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„Sie lassen uns nicht auf die Beine kommen“

Außenminister Kotzias in Marburg „Sie lassen uns nicht auf die Beine kommen“

Die griechische Regierung wird von den Partnern in der EU bewusst missverstanden, beklagt Kotzias, der die deutsch-griechi­sche Freundschaft persönlich pflegt.

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Griechenland muss atmen, sagt Kotzias (rechts) auf der Pressekonferenz mit dem Abgeordneten Gehrke (Die Linke).

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. „Ich bin nicht Minister geworden wegen des Geldes und auch nicht wegen der Ehre“, sagt Nikos Kotzias. Der griechische Außenminister drückt sich mithilfe des Philosophen Platon aus, um zu erklären: „sondern weil der Staat es nötig hat“.

Seit Januar ist der parteilose ehemalige Uni-Professor und Diplomat in der neuen griechischen Regierung für die Außenpolitik zuständig, muss im Ausland aber immer wieder auf die Innenpolitik und die Wirtschaft seines Landes zu sprechen kommen.

So auch bei seinem Besuch in Marburg. Im OP-Gespräch und auch bei der öffentlichen Veranstaltung der Bundestagsfraktion Die Linke am Sonntag betont Kotzias, dass die noch junge Regierung von der deutschen Öffentlichkeit von Anfang an bewusst missverstanden worden sei.

Ein Beispiel: Wenn „mein Freund Paolo“, der italienische Außenminister Paolo Gentilon, nach Russland reise, heiße es, diese Italiener könnten mit jedem. Wenn der französische Außenminister Laurent Fabius nach Russland reise, dann heiße es: die feinen Franzosen. Sie pflegen die Tradition.

Wenn die Kanzlerin Angela Merkel nach Russland reise, dann sei sie der deutsche Engel. „Und wenn ich das mache, dann bin ich gleich verdächtig“, sagt Kotzias. Warum solle Griechenland anders behandelt werden?, fragt er rhetorisch. Er habe als Außenminister gleiche Rechte wie andere EU-Politiker auch, stellt er in perfektem Deutsch klar.

„Die Oligarchie wurde von der Troika unterstützt“

Seine Frau ist Deutsche, eine Germanistikprofessorin, die wie er in Gießen studierte. Immer wieder spricht der 65-Jährige, der in Marburg, Athen-Piräus, Oxford sowie Harvard lehrte und forschte, von den Stereotypen, die verschwinden müssten.

Und wenn die Institutionen erklären, die Athener Regierung läute keine Reformen ein, dann sei dies nicht wahr. Man müsse kein Linker sein, sondern nur vernünftig denken, um zu erkennen, dass die angeblichen Reformen der Vorgängerregierung bisher nichts gebracht haben. „Außer den Oligarchen, das sind etwa 20 Personen und ihre Familien. Die Oligarchie wurde von der Troika unterstützt.“

„50 Prozent der Reichen wurden seit Beginn der Krise reicher“, sagt Kotzias. Die Regierung unter Alexis Tsipras vom linken Bündnis „Syriza“ allerdings habe ein Sofort-Programm gestartet, um den ärmsten Menschen zu helfen: Arbeitslose dürfen kostenlos Bus fahren, „um Arbeit zu suchen“ – in Griechenland gibt es kein mit Deutschland vergleichbares Arbeitslosen- oder Sozialgeld. Menschen, die ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen können, erhielten wieder Strom und es wurden Essens-Marken verteilt. „Das war keine Austeritäts-Reform“, so Nikos Kotzias zynisch.

„Das ist ein Mythos, dass wir Solidarität bekommen“

Man jage Steuersünder, erst vergangenen Donnerstag haben Fahnder einen Reeder geschnappt, der 15 Millionen Euro an Steuern nachzahlen müsse. Das seien Erfolge, die in der deutschen Öffentlichkeit zu kurz kämen. Auch spreche kaum einer davon, dass 96 Prozent des Geldes, das Griechenland erhalten habe, an die Kreditgeber zurückgegangen sei.

„Das ist ein Mythos, dass wir Solidarität bekommen.“ Solidarität bedeute Respekt und einen fairen Umgang. Psychologie spiele in der Ökonomie eine wichtige Rolle, daher sei es nicht gut, wenn die Schritte der Athener Regierung schlecht geredet werden. „Sie lassen uns nicht auf die Beine kommen. Das ist eine bestimmte Strategie“, sagt er, vermeidet aber, konkret zu be­nennen, wer die anderen sind.  Vielmehr erklärt er: „Diese Regierung kämpft“. Sorge bereite ihm die Apathie im griechischen Volk. Dies müsse aus der passiven Haltung herauskommen.

Am Freitag steht für Griechenland die nächste Hürde an, das Land muss die geforderten 300 Millionen Euro an den Inter­nationalen Währungsfonds zahlen. „Wir haben bisher alles bezahlt“, sagt Kotzias im OP-
Gespräch und will die konkrete Frage nicht beantworten.

von Anna Ntemiris

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„Griechenland muss atmen“

Schluss mit den Stereotypen, forderte Kotzias. Die Griechen wollen Reformen, aber nicht ihre Arbeitnehmerrechte abschaffen, sagte er in Marburg.

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