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Sie haben einen Vogel - im Blick

Uhu Sie haben einen Vogel - im Blick

Die Nackenstarre ist vorprogrammiert. Sie ist der Preis, den derzeit zahlreiche Vogelfreunde zahlen, um eine kleine Sensation auf den Dächern der Elisabethkirche zu beobachten: zwei junge Uhus auf dem Weg ins Leben.

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Quelle: Nadine Weigel

Auf dem Marktplatz stehen die Touristen. Kamera gezückt. Kopf in den Nacken gelegt. Die Rathausuhr fest  im Blick. Sie warten auf den Hahn. Und der kräht verlässlich. Ähnliche Szenen an der Elisabethkirche. Hier hat sich eine Menschentraube gesammelt. Auch hier wird nach oben gestarrt. Warten – mit gezückter Kamera. Auf was denn eigentlich? „Auf die Uhus“, sagt einer, ohne den Blick von einem der Kirchentürme zu wenden. Der Rathaus-Hahn kräht verlässlich, die Uhus nicht. Sie krähen ohnehin nicht. Sitzen da und rühren sich nicht. Der Sandstein der Elisabethkirche und das Gefieder der jungen Uhus lassen sich farblich kaum unterscheiden. Nur wer bewusst Ausschau nach den Tieren hält – genau weiß, wo sie sich aufhalten – hat überhaupt eine Chance sie zu finden.
Die nach oben blickende Menge, die suchend ausgestreckten Zeigefinger, die aufgeregten Ausrufe – sie machen vorbeikommende Passanten neugierig. Und wieder die Frage: Nach was halten Sie Ausschau? „Nach Uhus“, erklärt Axel Wellinghoff zum vierten Mal an diesem Abend. Fast ist er ein bisschen enttäuscht, dass das eben noch so neugierige Paar nun gleichgültig mit den Schultern zuckt und davon schlurft. Wellinghoff hätte sie gern mit ­seiner Uhu-Faszination angesteckt. Ihnen erzählt, welche Seltenheit es ist, Uhus in einer dicht besiedelten Stadt brüten und aufwachsen zu sehen. Die Aufzucht beobachten zu können, Zeuge der ersten Flugversuche zu werden – eine absolute ­Ausnahme.

Um 4.30 Uhr auf ein Lebenszeichen hoffen

Normalerweise bevorzugen Uhus ruhigere Lebensräume. Steinbrüche etwa. Weit, weit, weg vom Lärm der Stadt. Aber der Lebensraum der Vögel wird rar. Den Uhu zieht es in die Stadt. Der Lärm scheint ihn nicht zu stören. Während unten die Fotografen Stellung beziehen, trägt der Wind die Lieder des Ketzerbachfestes in Richtung E-Kirche. „Skandal im Sperrgebiet“, trällert die Sängerin, „Klick,Klick“ machen die Kameras, „Da sitzt er“, rufen die Passanten. Der ältere der beiden Jungvögel hat sich aus seinem Versteck getraut. Quittiert die Aufregung am Boden mit einem Ausbreiten seiner Flügel. Dann sitzt er wieder regungslos da. Mit großen Augen und wehendem Gefieder. Ulla Eichhorn-Stullich atmet hörbar aus. Erleichtert. Wie immer, wenn sie das Jungtier erblickt. Jeden Morgen um halb fünf fährt sie zur E-Kirche. Sorge und Faszination treiben sie aus dem Bett.

„Ich will gucken, ob sie die Nacht überstanden haben“, gesteht sie.
 Fritz Moysich kann das verstehen. Er ist extra aus Hagen angereist, um die Uhus zu beobachten und zu fotografieren (Foto im Text: "Axel Wellinghoff, Marburger-Vogelwelt.de). Und um seinen Sohn zu besuchen. Aber das ist an diesem Abend zweitrangig. Vater und Sohn blicken gemeinsam in den Himmel. Warten. Suchen. Drücken auf den Auslöser. Ein Junguhu in städtischer Umgebung. Auch für Vater und Sohn etwas Besonderes. „So ein Uhu macht was mit den Leuten“, ist sich auch Axel Wellinghoff sicher. Wie zum Beweis lässt er Passanten durch sein Fernglas gucken. Sie stehen und staunen. Geben „Ahs“ und „Ohs“ von sich. Lächeln verzückt. „Fluffig“ sagt eine Frau fasziniert und lässt sich nur widerwillig von einem kleinen Jungen ablösen.

Uhu statt Wanderfalke

Pablo Stelbrink beobachtet die Situation. Auch er grinst. Der 24-Jährige Biologiestudent war es, der gemeinsam mit einer Kommilitonin die Brutkästen an der E-Kirche anbrachte. Der ursprüngliche Plan: Wanderfalken ein Nistangebot machen. Die Falken blieben aus – die Uhus zogen ein. „So ein Uhu ist publikumswirksamer“, freut sich Stelbrink. Er hat sich mit den ungeplanten neuen Bewohnern arrangiert. „Die Jungvögel wollen nicht rumsitzen und warten. Die wollen ihre Beine trainieren. Ihre Flügel trainieren.“ Und sie wollen fressen. Immerzu. Uhuweibchen und Uhumännchen schleppen vom Einbruch der Dämmerung bis in die Morgenstunden Nahrung herbei. Ratten. Mäuse. Tauben. Alles, was sie jagen können. Ein kräftezehrender Job.  „Man kann richtig beobachten, wie sie die Beute auseinandernehmen“, erzählt Ulla Eichhorn-Stullich. Bald wird die 67-Jährige in Urlaub fahren. So recht freuen kann sie sich noch nicht. „Dann seh ich die zwei ja nicht mehr“, bedauert sie. Ihre ersten Flugstunden werden sie wohl ohne ihren morgendlichen Fan absolvieren. Unbeobachtet werden sie trotzdem nicht bleiben. Die E-Kirche ist einmal mehr zur Pilgerstädte geworden. Diesmal für Ornithologen und Naturfreunde, Foto-Fans und Eulen-Liebhaber. „Ein Uhu in der Stadt – das hat die gleiche Faszination wie wenn Deutschland im WM-Finale spielt“, sagt Wellinghoff mit ernster Mine. Und dann blickt er wieder nach oben. Angestrengt und irgendwie auch stolz. „Die beiden haben es gepackt. Die sind über den Berg.“

  • Die beste Zeit, um die Tiere zu beobachten ist zwischen 20.30 Uhr und 23 Uhr. Es lohnt sich,  Geduld und ein Fernglas mitzubringen.
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Gerettet

Das einer der beiden Uhu-Kinder die auf der E-Kirche wohnen ist am Dienstagmorgen heruntergefallen. Die schlimmsten Befürchtungen haben sich zum Glück nicht bestätigt:

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