Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 2 ° Schneeregen

Navigation:
„So einfach geht‘s nicht“

Wohnungsbau „So einfach geht‘s nicht“

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf will groß einsteigen in den gemeinnützigen Wohnungsbau. Mit der heimischen Wohnungswirtschaft hat er sich darüber bislang nicht auseinandergesetzt.

Voriger Artikel
Märchenhaft und mit vielen Farben
Nächster Artikel
Marburg brechen Einnahmen weg

Der Richtsberg Marburg bietet Wohnraum für aktuell etwa 9 000 Menschen. Dort gibt es insgesamt rund 4000 Wohnungen, 8000 will der Landkreis verteilt aufs Kreisgebiet errichten lassen.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Weder bei der GWH Wohnungsgesellschaft in Marburg noch bei der Gewobau oder der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte habe der Landkreis hinsichtlich seines geplanten Großvorhabens bislang vorgesprochen, berichtet Gewobau-Geschäftsführer Bernd Schulte auf Nachfrage der OP.

„Wir hätten das Knowhow für ein neues Wohnungsbauprojekt – aber bislang wurden wir nicht gefragt“, stellt Schulte mit Verwunderung fest. Denn er bezweifelt, dass der Landkreis ein solches Projekt stemmen kann. „So einfach geht‘s nicht. Der Kreis müsste Fachleute einstellen und die Bonität müsste gegeben sein. Wo soll das Geld herkommen? Da spielen die Banken nicht mit, der Landkreis ist ja gerade erst aus dem Schutzschirm heraus“, sagt Schulte und rechnet vor. Zwischen 2500 und 3000 Euro fielen pro Quadratmeter Wohnfläche an, „günstiger geht es kaum, denn es muss nach der Energie-Einsparungs-Verordnung gebaut werden“.

Wenn man von 8000 neuen Wohnungen ausgeht – dieser Bedarf im Kreis ist nach Ausführungen des Ersten Kreisbeigeordneten Marian Zachow (CDU) ermittelt worden – kämen auf die noch zu gründende kreiseigene Wohnungsbaugesellschaft Kosten in Höhe von mindestens 1,2 Milliarden zu. Bei einer durchschnittlichen Bewohnerzahl von 2,67 Personen, die Schulte zugrunde legt, würde Wohnraum für 21.360 Menschen entstehen. Zum Vergleich: Am Richtsberg in Marburg leben rund 9000 Menschen – laut Schulte in insgesamt rund 4000 Wohnungen, wovon der Gewobau 1 000 gehören.

40 neue Wohnungen für 14,5 Millionen Euro

Die Gewobau will in den nächsten Jahren auch selbst Geld in die Hand nehmen, um in Marburg mehr Wohnraum zu schaffen. Eine Prüfung hat laut Schulte ergeben, dass durch die Ausnutzung von Baulücken noch 80 neue Wohnungen in der Kernstadt entstehen könnten. Dem Aufsichtsrat wolle die Geschäftsführung empfehlen, zunächst 40 neue Wohnungen bauen zu lassen, sagt Schulte. Kostenpunkt: 14,5 Millionen Euro. An den Kreis gewandt hält Schulte fest, dass die dortigen Verantwortlichen im Sinne eines Austauschs gern auf die Gewobau zukommen könnten.

Im Hauptausschuss des Kreistags hatte der SPD-Vertreter Norbert Schüren am Montag betont, dass ein vom Kreis betriebener gemeinnütziger Wohnungsbau an Geld nicht werde scheitern müssen. Schon nächstes Jahr wolle der Landkreis das Vorhaben mit Millionensummen anschieben, sagte er in der Sitzung. Nach dem aktuellen Quartalsbericht verfügt der Landkreis über einen Haushaltsüberschuss von mehr als acht Millionen Euro – nach Ausführungen von Kreispolitikern im Hauptausschuss werden bis zum Jahresende durch Nachzahlungen für die Flüchtlingsunterbringung weitere Millionen hinzukommen, so dass die Verwaltung mit Abschluss 2016 womöglich mit einem Plus von rund zehn Millionen kalkulieren könne.

Ob Kreishaushalte mit sattem Überschuss nach klammen Jahren zur Regel werden? Die Kreisspitze selbst scheint davon nicht auszugehen – so lehnt es Landrätin Kirsten Fründt (SPD) beispielsweise strikt ab, zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Kreisumlage zu senken. Und in einer kürzlich an die Mitarbeiter versandten Information zu organisatorischen Veränderungen in der Verwaltung hält sie fest: „Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Haushaltssituation des Landkreises Marburg-Biedenkopf in den nächsten Jahren verschlechtern wird.“

Gemeinnütztige Wohnungen haben Priorität

Wie sich dies mit Schürens Aussage im Hauptausschuss, man werde das Wohnungsbauvorhaben sicher nicht „mit Kleingeld“ anschieben, vereinbaren lässt, wird die weiterführende Diskussion zeigen müssen. Der gemeinnützige Wohnungsbau ist das wohl wichtigste Thema, über das der Kreistag in seiner heutigen Sitzung berät und entscheidet. Aller Voraussicht nach wird die große Koalition das Vorhaben mit ihrer Stimmenmehrheit anschieben. Auch wenn Oppositions-Vertreter wie der FW-Fraktionsvorsitzende Jürgen Reitz davon sprechen, dass „ein neues Millionengrab“ geschaufelt werde.

Die öffentliche Sitzung des Kreistags beginnt heute um 9 Uhr im Tagungsgebäude des Landratsamts. Über den Wohnungsbau wird unter dem 18. und damit nach jetzigem Stand letzten Tagesordnungspunkt beraten.
Ein weiteres brisantes Thema ist die zurückliegende Wahl von Mitgliedern für den Verwaltungsrat der Sparkasse (die OP berichtete). Der Kreistagsvorsitzende Detlef Ruffert will ein korrigiertes Ergebnis feststellen lassen. Außerdem hat der Kreistag über Widersprüche der Abgeordneten Werner Hesse (SPD) und Karl-Hermann Bolldorf (AfD) zur Sparkassen-Wahl zu entscheiden.

von Carina Becker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr