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Staatsanwalt fordert 40 Monate Gefängnis für Pfarrer

Kindesmissbrauchs-Prozess Staatsanwalt fordert 40 Monate Gefängnis für Pfarrer

Der Prozess in Würzburg gegen den ehemaligen Schröcker Pfarrer wegen Kindesmissbrauchs wurde gestern mit den Plädoyers fortgesetzt.

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Quelle: dpa

Marburg. Eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten hat Oberstaatsanwalt Thomas Trapp für den des Kindesmissbrauchs angeklagten ehemaligen katholischen Pfarrer aus Schröck gefordert. Verteidiger Klaus Wasserburg plädierte für eine Bewährungsstrafe.

Zuvor hatte der psychiatrische Gutachter Henning Saßie die Psyche des Angeklagten beleuchtet, der acht Jahre lang Pfarrer einer Gemeinde im Kreis Main-Spessart war. In dieser Zeit passierten auch die angeklagten Taten. Der 58-Jährige aus einem „streng katholischen Elternhaus“, so der Sachverständige, habe nie Interesse an Frauen gehabt. Wohl aber an „jungen, muskulösen, Männern“. Wirklich ausgelebt habe der Ordensmann seine Sexualität nicht. Ob er pädophil sei, könne man nicht sicher feststellen. Allerdings habe er, wie viele Pädophile, „die Begabung, eine enge Verbindung zu Kindern herzustellen“. Und bei ihm vermische sich, wie es oft bei diesem Personenkreis zu beobachten sei, „Pädagogik, Fürsorglichkeit und Sexualität“. Die Gefahr, dass der Priester, dem er volle Schuldfähigkeit bescheinigte, erneut ein Kind missbraucht, schätzt der Sachverständige „nicht hoch“ ein.

Wie berichtet, hatte der geständige Angeklagte mit der Mutter seines Opfers und dessen Schwester in einem merkwürdigen „Familiengefüge“ gelebt. Die Frau - Zahnärztin von Beruf - zog nach ihrer Scheidung von einem evangelischen Pfarrer zu dem Pater und führte ihm den Haushalt. Der Priester kümmerte sich um den schwierigen Jungen, bei dem inzwischen Autismus diagnostiziert wurde. Das Kind liebte ihn, vertraute ihm und nannte ihn „Papa“. In seinem Plädoyer wies der Oberstaatsanwalt darauf hin, dass der Angeklagte sich zwar selbst beim Missbrauchsbeauftragten seines Ordens angezeigt hat. Allerdings erst, nachdem er mitbekommen habe, dass sein heute 25-Jähriges Opfer eine Strafanzeige plante.

Claudia Burgsmüller, die Anwältin des Studenten, erinnerte in ihrem Plädoyer an die schweren psychischen Schäden, die der Missbrauch in der Kindheit bei ihrem Mandanten verursacht hätte. „Er wird nie ein freies, sexuell erfülltes Leben führen können“, sagte sie und bat das Gericht, „das strafverschärfend zu berücksichtigen.

Anwalt Wasserburg stellte die Frage, ob das Opfer als Autist den Kindesmissbrauch „vielleicht gar nicht als solchen erkannt hat“. Damit könne man erklären, dass er sich erst als Erwachsener an die Taten erinnert und sie angezeigt habe. Im Übrigen gehörten Depressionen zum Autismus, weil „Autisten ja ständig abgelehnt werden“. Die Erste Strafkammer des Landgerichts Würzburg will ihr Urteil heute Morgen verkünden.

von Gisela Schmidt

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