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Spielende Kinder fürchten Zaun-Bau

Nachbarschaftsstreit Spielende Kinder fürchten Zaun-Bau

Aufschrei am Sachsenring: Kinder, die herumtoben wollen, sollen in zwei Wochen einen Zaun vorgesetzt bekommen. Ein Schiedsgericht brachte keine Lösung, Hilferufe an die Politik verhallten.

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An der Stelle, wo die Kinder des Sachsenrings jetzt stehen, wird bald ein Zaun sein. Spielen werden sie hier nicht mehr können. Auch Bewohner müssen anstatt den vorderen kurzen, den langen und steilen Weg im Hintergrund benutzen. Foto: Matthias Weber

Wehrda. Die Häuserreihe Nummer 42 bis 54 soll von der Umgebung abgetrennt werden. Anstatt eines kurzen und einfacheren Weges müssen die Bewohner dann einen langen Umweg gehen. Gerade für sehbehinderte und körperlich eingeschränkte Menschen ist das ein Problem. Und Kinder haben nun Angst, dass ihnen sowohl Spielflächen als auch Freizeitspaß geraubt werden.

Mit einem Nachbarschaftsstreit im Sommer vorigen Jahres fing alles an, wie die Tagesmutter und Bewohnerin des Hauses 54, Hellen Reinarz, berichtet.

„Uns wurde gesagt, dass die Kinder zu laut seien. Des guten Friedens willen haben wir unseren Kindern gesagt, dass sie bitte leiser sein sollen“, sagt sie. Das Problem war damit aber nicht behoben. Neben Vorwürfen an Reinarz, dass sie nicht wisse, wie man Kinder richtig erziehe, soll ihr Sohn von einer Anwohnerin von seinem Bobby-Car gerissen worden sein.

Als im Winter dann etwas Ruhe einzukehren schien, wurde der Streit um den Kinderlärm erneut entfacht. Ein Schiedsgericht sollte eine Lösung bringen - vergeblich. Ein Konsens wurde nicht erzielt. Kindern das Spielen zu verbieten, so der Tenor, gehe nun einmal nicht.

„Für viele Anwohner scheinen die Kinder zu laut zu sein. Doch bevor wir in das Haus eingezogen sind, war dort ein Jugendclub. Unsere direkten Nachbarn finden es nun viel besser, weil es ruhiger ist“, sagt Reinarz.

Das Problem am Sachsenring ist, dass es keinen Spielplatz gibt. Zwar gibt es freie Plätze zur Errichtung eines solchen, doch müsse dies mit eigenem Geld der Anwohner finanziert werden, da die Plätze nicht zur Stadt gehören. „Das Geld haben wir nun einmal leider nicht“, sagt Reinarz.

„Es hat mal Bestrebungen gegeben, auf einer Fläche am Sachsenring einen Spielplatz zu bauen und Zuschüsse von der Stadt einzuwerben“, sagt Ortsvorsteher Dirk Vaupel. Das sei aber eingeschlafen, weil sich einige interessierte Eltern nicht mehr kümmerten und die Stadt offenbar auch wenig Initiative zeigte.

Reinarz sagt, sie habe auch Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) angerufen. Doch seien ihre Versuche erfolglos gewesen: kein Rückruf, oder das Sekretariat blockte ab. „Aber mangelnde Spielflächen, das ist wirklich ein Problem“, sagt Vaupel.

Von dem Zaun-Bau habe er bislang jedoch nichts gehört. Vor zwei Wochen folgte Reinarz zufolge die ernüchternde Mitteilung der Hausverwaltung, dass der Zugang zur Häuserreihe abgetrennt wird. Offizielle Begründung: Verkehrssicherheit. „Um die Häuser verlassen zu können, müssen wir anstatt 4 nun 128 Stufen gehen“ sagt Reinarz. In der Häuserreihe sollen sechs sehbehinderte Menschen wohnen, auch körperlich eingeschränkte Leute, für die es mühevoller ist, den langen Weg zu benutzen.

Begründung für Zaun-Bau: Verkehrssicherheit

„Der Weg hat keine Rampen. Es ist so schwierig, dort mit dem Kinderwagen hinaufzukommen“, argumentiert Reinarz.

Ebenso stelle im Notfall der Weg ein Problem dar, da Notärzte einen Umweg gehen müssten und im Falle eines Brandes die Bewohner einer höheren Gefahr ausgesetzt wären. Die Errichtung eines Zauns wurde auf einer Eigentümerversammlung beschlossen. Anfangs sei geplant gewesen, gar eine Mauer an der Stelle zu errichten, doch wurde dies aus Kostengründen unterlassen.

Die zuständige Hausverwaltung wollte keine Auskunft zu dem Fall abgeben, da sie sich nicht berechtigt sehe, die Situation zu beurteilen. „Wir müssen immer vom schlimmsten ausgehen. Die Verkehrssicherung geht vor. Wir müssen die Entscheidung der Eigentümerversammlung akzeptieren, so leid es uns auch für die Bewohner der Häuserreihe tut“, sagt Jörg-Peter Reinarz, Leiter der Hausverwaltung.

Für Renate Oberlik, Vorsitzende des Marburger Kinderschutzbundes, ist die Situation nicht nachvollziehbar: „Kinder haben das Recht zu spielen. Aber ich kenne dieses Gefühl, da ich in einer ähnlichen Wohnsituation lebe. Dagegen muss etwas unternommen werden.“

Hilfeaktionen der Bewohner sollen keinen Erfolg gebracht haben. Mit eigens verfassten Briefen habe man umliegende Nachbarn angesprochen, um Argumente gegen den Zaun bei der Hausverwaltung vorzulegen. Sie sollen positive Resonanz erhalten haben, denn es gebe doch Bewohner, denen das Spielen der Kinder erfreue. Bei der Eigentümerversammlung half dies aber nichts.

Hellen Reinarz vermutet einen neuen Investor als Ursache der Problemeskalation: „Man weiß fast nichts über ihn, aber er ist in unserer Gegend herumgelaufen und hat Fotos für eine Präsentation gemacht.“ Sie vermutet, dass er die anderen Eigentümer überzeugt habe, sich von der Häuserreihe abzugrenzen, da man sich mit den Bewohnern nicht identifizieren könne.

In zwei Wochen wird der Zaun gebaut. „Ich schalte einen Anwalt ein“, sagt Reinarz.

von Matthias Weber

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