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So sieht das neue Lokschuppen-Konzept aus

Ausschreibung So sieht das neue Lokschuppen-Konzept aus

Gründerzentrum, Gastronomie, Tagungs- und ­Feierräume sowie ein Hotel: Die Investoren Optik Schneider / Christmann + Pfeifer (C+P) setzen bei der Neukonzeption des Lokschuppens in Marburg auf einen Nutzungs-Mix. Die OP stellt alle Details vor.

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Alte Bausubstanz erhalten, ­moderne Elemente integrieren: Die Visualisierungen samt Nutzungskonzept der Bietergemeinschaft Optik Schneider / Christmann + Pfeifer sind dem Auswahlgremium vorgestellt und dort mehrheitlich zur Umsetzung empfohlen worden.

Quelle: Grafiken: Schneider / C+P

Marburg. Die Pläne haben vier Bestandteile: Veranstaltungshalle,Gründerzentrum, Gastronomie und Hotel.

Die Bietergemeinschaft will 12,6 Millionen Euro in die Lokschuppen-Sanierung und den Hotelbau investieren. Bis Anfang 2020 sollen die Bauarbeiten, die laut Schneider / C+P im Falle eines Zuschlags im Sommer 2018 beginnen würden, abgeschlossen sein. Eine Ausstiegsklausel, ein sechsmonatiges Rücktrittsrecht soll in den Kaufverträgen nicht mehr verankert werden. Ziel des Umbaus und des Nutzungskonzepts sei der „langfristige Betrieb“, sagt Gunter Schneider, Chef des gleichnamigen Unternehmens. Die von C+P einst angeworbenen Ankermieter - mehrere heimische Kleinfirmen aus dem Kreativsektor - so versichert C+P-Geschäftsführer Rolf Heinecke, „bleiben im Boot“.

„Wir haben die Aspekte, die in unseren ehemaligen Einzelbewerbungen maximal positiv gesehen wurden, zusammengeführt und eine Vielfalt an Wünschen integriert“, sagt Schneider.

Und das ist im Einzelnen geplant: Die Veranstaltungshalle soll trennbar sein, ist auf bis zu 530 statt wie bisher 650 Gäste ausgelegt. Die Halle, ausgestattet mit Bühne, Licht-, Ton- und Soundanlage könne etwa für Hochzeitsfeiern oder Kongresse genutzt werden. Man wolle mit dem Saal, gerade über eine Preisstaffelung speziell für Familien und karitative Organisationen, „eine Marktlücke schließen“, wie Schneider sagt.

Schneider lobt „die genialen Ideen“

Auf der anderen Seite des Gebäudes soll ein Gründerzentrum entstehen, das freie und geschlossene Arbeitsbereiche anbietet. Waren bisher viele einzelne Büro-Würfel, die dicht aneinander standen geplant, sollen nun weniger gläserne Kuben eingebaut werden und dafür mehr flexible Arbeitsmöglichkeiten, auch im Freiraum zwischen den Büros entstehen. Konzeptionell ist der Entwurf an das US-amerikanische Silicon Valley angelehnt, wo es oft keine räumliche Trennung von Arbeitsplätzen gibt. Ziel: Unterschiedliche Berufszweige, Ideen und Arbeitsabläufe unterstützen einander, profitieren voneinander. Es gehe um „den richtigen Geist, den richtigen, Ort, Inspiration und Internationalität“, sagt Schneider.

Sogenannte Unternehmensengel sind laut Schneider dafür wichtig, sie sollen sich finanziell an gerade­ gegründeten Unternehmen ­beteiligen und
gleichzeitig die Existenzgründer mit Fachwissen und Kontakten unterstützen - gegebenenfalls auch finanziell. Marburg zur Gründerstadt zu machen, „die genialen Ideen etwa von Studenten unterbringen, den Unternehmergeist unterstützen, Start-ups erfolgreich machen“ sei das Ziel, sagt er.

