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Sicherungsverwahrung für Schizophrenen

Aus dem Landgericht Sicherungsverwahrung für Schizophrenen

Der unter Größenwahn leidende Mann hat sich nach Ansicht des Landgerichts der Körperverletzung in sechs Fällen schuldig gemacht - wegen ­seiner Krankheit ist er ­vermindert schuldfähig gewesen.

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Die Verhandlung fand vor dem Landgericht Marburg statt.

Quelle: Thorsten Richter (Archiv)

Marburg. „Herr Herzog, könnten wir das heute über die Bühne bringen?“, fragte der Angeklagte den Vorsitzenden Richter Dr. Marco Herzog. Nach acht Stunden stand sodann fest: Der Angeklagte ist schuldig in sechs Körperverletzungsdelikten. Ihm wurde vorgeworfen, insgesamt sieben Menschen angegriffen und verletzt zu haben. Als die Taten vorgetragen wurden, reagierte der Mann schockiert, entschuldigte sich mehrfach und schwor „bei Gott“, er habe „das nicht gewollt“. Der Mann redete viel Unverständliches, oft ungefragt, bezeichnete sich auch als „Jesus“, und versicherte dabei immer, dass er nie jemanden verletzen wollte.

Am 19. Oktober 2015 soll er einen Mann in einem Obdachlosenheim mit einer Gabel in die Lippe gestochen haben, doch wegen unzulänglicher Beweise konnte dem Angeklagten die Tat nicht nachgewiesen werden. Nichtsdestotrotz räumte der Mann den Angriff ein, jedoch habe er nur mit seiner Faust zugeschlagen. Das Opfer erlitt eine schwere Verletzung, klagte über eine „in drei Teile gerissene Lippe“, die mit 20 Stichen genäht worden sei. „In den ersten zwei Tagen danach habe ich nicht schlafen können, die Lippe schwoll immer weiter an, drei Wochen lang war es die Hölle!“ Eine Narbe blieb.

Studentin wechselte aus Angst den Wohnort

Bei einem weiteren Vorfall am 5. Dezember vergangenen Jahres an der Bushaltestelle Schubertstraße warf der 32-jährige angeklagte Marburger mit Keksen nach einer jungen Frau, die dies nach eigener Aussage mit den Worten „Warum machen Sie das? Das tut weh“ missbilligte. Daraufhin zog der Mann sie an den Haaren, schlug die Studentin und riss sie zu Boden, wo er sich auf die Frau setzte und sie mit seinen Beinen umklammerte. Der Täter steckte der nach Hilfe schreienden Zeugin seine Finger in den Mund, zog und riss bis die Finger bluteten. „Dabei lachte der Mann die ganze Zeit nur“, sagte das Opfer. Die 21-jährige Studentin habe nach dem Vorfall aus Angst vor dem Angeklagten sogar ihren Wohnort gewechselt.

Laut dem Gutachten der Ärztin Dr. Petra Bauer hatte der Mann vor und während aller Taten Halluzinationen, konnte die Situationen nicht realistisch einschätzen. So schlug er am 28. November 2015 einer Spanierin am Bahnhofsvorplatz wuchtig auf den Rücken, weil er dachte, sie „hätte keine Luft mehr bekommen“. Er habe ja nur helfen wollen.

Als der Freund des Opfers seine Freundin verteidigen wollte, schlug der Angeklagte den Spanier mit seiner Faust. Als ein Autofahrer helfen wollte, spuckte der Mann auf die Windschutzscheibe und leckte sie daraufhin ab. Sofort danach habe er getan, als ob nichts gewesen sei, berichteten die Zeugen.

„Das hat mit seiner Erkrankung zu tun, er nimmt die Welt anders wahr als gesunde Menschen“, gab die Gutachterin zu bedenken. Meistens griff er blonde Frauen an, da er sie sexuell attraktiv finde, so Bauer. „Er denkt in seiner wahnhaften Verkennung, dass die Frauen das wollten, dass es ihnen gefallen hätte.“

Bereits früher habe der Mann täglich Frauen an der Universität sexuell belästigt, ihnen zudem den Gebrauch von Schreckschusswaffen angedroht. „Der Mann hat das Gefühl, nur er habe keinen Sex. Er ist distanz­gemindert, hat Denkstörungen und latente Aggressionen, die durch bestimmte Geschehnisse getriggert werden“, erklärte Bauer.

Es bestehe die Gefahr weiterer Straftaten gleicher Art, sogar Sexualdelikte wären durch seine sexualisierten Halluzinationen nicht abwegig. „Die Hemmschwelle ist bei dem Patienten sehr niedrig, seine Polytoxikomanie (Konsum vieler Drogen, Anm. d. Red.) sei ein Risikofaktor, auch wenn sein Zustand zurzeit besser als zum Zeitpunkt der Taten ist.“

Daher werde der Mann bereits seit langem medikamentös behandelt und müsse in Sicherungsverwahrung bleiben, zu seinem Schutz und dem der Allgemeinheit. „Compliant“, also kooperationsfähig, sei er nämlich nicht.

Einmal zog der Angeklagte einem weiblichen Fahrgast in einem Bus der Stadtlinie an ihrem Pferdeschwanz. Seine Erklärung: „Ich liebe Frauen. Und die war blond, so was seltenes musste ich haben.“

Ein anderes Mal schlug er die Marktleiterin eines Supermarkts am Erlenring derart, dass sie mit Verletzungen in die Obstauslade gefallen sei. „Ich habe ihn nur darauf aufmerksam gemacht, dass er den Laden nicht mehr betreten soll, weil er Wochen zuvor wegen Ausfälligkeiten Hausverbot bekommen hatte“, sagte die Frau aus.

Als Arzt ausgegeben und Medikamente gestohlen

Am 2. September hat der Angeklagte in der Baldingerstraße am Klinikum eine Milchtüte nach einer Frau geworfen und ihr einen Kopfstoß verpasst. Die 27-jährige Reinigungskraft bezeugte, er habe sie angebrüllt, sei aggressiv gewesen und verletzte sie zusätzlich an der Stirn. Das hat bei ihr zu Angst vor Busfahrten geführt. „Ich kannte den Mann schon, er hatte sich zuvor im Klinikum mal als Arzt ausgegeben und Medikamente geklaut“, sagte die Marburgerin.

Nicht immer sei der Angeklagte krank gewesen, doch laut Dokumenten der Ärzte habe es in der ersten Klasse Verhaltensauffälligkeiten gegeben. „Er hatte einige Beziehungen, viele Wohnortwechsel und schwere Zwangsstörungen wie wahnhaftes Waschen. Zusammen mit dem Drogenkonsum haben die Lebensumstände zu einer unheilbaren und schweren Psychose geführt.“ Für das Gericht war daher keine Bestrafung möglich.

von Yannic Bakhtari

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