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Sind sie ein Aufgaben-Aufschieber?

Prokrastination Sind sie ein Aufgaben-Aufschieber?

Es gibt immer etwas Besseres zu tun, als das, was man eigentlich dringend tun müsste. Besonders im Uni-Alltag ist das  Phänomen des Aufschiebens weit verbreitet.

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Quelle: Steffen Schwenk/Light Impression

Raus aus dem Seminarraum, ab in die Freiheit! Die Gedanken an die Uni, an bevorstehende Aufgaben, Klausuren und Hausarbeiten bleiben  zurück. Wenn am kommenden  Freitag die Semesterferien beginnen, werden viele Studenten Marburg den Rücken kehren. Urlaub machen. Rauskommen. Und die Uni? Die bleibt erst mal da wo sie ist – zum Lernen ist in den knapp drei Monaten „Sommerpause“ schließlich noch genug Zeit. Oder? Hilfreich ist in jedem Fall, einen Lernplan aufzustellen, sagt Dr. Stephanie Mehl (Privatfoto). Die Leitende Psychologin am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) kennt die Sorgen der Studenten. In der allgemeinen, psychologischen Beratungsstunde sind alle Fachbereiche vertreten: Juristen neben Kunststudenten, BWLer neben Philosophie-Studenten. Die Probleme sind vielfältig, in der Mehrheit geht es aber um das Aufschieben einer als unangenehm empfundenen Arbeit. Der Fachausdruck dafür lautet Prokrastination.

Bis zu 70 Prozent aller Studenten bezeichnen sich nach einer Erhebung der „American Psychology Association“ als „Aufschieber“ und 50 Prozent der Studenten prokrastinieren regelmäßig und in einer Form, die sie selbst als problematisch einschätzen. Einer weiteren Studie zufolge wird ein Drittel der täglichen Aktivitäten für Prokrastination aufgewendet. Dazu kann Mittagsschlaf, Lesen oder Fernsehen zählen.
 Master-Student Peter Gassner kennt das Aufschieben wichtiger Arbeit: „Für meinen Bachelor habe ich länger gebraucht – neun Semester waren es am Ende“, sagt er. Die Arbeit während des Studiums – in einer Tankstelle und einem Motel –  war für Gassner gelegentlich eine willkommene Ausrede, eben nicht zu lernen. „Das Zeitmanagement ist ein entscheidender Faktor“, sagt Psychologin Stephanie Mehl. Die 36-Jährige hat gleich mehrere Tipps:

  • Aktiv werden, bevor die Grübelphase einsetzt.
  • Einen Plan für die Semesterferien erstellen. Was ist in den kommenden Wochen zu tun?
  • In der Bibliothek lernen. Am besten ohne Internetzugang.
  • Am normalen Acht-Stunden-Arbeitstag orientieren und feste Pausen einhalten.

Ebenso wichtig ist laut Mehl, der Mut zu sagen, wenn es nicht mehr geht. Wenn die Belastung zu hoch, die Psyche zu stark geschädigt wird. Auffällig sei, dass nach Einführung des Bachelor-Systems einige Studenten schon frühzeitiger diese Phase der Erschöpfung erreichten. Förderlich sei jedoch, der schulklassenartige Verbund unter den Studenten. Bei den alten Studiengängen und dem Masterstudiengang trete häufig das Problem zutage, dass viele Studenten nicht weiterkämen, weil ihnen der Kontakt zu den Kommilitonen fehle. Die Folge: die Motivation fehlt, der Gang zur Vorlesung wird immer seltener. Geschichtsstudent Peter Gassner findet es „nicht schlimm“ ein wenig länger studiert zu haben als nötig. Wichtig sei nur, die „Kurve noch zu bekommen.“

Ist es normal, dass ich immer erst anfange zu schreiben, wenn ich abgeben muss?

Stichwort: Prokrastination. Die Diplom-Psychologin Kathrin Krause ist Expertin in Sachen Aufschieben. Nicht weil sie selbst alles aufschiebt, sondern, weil sie über Prokrastination promoviert.
OP: Was genau ist Prokrastination?
Kathrin Krause: Prokrastination kommt vom lateinischen „pro cras“ und bedeutet „für morgen“. Im Englischen wird das Wort „to procrastinate“ häufig verwendet. Es bedeutet, dass Menschen Aufgaben vor sich herschieben und dabei ein schlechtes Gewissen haben. Sie wissen, dass sie etwas machen wollen und fangen dann trotzdem nicht damit an. Oder sie unterbrechen die Aufgabe, bevor sie ihr Ziel erreicht haben.
 

OP : Was sind typische Zeichen von Prokrastination?
Krause: In der Wissenschaft gibt es die Unterscheidung zwischen strategischem Verschieben und Prokrastination. Personen, die prokrastinieren, schieben auf, obwohl sie wissen, dass es negative Konsequenzen für sie haben kann. Sie handeln irrational. Die Strategen schieben dagegen auf, weil sie nach Prioritäten handeln oder weil sie wissen, dass ihnen die Aufgabe später weniger schwerfallen wird. Ein guter Anhaltspunkt ist das Gefühl beim Verschieben. Wenn ich ein schlechtes Gewissen habe, weil ich etwas aufschiebe, dann handelt es sich um Prokrastination.
 

OP:  Ist Prokrastination normal, Neigungssache oder eine Krankheit?
Krause:   Bis zu einem gewissen Grad ist es normal. Einer amerikanischen Studie zufolge geben 70 Prozent der Studierenden an, dass sie prokrastinieren.  Es gibt aber auch schwerere Fälle, die große Probleme haben, beispielsweise einen Abgabetermin einzuhalten, obwohl sie lange vor dem PC sitzen. Hier wird in Trainings und Therapien dabei geholfen, den Rhythmus von Arbeitszeit und Freizeit wiederzufinden. Im akademischen Bereich kommt Prokrastination häufig vor, da Studenten einen großen Handlungsspielraum haben und viel selbst entscheiden können, wann sie lernen. Das andere Extrem ist ein Fließbandarbeiter. Seine Arbeit ist so eng getaktet, dass er kaum aufschieben kann.
 

OP : Gab es Prokrastination auch schon vor dem digitalen Zeitalter?
Krause: Ja. Es gibt sogar ein Zitat von Cicero zu dem Thema. Damals war das Aufschieben allerdings noch positiv konnotiert. Die Römer werteten es als Stärke, dass jemand alle Informationen sammelt bevor er entscheidet, anstatt impulsiv zu handeln.
 

OP: Was hilft gegen Prokrastination?
Krause: An der Uni Münster gibt es eine Prokrastinationsambulanz. Da lernen Betroffene, wie sie sich realistische Ziele setzen und ihren Arbeitsalltag besser strukturieren können. Es hilft, sich konkret zu fragen, was ist heute mein Ziel und was kann ich wie in den nächsten zwei Stunden umsetzen? Dabei hilft die „S.m.a.r.t“-Methode. Smart ist ein Akronym und steht für „Spezifisch, messbar, anspruchsvoll, realistisch und terminiert.“ Ein Beispiel: Statt zu sagen, „ich möchte mehr Sport treiben“, nehme ich mir vor, am Mittwoch um 14 Uhr eine halbe Stunde schwimmen zu gehen. Wer Ziele so setzt, der hat gute Chancen sie zu erreichen. An der Universität Zürich haben wir erforscht, ob es einen Unterschied macht, ob sich jemand auf das Endergebnis oder auf die einzelnen Handlungsmittel, also das „Wie“, konzentriert. Bisherige Ergebnisse zeigen, dass es hilft, sich auf den Prozess, also das „Wie“ zu konzentrieren. So wird die Aufmerksamkeit von möglichen Versagensängsten weg und auf den Weg zum Ziel gerichtet. Wichtig ist auch der Umgang mit „Ablenkern“. Es hilft, sich beim Lernen in eine möglichst ruhige Umgebung zurückzuziehen, die wenig Ablenkung bietet, beispielsweise die Bibliothek. Wenn man beispielsweise weiß, dass man sich nach dem Lernen mit etwas Schönem belohnen wird, ist es leichter, der Versuchung gleich jetzt in der Sonne ein Eis essen zu gehen, zu widerstehen.

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