Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
"Sie hat geweint und gezittert"

Körperverletzung "Sie hat geweint und gezittert"

In erster Instanz hatte das  Amtsgericht Marburg im Juni 2014 eine Geldstrafe von 6 270 Euro gegen die Angeklagte wegen Körperverletzung in Tateinheit mit Beleidigung und Bedrohung verhängt.

Voriger Artikel
"Es sind viele neue Gesichter dabei"
Nächster Artikel
Marburg bleibt für Gäste attraktiv

Vor dem Landgericht Marburg ist eine 33-jährige Marburgerin gegen ein Urteil in Berufung gegangen, das gegen sie vom Amtsgericht Marburg verhängt worden war.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Verteidiger Sascha Marks hatte wegen der „nebulösen Beweislage“ Berufung gegen das Urteil eingelegt, um doch noch einen Freispruch für seine Mandantin zu erwirken. Was jedoch Richter Dr. Frank Oehm, Präsident des Landgerichts Marburg, urteilte, war alles andere als das, was sich Marks und seine Mandantin, eine 33-jährige Kosmetikerin, von der Berufung erhofft hatten.

Der Angeklagten war zur Last gelegt worden, im April 2013 die 32-jährige Ehefrau ihres Bruders auf einem menschenleeren Parkplatz tätlich angegriffen zu haben. Die 33-Jährige soll ihre Schwägerin getreten, geschlagen und gewürgt haben. Die Geschädigte trug vor allem Verletzungen am Hals, allerdings keine bleibenden körperlichen Schäden, davon. Der Vorfall ereignete sich in der Marburger Innenstadt.

Geschädigte hat Angst vor Familie ihres Ehemannes

Die Angeklagte, im Libanon geboren, war über das Urteil des Amtsgerichts außer sich. „Das ist Rufmord. Ich habe niemanden angefasst. Im Gegenteil, ich wurde von meiner Schwägerin angepöbelt“, erklärte die Angeklagte erregt. Laut der Geschädigten, die als Nebenklägerin in dem Prozess auftrat, sei der Hintergrund der Attacke rassistischer Natur: „Die Familie meines Mannes, vor allem die Angeklagte, hassen mich, weil ich Kurdin bin. Sie waren gegen unsere Heirat und haben seit der Eheschließung den Kontakt zu meinem Mann abgebrochen. Das Verhältnis zwischen Kurden und Arabern ist schwierig.“

Während sie dem Gericht den Tathergang schilderte, kämpfte die zweifache Mutter mit den Tränen. „Ich habe Angst vor der Familie meines Ehemannes, und wir überlegen wegzuziehen“, sagte die Geschädigte. „Meine Mandantin und ihre Familie sollen in Ruhe und Frieden in Marburg leben können“, forderte Rechtsanwalt Thomas Strecker.

Richter Dr. Frank Oehm zeigte sich von dem rassistischen Hintergrund der Tat überzeugt und wandte sich an die Angeklagte: „Es kann nicht sein, dass Sie Ihre veralteten Traditionen in Deutschland ausleben. Hier soll sich jeder Mensch frei bewegen können.“

„Sie war total neben der Spur, hat geweint und gezittert“, meinte ein 34-jähriger Zeuge, der die Hilferufe der Geschädigten gehört hatte. Er habe Hilferufe von der Straße gehört und dann das Ende der Auseinandersetzung beobachtet.

Von der körperlichen Auseinandersetzung habe er jedoch nichts gesehen. Als er aus dem Fenster gespäht habe, sei die Angeklagte mit erhobener Faust auf die Nebenklägerin zugelaufen.

Zwei weitere Zeugen konnten den aufgewühlten Zustand der Geschädigten kurz nach dem Vorfall bezeugen. Alle Zeugen hatten eins gemein: Sie konnten sich nur noch schlecht an den Vorfall erinnern, und keiner hatte beobachtet, wie die Angeklagte ihre Schwägerin angegriffen hatte.

Verurteilung kommt Angeklagte teuer zu stehen

Verteidiger Sascha Marks forderte in seinem Plädoyer einen Freispruch für seine Mandantin. „Wenn wir uns die ganze Sache mit kühlem Kopf betrachten, wird deutlich, dass es keinen einzigen Beweis dafür gibt, dass meine Mandantin die Nebenklägerin tätlich angegangen oder beleidigt hat. Hier steht Aussage gegen Aussage“, erklärte der Rechtsanwalt.

Das Gericht konnte Marks mit seinen Ausführungen nicht überzeugen. Oehm hielt die Aussage der Nebenklägerin sowie der Zeugen für „absolut glaubwürdig“ und ausreichend für eine Verurteilung. Neben der Freiheitsstrafe auf Bewährung belastet der Schuldspruch die Brieftasche der Angeklagten. Das Gericht verhängte eine Geldstrafe von 3 000 Euro.

Die Verurteilung ist der erste Eintrag im Zentralregister der Angeklagten. Bisher sei sie „ein unbeschriebenes Blatt“ gewesen, wie Oehm sagte. Dies sei auch der Grund, warum eine Strafaussetzung zur Bewährung gerade noch vertretbar sei.

von Benjamin Kaiser

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr