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So sieht das Marburger Partikeltherapie-Zentrum aus

Hoffnung für Tumorpatienten So sieht das Marburger Partikeltherapie-Zentrum aus

Nach jahrelangem Streit geht es endlich los: Am Donnerstag informierten die Beteiligten des Marburger Ionenstrahl-Therapie­zentrums (MIT) über Details der technischen Inbetriebnahme.

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Blick ins „Herzstück“ des Ionenstrahlen-Therapiezentrums: Der Teilchenbeschleuniger.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. „Die längsten Geburten bringen die schönsten Babys hervor“ - so fasste Professor Rita Engenhart-Cabillic vom medizinischen Zentrum für Radiologie die langen Verhandlungen zusammen. Es sei ein „sehr guter Tag für das UKGM, für das MIT und insbesondere für die Patienten“, so Engenhart-Cabillic. Es habe immer „einen Kern gegeben, der an die Inbetriebnahme geglaubt hat“. Mit dem „Comprehensive Cancer Center“ in Marburg und dem Tumorzentrum Gießen habe man „nun eine optimale Basis“.

Hessens Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) erinnerte daran, dass die Diskussion um die Ionenstrahl-Therapie „über die Jahre hinweg immer mit schwierigen Verhandlungen“ verbunden gewesen sei. Nun sei ein erfreulicher Tag, denn Rhein verdeutlichte: „Als wir begonnen haben, die Gespräche zu führen, wusste keiner, dass es am Ende so ausgeht und dass die Partner sich so zusammensetzen, wie sie das heute tun.“






 
 
 
 
 
 
 
 
 


Für ihn sei immer das Wichtigste gewesen, „dass wir eine Lösung finden, die schwerkranken Patienten zugute kommt“. Die jetzige Lösung sei auch „ein wichtiges Signal für den Wissenschaftsstandort Hessen“, so Rhein.

Professor Guido Adler, Vorstandsvorsitzender und Leitender Ärztlicher Direktor des Uni-Klinikums Heidelberg, sagte:

„In einem Jahr wollen wir die ersten Patienten hier bestrahlen.“ Mit den Standorten Marburg und Heidelberg gebe es nun zwei Orte, an denen die „innovative Technologie der Schwer-Ionenbestrahlung“ angewendet würde. „Es wäre traurig, wenn dieses Wissen nicht in Deutschland erhalten geblieben wäre“, so Adler. Er verdeutlichte, dass an beiden Standorten die Patienten unter der wissenschaftlichen Federführung von Heidelberg behandelt würden. Ziel sei es, die Technik künftig mehr Patienten zur Verfügung zu stellen, als dies bisher möglich sei - und auch mehrere Krankheitsbilder zu behandeln.

In Marburg herrscht eine „komfortable Situation“

Die Kaufmännische Direktorin des Uni-Klinikums Heidelberg, Irmtraut Gürkan, sagte, man sei in Marburg „in einer komfortablen Situation“: Gebäude und Anlage stünden bereits, „wir müssen ,nur noch‘ in Betrieb nehmen“, so Gürkan.

Die Expertise sei vorhanden, „daher werden wir das ambitionierte Ziel, das Professor Adler formuliert hat, auch erreichen“, ist sie sich sicher. Mit den Kostenträgern der Behandlung - also den Krankenkassen - seien bereits in Heidelberg zum großen Teil Verträge abgeschlossen worden, daher gehe sie davon aus, „dass wir diese Rahmenbedingungen auch für Marburg bekommen“. Denn die Kassen seien sich bewusst, dass die Ionenstrahl-Therapie „ein besonderes Angebot für ihre Versicherten“ sei.

Foto: Nadine Weigel

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Professor Jürgen Debus, Geschäftsführer der MIT GmbH, erläuterte die Vorteile der Ionenstrahl-Therapie: Anders als etwa bei Röntgenstrahlen sei es möglich, den Strahl an einem definierten Punkt zu stoppen. Das heißt: Er trifft punktgenau den Tumor und schont so das umliegende Gewebe. „Diese Schonung ist beispielsweise wichtig, wenn wir Kinder bestrahlen“, erläuterte Debus.

Die Therapiefolgen einer Behandlung mit Röntgenstrahlen verdeutlichte er mit Aufnahmen eines Kindes: Zwar sei der Tumor geheilt, doch der Kopf des Kindes war deformiert. „Diese Therapiefolgen wollen wir vermeiden“, so Debus. Protonen und Kohlenstoff-Ionen kommen zum Einsatz - und das so genau, „dass man mit dem Strahl wie mit einem Stift schreiben kann“, verdeutlichte Debus.

Im vierten Jahr wolle man etwa 700 Patienten erreichen - hauptsächlich in klinischen Studien, um die Wirksamkeit der Therapie zu beweisen.

Bei der Anlage handelt es sich um ein absolutes Hightech-Produkt: Auf einer Fläche, so groß wie ein Fußballfeld, werden Protonenstrahlen erzeugt und knapp auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Modernste, computergesteuerte Betten in den Behandlungsräumen unterstützen das Ziel der maximalen Präzision: Die Strahlen weichen maximal Bruchteile eines Millimeters von ihrem Ziel ab. Umliegendes Gewebe wird geschont.

Im Sommer Strahlen mit „Therapiequalität“

Derzeit stehen Erhaltung und Wartung der Anlage im Mittelpunkt, „parallel dazu suchen wir Personal“, erläuterte Professor Thomas Haberer, wissenschaftlich-technischer Direktor des MIT. Im Anschluss folge der erste technische Strahlbetrieb. „Und im Sommer wollen wir Therapiequalität der Strahlen in allen Behandlungsräumen erreichen“, so Haberer. Nach den erforderlichen Genehmigungen soll der Behandlungsbetrieb in zunächst zwei Räumen beginnen, der sukzessive auf alle vier Räume ausgebaut werde.

