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„Sie liebten und sie schlugen sich“

Aus dem Amtsgericht „Sie liebten und sie schlugen sich“

Nüchtern harmonisch - im Rausch angriffslustig. So in etwa könnte man die Beziehung eines Paares aus Marburg beschreiben, das nach einem handfesten Streit nicht zum ersten Mal vor Gericht landete.

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Wegen eines gewalttätigen Angriffs auf seine Partnerin stand ein Marburger vor Gericht.

Quelle: Archiv

Marburg. Auf Alkohol folgten Streit, Provokation und Gewalt - nach diesem Schema verliefen gleich mehrere Streitigkeiten zwischen einem Paar aus Marburg. Auch der letzte feucht-fröhliche Abend endete mit ­einer Auseinandersetzung und einer Bewährungsstrafe für den Mann.

Das war passiert: Im November 2015 trank das Paar erst einige Gläser Sekt in der gemeinsamen Wohnung, setzte die Party dann in einer Marburger Kneipe bis zum frühen Morgen fort.

Nach dem Genuss einer erheblichen Menge Alkohols kam es zum Streit, wieder zurück in den eigenen vier Wänden trat der Angeklagte seiner Lebensgefährtin schließlich heftig gegen das Bein, verließ danach wutentbrannt die Wohnung.

Rückblickend konnte sich der Täter nicht mehr genau an die durchzechte Nacht erinnern, „da fehlt schon ab und zu etwas, ich war ziemlich voll“, teilte der Mann vor dem Marburger Strafgericht mit. Den Tritt gegen das Bein der Freundin gestand der Angeklagte ein. Der Grund für seinen Ausbruch: Die Frau hatte ihm Unzucht mit seiner eigenen Schwester vorgeworfen. „Das regte mich auf, da habe ich sie getreten.“

Auch die Lebensgefährtin hatte mit Erinnerungslücken zu kämpfen. Sollte sie diese Behauptung tatsächlich aufgestellt haben, sei sie falsch und reine Provokation gewesen, teilte die Zeugin frustriert vor Gericht mit, die eher Fehler bei sich selbst suchte als bei dem Partner.

Frau bereute ihre Anzeige: selbst Fehler gemacht

Sie bereue ihre Anzeige mittlerweile, habe dem Freund längst verziehen und selbst Fehler gemacht, ihn mit Absicht provoziert. Beide entschuldigten sich beim Partner. „Es tut mir leid, es passiert nie mehr“, wandte sich der 46-Jährige an seine Freundin.

Es war dabei nicht die erste gewalttätige Auseinandersetzung in der Beziehung. Mehrmals stand der Mann bereits wegen Körperverletzung vor Gericht und zur Tatzeit noch unter Bewährung. Er hatte seine Partnerin in den vergangenen Jahren mehrfach angegriffen und geschlagen.

Alle paar Monate, immer nach einer durchzechten Nacht, geriet das Paar aneinander. Stets gingen sie vorher zusammen auf Tour, „wir machen alles gemeinsam“, und stets war dabei zu viel Alkohol im Spiel: Im Rausch würden sie sich anders verhalten, gaben beide an.

Bei ihr gewinne dann die Eifersucht und ein Hang zur Provokation die Oberhand, während er zu gewalttätigen Ausbrüchen neige. Auch zum Zeitpunkt der Auseinandersetzung wiesen beide einen Alkoholpegel von rund zwei Promille auf.

Sich voneinander zu trennen kam dennoch für beide nicht infrage. Denn ohne Alkohol sei das gemeinsame Leben harmonisch, „eigentlich könnte es gar nicht besser laufen, alles ist prima“, betonte der Angeklagte. Dem stimmte die Freundin vollständig zu. Heute laufe die Beziehung besser denn je - der letzte Vorfall habe beiden die Augen geöffnet, seitdem hätten sie keinen Alkohol mehr angerührt.

Der Beschuldigte habe sein „behandlungsbedürftiges Alkoholproblem“ in den Griff bekommen, eine Suchttherapie und einen Sozialkurs absolviert, erklärte Verteidiger Thomas Strecker eine Wendung im Verhalten seines Mandanten. Er verwies auf den Alkohol als Hauptproblem und Auslöser für Provokationen zwischen dem Paar. Beide, Angeklagter und Geschädigte, hätten Fehler eingestanden und würden sich in ihrem Verhalten im Rausch kaum in etwas nachstehen. Die Beziehung beschrieb er daher mithilfe eines bekannten Zitats: „Sie liebten und sie schlugen sich“.

Auf den Vorschlag des Rechtsanwalts nach einer möglichen Einstellung des Verfahrens ließ sich die Staatsanwaltschaft jedoch nicht ein: „Eine Beendigung ohne Urteil kommt nicht in Betracht“, befand Rechtsreferendar Johannes Rein.

Blutkontrollen sollen Abstinenz beweisen

Er sah zwar ebenfalls ein „vorbildliches Verhalten nach der Tat“, die Vorstrafen und eine gebrochene Bewährung wiegten jedoch schwer. Johannes Rein plädierte auf eine dreimonatige Bewährungsstrafe.

Ähnlich wertete auch Richterin Annika Woltmann den Fall, die den Angeklagten wegen Körperverletzung zu einer zweimonatigen Bewährungsstrafe verurteilte. Auf Anraten der Bewährungshilfe hat er zudem als Auflage einige Blutkontrollen hinzunehmen, um seine angebliche Alkoholabstinenz zu beweisen.

Auch wenn die Beteuerungen des Mannes glaubhaft wirkten - „eine Kontrolle des weiteren Verlaufs halte ich für sinnvoller“, so die Richterin.

von Ina Tannert

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