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So bekämpft Schweden das Sexgewerbe

Tagung So bekämpft Schweden das Sexgewerbe

Forderung nach Überarbeitung des Prostituiertenschutz-Gesetzes: Während der internationalen Prostitutions-Tagung in Marburg wurde eine Resolution verabschiedet. „Die organisierte Kriminalität hat mit dem Bau des Erotic Island in die Stadt Einzug gehalten“, sagt Inge Hauschildt-Schön, Sprecherin der Bürgerinitiative gegen Bordelle. Von Großstädten bis in kleine Gemeinden wie in der mittelhessischen Gegend – neben Marburg auch in Pohlheim – hätten sich seit 2002 Sexkaufhäuser und der Bordell-Tourismus ausgebreitet.

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Kritik: „Mit Erotic Island hat organisierte Kriminalität in Marburg Einzug gehalten“.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Nach Ansicht von Hauschildt-Schön (links) und weiteren Marburger Frauenrechtlerinnen muss die Ausbreitung des Sexgewerbes bekämpft werden – mit Hilfe einer Gesetzesänderung, die vor allem Freier bestraft. So, wie in Schweden. Seit 2009 bestehen dort „Prostitution Units“, Polizeieinheiten, die für eine Durchsetzung und Kontrolle des dortigen Prostitutionsverbotes zuständig sind. „Mein Job ist es so viele Sexkäufer wie möglich zu verhaften“, sagte Simon Häggström, Polizist und Referent bei der Tagung am Wochenende.

Die Ermittler finden Treffpunkte, Adressen und Wohnungen vermeintlicher Sexverkäufe heraus, lauern den Freiern vor Ort auf. Dies erweise sich teilweise als „denkbar einfach“, per Kontaktaufnahme über im Internet verbreitete Escort-Seiten erhalten die Polizisten innerhalb weniger Minuten die Adresse des Sexangebotes. Dort warten sie auf den nächsten Sexkäufer und nehmen ihn fest.

„Den Opfern – den Frauen – passiert dabei nichts“, sagt Häggström. Bei jedem Einsatz sind Sozialarbeiter dabei, die sich nach der polizeilichen Befragung um die Frauen kümmern, mit ihnen sprechen und versuchen Wege aus der Prostitution aufzuzeigen. Grundsätzlich gebe es für sie die Möglichkeit, negativ auffallende Freier zu melden. Das System, dem organisierten Menschenhandel Boden zu entziehen, gehe jedenfalls auf.

Die Positionen in Schweden und Deutschland gehen in Bezug auf Prostitution stark auseinander. Während in Schweden seit dem Jahr 1999 Sexkauf strikt verboten ist und Freier kriminalisiert werden, ist in Deutschland die Ausübung der Prostitution seit 2002 legal.

„Es ist ein einfaches Gesetz“

Überführte Freier können in Schweden dagegen zu einer Geld- oder Gefängnisstrafe verurteilt werden. Die Strafe für Ersttäter beläuft sich in der Regel, je nach Einkommen, auf 250 Euro, schildert Häggström (rechts). Das Besondere des schwedischen Modells: Es werden nur Sexkäufer und Drahtzieher (Zuhälter, Menschenhändler) bestraft, nicht die Prostituierten selber.

„Es ist ein einfaches Gesetz. Es ist illegal Sex zu kaufen, nicht zu verkaufen“, sagt Häggström. Strafbar ist ebenfalls der Versuch sowie die Unterstützung der Sexarbeit beziehungsweise einen Nutzen daraus zu ziehen, etwa als Vermieter von Wohnungen, die zur Prostitution genutzt werden. Auch eine Sexarbeiterin während der Tat zu beschützen ist verboten. Zuhälter werden besonders hart bestraft und erhalten in der Regel direkt Freiheitsstrafen, so der Referent.

Anfang 2015 legte das deutsche Bundesfrauenministerium einen Gesetzesentwurf zum Schutz der Prostituierten vor, der sich neben strengeren Auflagen wie einer Erlaubnispflicht, Zuverlässigkeitsprüfungen und Standards für Prostitutionsstätten mit medizinischen und sozialen Beratungsangebote für die Frauen befasst. Das sei „viel zu wenig und der falsche Weg“, meinen Kritiker wie die „BI gegen Bordelle“. „In Schweden herrscht eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Zuhälterei, in Deutschland ist das nicht der Fall“, sagt Häggström. „Trotz allem Frust gibt es Hoffnung, weil öffentliche Anklage hilft“, sagt Hauschildt-Schön.

von Björn Wisker und Ina Tannert

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