – tätig ist. Die Firma sammelt demnach in großem Maße Alttextilien und verkauft sie gewinnbringend weiter. Die Umsätze kommen, im Gegensatz zur Sammeltätigkeit karitativer Organisationen wie etwa dem Deutschen Roten Kreuz, keinen sozialen Zwecken zugute. 
1,5 Milliarden Textilien werden nach Angaben des Verbands „Fairwertung“ jährlich in Deutschland aussortiert.
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OP-Reportage
„Es gibt keinen Ort, der nicht mit illegalen Containern zugepflastert ist“, sagt Andreas Voget vom Verband gemeinnütziger Altkleidersammler. Vor allem eine Marburger Firma soll Geschäfte mit gewerblichen Sammlungen machen. Fotos: Thorsten Richter /  Archiv

In Mittelhessen ist ein Kampf um alte Klamotten entbrannt. Viele wollen an dem Millionengeschäft mit Altkleidern mitverdienen. Firmen, Geschäftemacher und Privatsammler rauben karitativen Kleidersammlern Kunden und Container-Standorte.

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