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Uni-Projekt

Sport als gemeinsame Sprache

Sie brauchen einen langen Atmen: Um Langstreckenläufe zu meistern oder um Deutsch zu lernen. Marburger Studierende und gleichaltrige Geflüchtete motivieren sich gegenseitig.
Die Teamkollegen freuen sich nach dem Wettkampf: Studierende, Sportler und Flüchtlinge trainieren und laufen zusammen.Privatfoto

Die Teamkollegen freuen sich nach dem Wettkampf: Studierende, Sportler und Flüchtlinge trainieren und laufen zusammen.

© privat

Marburg. „Gemeinsam läuft’s besser!“: Dieses Motto aus dem Vereinsleben haben sich Studierende der Marburger Philipps-Universität für ein zweisemestriges Forschungsprojekt zueigen gemacht.

Sie setzen sich mit dem Thema Flüchtlinge in theoretischer, aber auch ganz praktischer Weise auseinander. Das Projekt steht unter wissenschaftlicher Leitung - und zwar von Dr. Kerstin Zimmer vom Zentrum für Konfliktforschung und Johannes Maaser, Mitarbeiter der Arbeitseinheit Sozialpsychologie und Angestellter der Stadt Marburg im Fachdienst Gefahrenabwehr. Sie begleiten das Laufprojekt im Rahmen eines universitären Lehrforschungsseminars der Uni.

Die praktische Projektleitung haben Studierende aus verschiedenen Fachbereichen in die Hand genommen: Rola Kramer, Max Nabrotzki, Mario Pankratz und Yasemin Sasmaz. Ziel des Projekts sind „Sozialisationswirkungen von sportlicher Aktivität“: „Sport wird als gemeinsame Sprache betrachtet“, erklärt Yasemin Sasma, 25-jährige Soziologiestudentin.

Beim gemeinsamen Lauftraining entwickeln die Teilnehmer soziale Kompetenzen: Sie integrieren sich selbst in der Gruppe, lernen, sich zu behaupten und in oder als Teil der Gruppe zu „funktionieren“. Wie in jeder Sport-Gruppe steht nicht nur die Leistung im Vordergrund, sonder auch der Austausch - in diesem Fall der interkulturelle Austausch. Die Teilnehmer sind neben den Studierenden Geflüchtete aus Ländern wie Afghanistan, Syrien und dem Irak.

Kein Platz, keine Zeit für „böse Gedanken“

Ahmad Alaskar, Gholam Hosseini, Hossein Hosseini, Hussein Lateef, Safiullah Nemati heißen die jungen Männer zwischen 16 und 24 Jahren, die zwei Monate lang regelmäßig gemeinsam mit den Marburgern geschwitzt, geschuftet und am Ende gefeiert haben. Die jungen Männer berichten, dass das Ziel, einen gemeinsamen Wettkampf zu meistern und sich einer Gruppe in Deutschland zugehörig zu fühlen, sie von „Bösem“ weggebracht habe.

Böse Gedanken, oder Intentionen, depressive Stimmungen: Eine Gelegenheit sei dafür nicht mehr vorhanden gewesen, berichten die jungen Männer. Der Sport, die Gruppe habe Stabilität und Motivation in ihr Leben gebracht. Die Freude ist nun groß: Beim Marburger Lahntallauf haben sie erfolgreich die Wettkampfdistanz von zehn Kilometern geschafft.

Dass dieses Ziel erreicht wurde, war keine Selbstverständlichkeit, sagt Sasmaz. Denn fast alle Teilnehmer wurden kurz vor dem Wettkampf in andere Flüchtlingsunterkünfte verlegt. Die jungen Männer mussten die letzten Tage vor dem Wettkampf und auch heute noch alleine trainieren. Über Smartphones, konkret WhatsApp-Gruppen, ist die Gruppe dennoch weiterhin „zusammen“. „Wir schicken uns Bilder vom Einzellauf“, sagt Sasmaz.

Disziplin, Selbstsicherheit und Teamfähigkeit

Die Rückmeldung sei so positiv, dass die Studierenden das Projekt auch im neuen Semester fortführen wollen. Ob aus der Forschungseinheit nun ein Verein oder gar ein Gewerbe entstehe: Die Ideen sind reichlich vorhanden.

„Aber alles steht noch in den Sternen. Wir müssen immer wieder damit rechnen, dass Flüchtlinge das Team verlassen, verlegt werden und umziehen müssen“, sagt die Studentin Sasmaz. Im Vordergrund stehe auch die Persönlichkeitsentwicklung, die Selbstsicherheit und Stärkung der Identität sowie die Förderung von diszipliniertem Verhalten, Selbstorganisation, Verantwortungsfähigkeit, Durchhaltevermögen, Kooperations- und Teamfähigkeit, schreiben die Wissenschaftler. Einfach ausgedrückt: Wer langem Atem beweist, seinen inneren Schweinehund besiegt, fühlt sich am Ende gestärkt.

Das Gefühl, das jeder Langstreckenläufer kennt, motiviert auch im privaten Umfeld, das bei den Flüchtlingen ebenfalls viel Kraft und Zuversicht abverlangt, erklärt Nabrotzki.

Die Aktion wurde auch vom Turn- und Spielverein (TSV) Cappel mit Hermann Dany als zweitem Vorsitzenden gefördert. Der TSV Cappel hat zum Beispiel die Versicherung der Teilnehmer übernommen und die Sporthalle für ergänzende Krafttrainingseinheiten zur Verfügung gestellt.

Cappels bekannter Langstreckenläufer Elias Dobre begleitete die Teams während des Trainings und im Wettkampf: „Sein Engagement in jeglicher Hinsicht erwies sich für die Entwicklung des Projekts und Erreichung der angestrebten Projektziele als sehr positiv“, sagt Sasmaz.

von Anna Ntemiris


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