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Die Geschichte von Laura Wunsch

Spuren am Himmel

Was bleibt, wenn wir einmal nicht mehr sind? Laura Wunsch hat eine Botschaft hinterlassen. Eine Botschaft für alle, die sich als Außenseiter fühlen. Sie lautet: Gib niemals auf.

Marburg. In den frischen Fußspuren, die durch den Schnee zum Grab von Laura führen, glitzert die Sonne. Es ist ein klarer, eiskalter Winter-Tag, an dem die Glocken der alten Friedhofskapelle in der Ockershäuser Allee im ruhigem Takt eines Metronoms schlagen. Der Atem der Trauergemeinde steigt in kleinen Wolken auf. Schwarze Mäntel wehen im Wind.

Lauras letzte Worte, die vor wenigen Minuten über Band in der Kapelle abgespielt worden sind, hallen noch nach: „Es war mein Leben. Auch wenn es nicht schön war. Ich bin dankbar, dass ICH ich war. Behaltet mich in guter Erinnerung – und wir sehen uns wieder.“ Den letzten Satz spricht Laura mit schluchzender Stimme. Dann bricht die Aufnahme ab.
Nun fallen dunkle Erde und bunte Blumen auf ihren Sarg. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Hände werden geschüttelt, die Menschen flüstern, irgendwo zwitschert ein Vogel am blauen Himmel.

Freundschaft

„Du hast doch gesagt, du kannst nicht lachen, Laura!?“, hatte Oscar Büttner zu ihr gesagt und dabei in ihr grinsendes Gesicht geschaut. Worüber sich beide damals so amüsiert haben, weiß Büttner heute nicht mehr genau. Es ist auch nicht wichtig. Nur ihr Lächeln ist wichtig. „Laura hat mir zu Beginn gesagt, sie empfinde keine Freude in ihrem Leben und ich solle mich nicht darüber wundern“, sagt der vitale Senior aus Kirchhain.  

Laura und Oscar Büttner, der ihr Großvater hätte sein können, waren ein eingespieltes Team. „Sie hatte immer Pläne“, sagt der 73-Jährige. Die beiden fuhren zusammen zum Einkaufen, erledigten Bankgeschäfte oder bestellten Farbe für ihr großes Hobby: das Malen. Wenn Oscar Büttner auf seine Arbeit im Hospiz angesprochen wird, dann berichtet er von einem Ort zum Leben – nicht zum Sterben. Als Laura im Oktober ihre Marburger Wohnung verlassen musste, um ein kleines Zimmer in der Einrichtung auf dem Vitos-Gelände zu beziehen, war Büttner dort schon über vier Jahre ehrenamtlich tätig. Er bot an, ihr den Alltag im Hospiz zu erleichtern und sie zu unterstützen. Laura willigte ein.    

Vorbereitungen

Angst vor dem Tod habe sie keine gehabt. „Irgendwann ist es eben so weit“, hatte sie Oscar Büttner in einer ruhigen Minute gesagt. Unausweichlich eben. Weihnachten würde sie voraussichtlich nicht mehr erleben, sagten die Ärzte. Bereits im Sommer hatte Laura den Entschluss gefasst, nicht weiter mit medizinischen Eingriffen gegen den Tumor in ihrem Kopf zu kämpfen. Keine weiteren Hirn-OPs, keine Chemotherapie, kein Herauszögern mehr.

Mit Oscar Büttner bereitete sie sich in der dunklen Jahreszeit auf das Unvermeidliche vor. Ihm sagte sie, dass ihre Geschichte Spuren in den Menschen hinterlassen solle. Deshalb schrieb sie „Kenny der kleine Kämpfer“. Das Buch ist ein Spiegelbild ihres eigenen Lebens. Ein tragischer Held, der mit den widrigen Umständen, die das Schicksal ihm zur Seite gestellt hat, besser zurechtkommt als sein hilfloses Umfeld.  Doch dieses eine Buch ist nicht genug. Da ist ja noch Zeit. Da sind noch so viele Gedanken in Lauras Kopf. So viele Dinge nicht gesagt und so viele wichtige Dinge noch nicht niedergeschrieben.
„Nach Weihnachten ging es ihr dann rapide schlechter. Am 30. Dezember war sie so schwach, dass sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen konnte“, erinnert sich Büttner. In dieser Zeit war der Kirchhainer jeden Tag bei ihr im Hospiz.

Die besseren Menschen

Mappen voller Bilder, Berge voller Zettel und zahllose Dokumente auf dem Rechner. Es ist ein wahrer Dschungel aus Hinterlassenschaften, durch den sich Svenja Bader schlägt. „Laura war nicht gerade die Ordentlichste“, sagt sie und lacht. Svenja war Lauras beste Freundin. Nun kümmert sie sich um ihren Nachlass. Svenja sortiert die Unterlagen und spricht mit dem Lektor über die Kindergeschichten, die Laura als eine Spur hinterlassen hat.