„Das ist ein guter Tag für Marburg“, freute sich Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause. Die Aufnahme der klinischen Studien stärke Marburg nicht nur als Forschungsstandort, sondern auch als Standort der Universitätsmedizin: „Klinische Forschung bedeutet immer auch die Behandlung von Patienten.“ Man habe alles erreicht, was Marburg erreichen konnte, sagte Krause mit Blick auf das jahrelange Tauziehen.

Einen interessanten Einblick in die Denkweise eines weltweit führenden Hochtechnologie-Konzerns gewährte Professor Hermann Requard, Vorstandsvorsitzender von Siemens ­Healthcare. Siemens war nach 2011 heftig in die Kritik geraten, weil der Konzern die Vorbereitungen für den Patientenbetrieb der damals „Partikeltherapiezentrum“ genannten Anlage abgebrochen hatte.

Requard räumte durchaus auch „Fehleinschätzungen“ ein, man habe sich bei Siemens zu schnell auch kommerzielle Erfolge versprochen. Die „Fragestellung moderner Gesundheitssysteme“ müsse sein: „Wie viel Gesundheit gibt es für den investierten Euro.“ Dieser Frage müsse sich jede Therapieform stellen.

von Andreas Schmidt und Till Conrad

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Die wichtigsten Fragen zum Partikeltherapiezentrum

Wann kann der erste Patient behandelt werden?

Ende 2015.

Was passiert bis dahin?

Bis zur Behandlung des ersten Patienten – das soll nach dem Vorstandsvorsitzenden der Universitätsklinik Heidelberg, Professor Guido Adler, in etwa einem Jahr der Fall sein – muss die Anlage gewartet und weiter aufgebaut werden, außerdem wird derzeit ein Team aus 50 Physikern, Ingenieuren und Technikern zur Betreuung der Anlage sowie etwa 30 klinischen Mitarbeitern aufgebaut. Ein Expertenpool aus Heidelberg hilft bei der Schulung der neuen Mitarbeiter. Im Sommer soll die Anlage abgenommen und die Betriebserlaubnis erteilt werden.

Was ist das Neue an der Ionenstrahl-Therapie?

Die Behandlung mit Ionenstrahlen ist, so vermuten Forscher, effektiver und für die Patienten schonender als die herkömmliche Strahlentherapie. „Die ersten klinischen Ergebnisse sind sehr vielversprechend“, berichtete der Ärztliche Direktor des Heidelberger Schwesterzentrums, Professor Jürgen Debus. Wissenschaftler halten die Ionenstrahl-Therapie aber nicht für die einzige Behandlungsform von Tumorpatienten in der Zukunft.

Welche Krebsarten können mit der Ionenstrahl-Therapie behandelt werden?

In Heidelberg werden Schädelbasis-Tumore, Leberzell-Tumore, Tumore in Kopf und Hals sowie Tumore bei Kindern behandelt. Die Ionenstrahl-Therapie ist auch für Schwangere geeignet, wenn eine konventionelle Bestrahlung für das Ungeborene tödlich wäre. Die Strahlenbelastung für den Fötus liege bei der eines Acht-Stunden-Flugs. In Marburg sollen nach Auskunft von Professorin Rita Engenhart-Cabillic vor allem Bronchialkarzinome, Kopf-Hals-Tumore und Hirntumore behandelt werden.

Müssen Patienten befürchten, an zwei Standorten, nämlich in Marburg und in Heidelberg, behandelt zu werden?

Nein. Patienten sind entweder Patienten des UKGM (in Marburg) oder des Heidelberger Universitätsklinikums. Über die Behandlung im Marburger Ionenstrahl-Therapieztentrum entscheidet das Marburger Tumorboard. Ergebnisse von Studien werden zwischen Marburg und Heidelberg ausgetauscht.

Bringt das Ionenstrahl-Therapiezentrum den Durchbruch in der Krebstherapie?

Es werden leider auch weiter Menschen an Krebs sterben. Die Ionenstrahl-Therapie ist eine moderne, schonende Behandlungsform. Sie erfolgt derzeit im Rahmen klinischer Studien. Erst nach dem Abschluss einer ausreichend großen Zahl von Behandlungen werden Wirksamkeit und Verträglichkeit der neuen Therapieform feststehen. Alle bisherigen Ergebnisse deuten aber darauf hin, dass die Ionenstrahltherapie zu einem wichtigen Baustein in der Onkologie werden kann.

Wer zahlt die Behandlung?

Das „Schwesterzentrum“ in Heidelberg hat mit nahezu allen Kassen in Deutschland Verträge abgeschlossen. Die Kassen bezahlen die Behandlung im Rahmen der klinischen Studien.

Wie teuer ist die Behandlung mit der neuen Therapie?

Bis zu etwa 25000 Euro – und damit nicht wesentlich teurer als eine „konventionelle“ Behandlung.

Kann das neue Zentrum überhaupt wirtschaftlich arbeiten?

In Heidelberg decken die Kostenerstattungen der Krankenkassen die Behandlungskosten. Das wird auch in Marburg so sein.

Ist das Ionenstrahl-Therapiezentrum eine Konkurrenz für die Krebsforschung und Krebstherapie in Marburg?

Der ärztliche Direktor des UKGM, Professor Jochen A. Werner, hält die Ionenstrahl-Therapie für eine wichtige Ergänzung, die das Angebot am Standort Marburg „komplettiert“.

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