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Staatsanwalt: Angeklagter handelte sadistisch

Aus dem Landgericht Staatsanwalt: Angeklagter handelte sadistisch

Im Revisionsprozess wegen mehrfacher gefährlicher Körperverletzung gegen einen 27-jährigen Marburger bestätigte das Landgericht am zweiten Verhandlungstag weitgehend das Urteil des Amtsgerichtes.

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Das Urteil wurde vor dem Landgericht gesprochen.

Quelle: Archiv

Marburg. Um sich ein Bild von dem seit mehr als einem Jahr in Untersuchungshaft sitzenden Straftäters zu machen, befragte Richter Gernot Christ den Angeklagten. Der gab zu, seinen Partnerinnen Leid zugefügt zu haben. Er habe in der Haftanstalt an einem Kurs zur Gewaltbeherrschung teilgenommen und „noch viel zu bewältigen“. Seinen Berufswunsch, zur Polizei zu gehen, könne er ja nun aufgeben, meinte der Beklagte und stieß auf allgemeine Zustimmung. Immer wieder bohrte Richter Christ genauer nach, um die wahre Betroffenheit des Angeklagten zu erspüren. Die wurde bei der Frage nach den Haftbedingungen deutlich. Er habe Zeit gebraucht, um sich einzuleben und bereits erste Gewalterfahrungen erlebt, was noch immer sichtbar sei.

Danach wurde die Sachverständige Dr. Petra Bauer gehört. Sie hatte den Angeklagten in der Haftanstalt besucht und berichtete aus seinem Lebenslauf. Dieser sei in Hanau geboren und wegen eines ererbten Hauses seines Vaters nach Marburg gekommen. Sein Bildungsweg sei trotz Trennung der Eltern weitgehend normal verlaufen. Nach der Mittleren Reife an der Friedrich-Ebert-Schule misslang der erste Anlauf zum Abitur an der Adolf-Reichwein-Schule, weil sich seine Freundin von ihm getrennt habe. Den habe er dann später an den Kaufmännischen Schulen nachgeholt.

Er sei durchschnittlich begabt und intelligent, hält sich aber für überlegen, berichtete Dr. Bauer. Auf Zurückweisung reagiere er empfindlich, bisweilen herrisch. Auch die Trennung der Eltern habe er wohl noch nicht verkraftet. Dr. Bauer attestierte in ihrem psychopathologischen Befund dem Marburger trotz narzisstischer Tendenzen volle Verantwortlichkeit.

Mit Bericht zweier Vorstrafen, eine wegen fahrlässiger Verkehrsgefährdung wegen Trunkenheit und eine wegen mehrfacher Beleidigung seiner Freundin, wurde die Beweisaufnahme abgeschlossen.

In den Schlussvorträgen wies Staatsanwalt Jonathan Poppe darauf hin, dass die Straftaten als anerkannt gelten und stellte die Frage, ob das Strafmaß des erstinstanzlichen Urteils abgeändert werden müsse.

Zeugen Aussage erspart, das wirkte strafmildernd

Aufgrund seiner selbstherrlichen, mehrstündigen Darstellung am ersten Verhandlungstag (die OP berichtete) könne er keine Einsicht beim Angeklagten erkennen. Er gewichtete die Rücksichtslosigkeit und das zum Teil sadistische Vorgehen des Angeklagten schwer und forderte ein Strafmaß von vier Jahren Haft, dem sich die Nebenklage anschloss.

Die beiden Verteidiger Thomas Strecker und Philipp Kleiner versuchten strafmildernde Gründe vorzutragen. Sie argumentierten, dass das abschließende Schuldeingeständnis am ersten Verhandlungstag trotz seines Hang zur Selbstdarstellung doch als strafmildernd zu werten sei, und nicht zuletzt habe man den Zeugen ein erneutes Auftreten vor dem Gericht mit all den belastenden Emotionen erspart. Die Verteidiger beantragten drei Jahre und zwei Monate Haft, wonach ihr Mandant nach der verbüßten Untersuchungshaftzeit jetzt freigelassen werden könne.

Mit dem Urteil von drei Jahren und sechs Monaten bestätigte das Schöffengericht im Wesentlichen das erstinstanzliche Urteil (drei Jahre und acht Monate). „Wir sind nicht an das Strafmaß des Amtsgerichts gebunden und wollen dies auch nicht kommentieren“, sagte Richter Gernot Christ bei der Urteilsverkündung. Das Gericht habe die Tatsache, dass man den Zeugen ein erneutes Auftreten vor Gericht erspart habe, als strafmildernd gewertet. Zugunsten des Angeklagten wertete es weiterhin, dass die Berufungsverhandlung erst nach elf Monaten habe abgeschlossen werden können. Das Urteil ist bereits rechtskräftig.

von Heinz-Dieter Henkel

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