Im Mittelteil, als Trennung zwischen Veranstaltungs- und Wirtschaftsbereich ist die Errichtung einer Gastronomie ­geplant. Ein Bio-Fair-Trade-Restaurant soll das auf dem Waggonhallenareal bestehende Angebot - das „Rotkehlchen“ - „ergänzen, so dass in Marburg ein neuer Eventpunkt entsteht“, sagt Schneider. Bei dem Restaurant handele es sich um „kein ertragbildendes Element“ und mögliche Öffnungszeiten und Angebote­ könnten so gestaltet werden, dass es „keine Wettbewerbssituation“ gebe und der „Kosmos erhalten bleibt“, ergänzt Rolf Heinecke, C+P-Geschäftsführer.

Werkstattgebäude soll mehrgeschossig ausgebaut werden

Architektonisch soll mehrgeschossig auf die Lokschuppenmauern gebaut werden. Grundsätzlich plane man im Inneren des denkmalgeschützten Ensembles „minimale Einbauten“, damit „überall das Antlitz erhalten und die damalige Zeit reflektiert“ werde. Über der historischen Drehscheibe entfällt im Gegensatz zur ursprünglichen Planung der vorgesehene Glasanbau. Die Fläche bliebe damit als Freiraum entsprechend der Identität der Bahnanlage bewahrt.

Das benachbarte Werkstattgebäude soll mehrgeschossig ausgebaut werden, auf zwei Etagen ein Hotel mit bis zu 60 Zimmern beherbergen. Kategorie: zwei Sterne. „Dieses Hotel wird nicht nur die knappe Zahl der Übernachtsmöglichkeiten in der Stadt erhöhen, es wird zu einer Belebung des ganzen Gebiets beitragen“, sagt Karen Weitzel, C+P-Projektmanagerin. Die Unterkunft, die über eigens vom Unternehmen entwickelte Module namens „Global Home“ ausgestattet wird, verfüge über keine eigene Gastronomie.

Unterhalb des Hotels soll ein Seminarbereich entstehen, vermietbare Räume etwa für die Vorhaben des „Christus Treffs“ (CT) und Veranstaltungen anderer Mietinteressenten. Allerdings werden vom Werkstattgebäude nicht viel mehr als die Grundmauern, das Erdgeschoss übrigbleiben. „Vom Zustand des Hauses waren wir erschrocken“, sagt Schneider. Ein Abriss komme wegen des Denkmalwerts nicht infrage, eine Sanierung des Gesamtbestands sei wegen der Schäden nicht möglich. „Unser Vorhaben ist also ein Zwischending“, sagt Schneider.

Versprechen: „angemessene Räume“ für bisherige Nutzer

„Die Rechenbarkeit des ganzen Projekts kommt nur über das Hotel“, erläutern Schneider und Heinecke. Eigentlich sei jedes über Miete zur Verfügung gestellte Büro im Lokschuppen, jeder sogenannte Co-Working-Space wichtig für eine langfristige Re-Finanzierung. Doch man habe sich für die Architektur, für mehr Erhalt der Substanz, für Freiräumigkeit und Sichtachsen statt Wirtschaftlichkeit entschieden. „Für mich ist das ein soziales Engagement. Ich möchte etwas Gutes, einen Beitrag für die Marburger leisten“, sagt Schneider. „Der Lokschuppen wäre für uns vor ­allem ein Referenzobjekt, deshalb stecken wir Herzblut darein. Denn nur mit Glück wird sich der wirtschaftliche Verlust in Grenzen halten“, sagt Heinecke, der für den Hotelbau sechs des Gesamtinvestments von 12,6 Millionen Euro veranschlagt.

Den bisher im Werkstattgebäude beheimateten Nutzern werde gegenüber des Hauses, neben dem Rotkehlchen „angemessene Räume“ zugesichert. In den Entwürfen nicht vorgesehen ist hingegen ein eigener Platz für die Ortenberggemeinde. Die Vorstellungen der Stadtteilgemeinde gingen „weit über das hinaus, was realistisch machbar ist“, sagt Schneider. Mehr als 200 Quadratmeter freizumachen sei schon angesichts der benötigten Hotel-Kapazitäten nicht möglich. „Als Mieter können sie gerne Räume anmieten. Aber das geht eben nur partiell, nicht etagenweise.“ Grundsätzlich sollen die C+P-Ankermieter sowie der CT den ersten Zuschlag für Räume erhalten. „Der CT hat sein Engagement massiv zurückgefahren“, sagt Schneider mit Verweis auf die seit ­Monaten in der Kritik stehende Religionsgemeinschaft.

