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„Sohn des Pharaos“ muss in Psychiatrie

Aus dem Landgericht „Sohn des Pharaos“ muss in Psychiatrie

Das Urteil fiel nach der Vernehmung von mehr als 30 Zeugen. Der psychisch kranke Angeklagte musste sich wegen Drohungen und Gewaltdelikten gegen Frauen verantworten.

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Die Verhandlung fand vor dem Landgericht statt.

Quelle: Thorsten Richter (Archiv)

Marburg. Mehrere Stunden saß er auf seinem Stuhl und redete selten. Als jedoch Dr. Rolf Speier, ärztlicher Direktor der Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina, sein Gutachten vortrug, fuhr der 51-jährige Angeklagte mehrmals aus der Haut. „Er nimmt die Realität ganz anders wahr als wir und hat keine Einsicht für seine Krankheit entwickelt. Seiner Meinung nach ist er gesund und fühlt sich vor allem von Frauen bedroht, belästigt und provoziert“, erklärte der Psychiater und fügte an: „Der Angeklagte wurde seit 1995 schon mehrmals in psychiatrischen Kliniken behandelt.

Ich gehe von einer paranoiden Schizophrenie aus.“ Der Angeklagte leide vorrangig unter Halluzinationen und Verfolgungswahn.
Dieser berichtete, dass er von mehreren Frauen „sexuell belästigt“ wurde – auf eine bemerkenswerte Art und Weise: Einige Frauen, die er kurz darauf ­attackierte oder beleidigte, sollen mit der Hand eine Greifbewegung gemacht haben. Für den Angeklagten das Anzeichen, dass sie seinen Schambereich anfassen wollten. ­Jede Zeugin wies einen derartigen Willen oder ein sonstiges ­
sexuelles Interesse zurück.

Während der vorangegangenen Verhandlungstermine hatte­ der Delinquent mit abstrusen Aussagen auf sich aufmerksam gemacht. Unter anderem hatte er behauptet, dass er der „Sohn des Pharaos“ ist und die Berliner Mauer mit „einigen seiner Leute“ höchstpersönlich errichtet hat. Dr. Speier­ erklärte, dass auch Realitätsverlust ein Symptom der paranoiden Schizophrenie sei. Für die Erste Strafkammer um Richter Dr. Marco Herzog erwies die Hauptverhandlung, dass der Angeklagte grundlos auf 25 Frauen losgegangen war oder diese beleidigt hatte.

Mehreren Frauen, auch einer Polizeibeamtin, soll er mit Genitalverstümmelung und Tod gedroht haben.

Mehr als ein Dutzend Frauen soll der Angeklagte geschlagen und zwei davon auf eine Straße geschubst haben. Keines der Opfer erlitt bleibende­ körperliche Schäden. Allerdings berichteten einige Frauen, tiefe psychische Narben davongetragen zu haben. „Wenn er weiter auf freien Fuß bleibt, kann es sein, dass er in Zukunft zu härteren Mitteln als Schlägen greift“, sagte Dr. Speier. Daher folgte das Gericht Staatsanwalt Sebastian Briedens Plädoyer, den Angeklagten wegen dessen Erkrankung freizusprechen und ihn in einer psychiatrischen ­
Klinik unterzubringen.

von Benjamin Kaiser

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