In den Erzählungen sind es zumeist die Tiere, die das wahre Menschsein zeigen. Es geht um Freundschaft, um Familie, den großen, versteckten Sinn und immer um das Dasein als Außenseiter. Darum, wie es ist, nicht dazuzugehören. Deshalb hatte Laura auch Svenja auserkoren, sich um ihre Angelegenheiten zu kümmern. In ihr fand sie etwas von sich selbst. Beide lernten sich als Schülerinnen auf der Blista (Blindenstudienanstalt) in Marburg kennen. „Wir hatten dort eine ganz furchtbare Zeit“, sagt Svenja. Mehr sagt sie nicht. Es ist vorbei.

Am 4. Januar telefonieren die beiden Freundinnen das letzte Mal miteinander. Laura bedankt sich für Svenjas Besuch am Sonntag zuvor und bittet sie darum, sich um ihre Geschichten zu kümmern. „Laura war immer für mich da. Ich war diejenige, die schnell den Kopf verloren hat. Dann hatte sie immer einen Rat für mich. Ich sehe das jetzt als meinen Auftrag“, sagt Svenja. So entschieden sie ihre Sätze formuliert, so schwach ist Laura in dieser Zeit. Sie schläft während des Gesprächs mit dem Handy am Ohr ein.

55 Zeichen aus Holz

Oscar Büttner geht auch weiterhin ins Hospiz: „Es gibt immer noch Menschen, die Hilfe benötigen.“ Obwohl die Sache mit Laura ihm deutlich an die „Nieren gegangen ist“, wie er sagt. An der alten Eiche direkt vor dem Hospiz hängt einer der ersten Nistkästen. Darauf prangt in großen Lettern „LW“. Lauras Initialen.

Die Vogelhäuschen finden sich aber nicht nur auf dem Vitos-Gelände. Sie hängen in der Großseelheimer Straße, im „Heiligen Grund“ und im Anzefahrer Wald. 55 Stück hat Büttner durch Spenden zusammengetragen. Es sind 55 Zeichen, die ihrem Wunsch entsprechen, etwas für ihre geliebten Vögel zu tun.  „Ich musste immer schauen, ob denn auch genügend Futter auf dem Platz vor ihrem Fenster auslag“, sagt Büttner.

Die Kraft der Kunst  

Geht es um Kunst, dann geht es auch immer darum, den eigenen Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen. Wurde Lauras Körper einmal nicht von Krampfanfällen geschüttelt, malte sie als Blinde in den buntesten Farben – egal ob auf nackten Teer oder auf blankes Papier. Eine Auswahl ihrer Bilder ist derzeit in der Palliativ-Station der Marburger Uniklinik zu sehen.

Ab dem 21. März werden die Bilder im Foyer der Volksbank Mittelhessen in der Filiale am Rudolphsplatz ausgestellt. Eventuell folgt noch eine Ausstellung in Hannover. „Die Resonanz ist großartig“, sagt Büttner. Er ist sich sicher, dass die Bilder eine ganz eigene Bedeutung für Menschen haben, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie Laura, als sie sie malte.  

Eine letzte Frage

Vergangenen Sommer hatte Laura es ihr gesagt. Heute wundert sich Svenja darüber, wie gelassen sie damals blieb. „Gott wird auf dich aufpassen“, hatte sie zu Laura in ruhigem Ton gesagt. Nach dem Telefonat brach Svenja in Tränen aus. Was soll man sagen, wenn die beste Freundin für immer geht?

Dass Laura Schmerzen hatte, glaubt Oscar Büttner nicht. Am Ende habe sie fast nur noch geschlafen. Wenn sie wach war, tippte sie mit geschlossenen Augen auf den Tasten ihres Laptops oder fuhr mit den Fingern über ihr Handy.
„Was ich von ihr gelernt habe?“ – Oscar Büttner wiederholt die Frage, als habe er sie gerade in einer verstaubten Kiste gefunden. Er richtet seine Brille und hebt den Kopf: „Dass man niemals aufgeben soll. Und dass Freundschaft und Liebe das Wichtigste auf der Welt sind.“

Die letzten Worte

Kein Zeitungsartikel kann ein Menschenleben nur ansatzweise nachzeichnen. Dieser Bericht ist lediglich eine weitere Spur. Laura  stirbt am 6. Januar mit gerade einmal 27 Jahren. Es ist ein Mittwoch. Zwölf Tage später findet die Beerdigung statt. Nachdem die letzten Worte gesprochen sind, stehen Svenja Bader und Oscar Büttner ein paar Schritte entfernt von Lauras Grab. Beide geben sich die Hand und flüstern einander etwas zu. Die Sonne blitzt durch die Baumkronen ...

Die dunkle Erde auf ihrem Sarg und ihre bunten Bilder: Es passt nur scheinbar nicht zusammen.

von Dennis Siepmann

  • Die Bücher „Kenny der kleine Kämpfer“, „Tornado und Karko“ sowie „Tierische Kurzgeschichten“ von Laura Wunsch sind bei Online-Anbieter Amazon erhältlich.

 


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