Auf dem Parkplatz gegenüber der Kletterhalle soll von C+P ein Parkdeck gebaut werden. Wie groß, wie hoch, mit wie vielen Stellflächen - das sei erst nach Detailplanung und Abstimmungen mit der Stadtverwaltung klar.

von Björn Wisker

 
Standpunkt

Zukunftschance 
für Halb-Ruinen

Die Bietergemeinschaft zum Kauf des Lokschuppens hat den zentralen Konflikt, die Präsenz des „Christus Treffs“ auf dem Waggonhallenareal geschickt gelöst. Abgesehen von den Sonntags-Gottesdiensten im Industriedenkmal selbst, würden die Dauer-Angebote des CT wie Kinderbetreuung in einem Seminarbereich im Werkstattgebäude stattfinden. Damit wären die Christen praktisch unsichtbar für religionskritische Besucher des Geländes.

Es ist dieser Punkt, der den Investoren bislang politisch den Weg zum Kauf, zu Sanierung und Umsetzung ihres – inhaltlich gar nicht so sehr veränderten – Nutzungskonzepts versperrt hat. Für die Stadtverordneten, speziell für die nicht klar positionierte SPD-Fraktion wird eine Ablehnung von Schneider/C+P immer schwerer.

Ein Veto gegen dieses letzte verbliebene Kaufangebot wäre nicht nur gleichbedeutend mit der Absage an eine vom SPD-Oberbürgermeister vorangetriebene Privatisierung. Es wäre sogleich ein Knacks mit dem OB und die erste Krise innerhalb der ZIMT-Regierung. Aber bei dem für viele so leidigen Thema Lokschuppen geht es um mehr als ein verfallendes Gebäude und politisches Geknister.

Es geht um Grundsätze der Stadtentwicklung – baulich, inhaltlich und in wessen Regie. Das, was seit Wochen in Marburg läuft, ist eine verzögerte, verspätete und vor allem verkleidete 
Privatisierungs-Debatte. Eine, die stellvertretend über den nicht enden wollenden Schlagabtausch zwischen Religionskritikern und Christengemeinschaft geführt wurde.

Es ist mit der Vorlage der nun zur Annahme empfohlenen Neukonzeption an der Zeit, sich endlich Inhalten abseits des Nischen-Problems „Christus Treff“ zu widmen: Will man ein Hotel auf dem Waggonhallenareal? Wie verträgt sich das zu erwartende erhöhte Verkehrsaufkommen mit dem Stadtteil? Was ist mit der Ortenberggemeinde? Wird die Veranstaltungshalle zur Konkurrenz für Stadthalle und KFZ? Wie positioniert man sich im Spannungsfeld von gut gemeintem Bestandsschutz für die Gaststätte Rotkehlchen zu freier Marktwirtschaft eines neuen Gastronomie-Betriebs?

Wie gedenkt man, Jungunternehmer anzuziehen und einen neuerlichen (wenn auch nicht kommunal zu verantwortenden) Flop à la Software-Center zu vermeiden? Bei allen offenen Fragen ist klar: Der Lokschuppen ist für weitaus weniger Investoren interessant, als man im Magistrat hoffte. Das, was nun seitens der Bietergemeinschaft als Bauvorhaben abgeliefert wurde, gibt dem Industriedenkmal zumindest eine Perspektive für das 21. Jahrhundert. Und wenn es nur der kleinstmögliche Kompromiss zwischen Konzept-Gegnern und Befürwortern ist: Jeder Vorschlag, der Leben in die Halb-Ruinen bringt, war und ist besser als Wohnungsbau.

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