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„Solidarität europaweit“ heißt die Aufgabe der Zukunft

Theater bei den DGB-Senioren „Solidarität europaweit“ heißt die Aufgabe der Zukunft

Das Theater kann sich allen Themen annehmen. Theatermacher Peter Radestock kommentierte im Dialog mit Jürgen Hinzer dessen Ausführungen als kämpferischer Gewerkschaftsveteran der NGG.

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Die Griechin Agiro Baduva berichtete über ihr Heimatland.

Marburg. Das war eine brillante Idee, die ebenso brillant umgesetzt wurde. Während Jürgen Hinzer (Foto) von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) seine flammende Gewerkschaftsrede hielt, unterbrach ihn Theatermacher Peter Radestock immer wieder, um das soeben Gehörte spitz, süffisant und kritisch zu kommentieren. Hinzer arbeitete deutlich heraus, wie gewerkschaftliche Arbeit in Europa funktionieren muss, um Erfolg zu erzielen. Dabei erinnerte er an einen Arbeitskampf bei Neuselters, das zum Nestlé-Konzern gehört. Nur weil kein Mineralwasserwerk in Europa Streikbruch begangen hatte, sich alle solidarisch gezeigt hatten, konnte das Ziel, die verloren gegangen Tarifbindung wieder rückgängig zu machen, erreicht werden. Hinzer organisierte in seinem Leben 164 Streiks und ist überzeugt: „Die Notwendigkeit von Arbeitskämpfen wächst. Bei uns brummt zwar das Exportgeschäft, doch in Südeuropa schlägt man sich mittlerweile um Lebensmittel. Dazu breitet sich hier das Minijob-Unwesen, die Leiharbeit und die prekäre Beschäftigung immer weiter aus.“ Radestock versuchte sich als Arbeitgeber vorzustellen, was die Menschen eigentlich wollen, wusste sich aber kein Reim daraus zu machen, was ein Mensch überhaupt ist. Er kenne nur seinen „Preis“. Derweil wurde Hinzer sehr konkret, als es um das Thema Politik für Menschen oder Profite ging. Ja, da muss noch einmal der ehemalige Macher des FC Bayern-München herhalten, also Uli Hoeneß. Hinzer nannte es unerträglich, dass ein Krimineller dafür, dass er seine Haftstrafe akzeptiere von der Kanzlerin höchstselbst Respekt gezollt bekomme. Auf den Respekt der Kanzlerin könne jener Verurteilte, der als Hartz-IV-Empfänger Lebensmittelgutscheine fälschte und dafür 21 Monate Haft kassierte, ewig warten. Hoeneß‘ Aussage, die Annahme des Gefängnisurteils entspreche seinem Verständnis von Anstand, Haltung und Verantwortung kommentierte Radestock trocken mit dem Satz: „Besser hätte er es nicht ausdrücken können, dass er ein Arschloch ist.“

Dass es in Deutschland Tafeln gibt, sei eine Errungenschaft des sozialen Miteinanders - so werde es jedenfalls politisch verkauft. Dass es sie überhaupt geben muss, nannte Hinzer schlicht eine „Schande für Deutschland“. Radestock (Foto) hatte dafür ein Zitat des Schweizer Pädagogen und Reformers Johann Heinrich Pestalozzi parat: „Wohltätigkeit ist das Ersaufen des Rechts im Mistloch der Gnade.“

Zuvor hatte die griechische Grundschullehrerin Agiro Baduva vom Zustand ihres Heimatlandes berichtet, in dem die Jugendarbeitslosigkeit mittlerweile die 70 Prozentmarke erreiche. Das Gesundheitswesen sei völlig zusammengebrochen, viele Menschen hätten gar keinen Zugang mehr dazu. Krebskranke stürben, weil sie kein Geld für eine Chemotherapie haben. Das Geld aus den Hilfspaketen komme überall an, nur nicht in der Hosentasche der Bürger. Allein 5000 Menschen hätten sich aus persönlicher Verzweiflung wegen der Krise umgebracht. 2000 Schulen seien geschlossen worden, Eltern fehle das Bus-Geld, ihre Kinder in die Schule schicken zu können. Das stimmte die DGB-Senioren und ihre Gäste sehr nachdenklich.

von Götz Schaub

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