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Sinti-Vorsitzender: In Ungarn herrscht Verfolgung

Gedenktag Sinti-Vorsitzender: In Ungarn herrscht Verfolgung

Am Sonntag jährte sich zum 71. Mal die Deportation der Sinti aus Marburg und dem Landkreis in das Vernichtungslager Auschwitz. Nur wenige von ihnen überlebten.

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Romano Strauß (von rechts), vom Landesverband der Sinti und Roma, Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer und OB Egon Vaupel gedachten der aus Marburg deportierten Sinti.Foto: Ntemiris

Marburg. Der Besuch der Gedenkstätte in Auschwitz kam und kommt für Romano Strauß niemals in Betracht. Der 64-Jährige, der nicht müde wird, in Gedenkveranstaltungen und an Gedenkstätten regelmäßig an die Opfer des Holocaust zu erinnern, hat schon viele Gedenkstätten, zum Beispiel die israelische in Yad Vashem, besucht. Aber über Auschwitz kann er nur reden, sagte er im Gespräch mit der OP. Er spricht es nicht aus: Zu tief wäre der Schmerz. Er erklärt: Seine Mutter und viele seiner Familienmitglieder wurden im Konzentrationslager Auschwitz gefoltert. Seine Mutter, sie musste ihren Körper für die unmenschlichen Versuche des Nazi-Arztes Dr. Josef Mengele hergeben, überlebte Auschwitz.

Doch starb sie wenig später mit 44 Jahren in Marburg an den Folgen, berichtet ihr Sohn. Damals war Strauß 12 Jahre alt. Nicht für die Betroffenen und die Angehörigen der Opfer, sondern für die nachfolgenden Generationen sollte die Erinnerung an die Greueltaten von damals wach gehalten werden, sagt Romano Strauß, der heute Vorsitzender des hessischen Landesverbands der Sinti und Roma in Deutschland ist.

Das sieht auch Adam Wagner (54) so, dessen Familie aus Marburg während der NS-Zeit nach Auschwitz deportiert worden war. Wagner lebt in Bayern und kam am Sonntag eigens nach Marburg, um mit Strauß und Vertretern der Stadt Marburg und des Landkreises, darunter Landrätin Kerstin Fründt, an die am 23. März 1943 nach Auschwitz deportierten Marburger Sinti zu erinnern.

Insgesamt fielen dem NS-Regime 500000 Roma und Sinti zum Opfer. Verfolgung gibt es in Deutschland heute nicht mehr, so Strauß. „Aber wir brauchen nur nach Ungarn zu schauen, wo Menschen aufgrund ihrer Herkunft auf offener Straße zusammengeschlagen werden. Und das im 21. Jahrhundert in Europa. Auch in Rumänien ist die Situation schlecht“, so Strauß im OP-Gespräch.

An der Gedenktafel am Bauamt in der Barfüßer Straße, dem früheren Landratsamt, wurde ein Kranz angebracht. Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) erklärte, dass die deutschen Sinti seit mehr als 600 Jahren im deutschen Sprachraum leben. Die gemeinsame Geschichte ist aber vor allem durch Intoleranz und Unterdrückung geprägt.

Viele Sinti verloren durch Verfolgung ihr Leben. Vaupel betonte, dass die Stadt Marburg Intoleranz und Verfolgung nicht hinnehme. „Marburg ist eine Stadt der Toleranz und des Dialogs über ethnische kulturelle und religiöse Grenzen hinweg. Unsere Toleranz in einer offenen Gesellschaft endet aber genau dort, wo Intoleranz, Rassismus und Ausgrenzung propagiert werden. Denn wohin diese führen, zeigt aktuell die juristische Aufarbeitung der Taten des NSU“, so Vaupel. Der National-Sozialistische Untergrund (NSU) habe viel Leid gebracht. „Insofern ist die Mahnung, die aus unserem heutigen Gedenken entsteht, auch Jahrzehnte nach der Vernichtung der Marburger Sinti durch die Nationalsozialisten noch aktuell“.

Vaupel verteidigt Ausstellung im Rathaus

Und daher sei es auch richtig, so Vaupel, die Ausstellung der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes-Bund der Antifaschisten zum Thema Rechtsextremismus und Neofaschismus im Rathaus zu zeigen.

Ein Teil der Ausstellung, die bis zum Samstag in Marburg zu sehen war, beschäftigt sich mit inhaltlichen Parallelen zwischen neofaschistischen, rechtskonservativen und rechtspopulistischen Argumentationsmustern. So wurden etwa Aussagen von Roland Koch oder Guido Westerwelle zitiert. Dies sorgte teils für Empörung (die OP berichtete).

von Anna Ntemiris

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