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Sicherheit hat ihren Preis

Wohnungseinbrüche Sicherheit hat ihren Preis

Sicher ist, dass nichts sicher ist, lautet ein Sprichwort. Dieses Gefühl treibt vor allem ältere Menschen derzeit um. Für die Sicherheit der eigenen vier Wände lässt sich indes 
etwas tun.

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Für Einbrecher spielt der Faktor Zeit eine entscheidende Rolle.

Quelle: Archivfoto

Marburg. „Sicher gibt es nicht“, sagt Wolfgang Preis von der Sälzer GmbH in Marburg, einem weltweit anerkannten Spezialisten für Sicherheitstechnik. Man spreche deshalb auch von einbruchhemmend, erklärt er, dass es vor allem darum geht, Einbrechern das Leben möglichst schwer zu machen. Und darauf versteht man sich bei Sälzer – auf die Wertarbeit der Marburger vertrauen internationale Konzerne ebenso wie US-Botschaften, Juweliere, Staatsanwälte oder Politiker.

Dass das Bedürfnis nach Sicherheit in den vergangenen Monaten stark zugenommen hat, hänge auch mit den gestiegenen Flüchtlingszahlen zusammen. Vor allem ältere Menschen fürchteten einen Anstieg der Kriminalität, berichtet Preis‘ Kollegin Jutta Winter. Zugleich werden mehr Politiker bedroht, die sich für Flüchtlinge eingesetzt haben.

Die gestiegene Angst hat auch Kriminalhauptkommissar Claus Dieter Jacobi von der Beratungsstelle der Polizei festgestellt, hält sie aber für unbegründet.

Der erste Schritt zu mehr Sicherheit für Haus und Wohnung sei eine fundierte Beratung, erklärt Walther Sälzer, Geschäftsführer des Unternehmens. Und eine neutrale Information und Analyse bietet die Polizei als kostenfreien Service.

Faktor Zeit spielt entscheidende Rolle

Sicherheit wird heute in Widerstandsklassen eingeteilt. Die resistance class 2 (RC2) ist dabei die unterste Stufe, die einen gewissen Schutz gegen Kleinkriminelle biete, erklärt Wolfgang Preis. Einbrecher, die mit Schraubendreher, Zange, Bügelsäge und Keilen ausgerüstet sind, lassen sich damit etwa drei Minuten lang aufhalten.

RC3 macht auch dem Ganoven, der zusätzlich einen Kuhfuß zum Aufhebeln und einen Handbohrer dabei hat, fünf Minuten lang Mühe. RC4 richtet sich bereits gegen professionelle Einbrecher, die mit Hammer, Stemmeisen, Schlagaxt und Akku-Bohrmaschine anrücken und zehn Minuten damit zu tun haben, den Widerstand zu überwinden.

Noch höher sind die Anforderungen in den Klassen RC5 und RC6, die selbst dem Einsatz von leistungsfähigem Elektrowerkzeug 15 oder gar 20 Minuten Widerstand leisten.

Der Faktor Zeit spielt für den Einbrecher eine entscheidende Rolle. Je länger er braucht, um in Haus oder Wohnung zu gelangen, desto höher ist das Risiko einer Entdeckung. Länger als zehn Minuten dauerten die Einbrüche in der Regel nicht, erklärt Berater Jacobi und unterscheidet zwischen den Einbrechern aus der Oberliga und denen aus der Kreisklasse.

Letztere versuchten ein Dutzend Mal ein Fenster aufzubrechen, der Oberligist gebe es nach dem dritten Fehlversuch auf oder erkenne schon vorab, dass eine Tür oder ein Fenster nur schwer zu öffnen sei und lasse dann die Finger davon.

Täter winken in die Kamera

Die abschreckende Wirkung von Kameras und Alarmanlagen werde dagegen leicht überschätzt, warnt Jutta Winter. Die organisierte Kriminalität interessiere das gar nicht. „Die sind nicht einmal maskiert und winken sogar in die Kamera“, sagt sie. Die überwiegend aus Osteuropa operierenden Banden arbeiteten sehr professionell.

Zunächst werde alles ausgespäht, um dann gezielt zuzuschlagen. Nach einer Woche seien alle wieder zu Hause – und damit auch dem Zugriff der Polizei weitgehend entzogen.

Dies komme auch vor, erklärt Martin Ahlich, Sprecher der Marburger Polizei, sei aber nicht die Regel. „Das sind überwiegend Gelegenheitsverbrecher. Die Leichtigkeit, ins Haus zu kommen, ist für die das entscheidende Kriterium“, erklärt sein Kollege Jacobi. Die hätten auch keinen Hehler im Hintergrund, sondern eher einen Dealer.

Diebesgut dient zur Finanzierung der Drogensucht

Der überwiegende Teil der Einbrüche gehöre zur Beschaffungskriminalität. Die Täter hätten es auf Geld und Schmuck abgesehen, um ihre Drogensucht zu finanzieren.

Aber auch Alarmanlagen hätten ihre Berechtigung, erklärt Sälzer. Etwa, wenn die Fenster mit Sensoren ausgestattet seien. „Eine Elektronik hat noch nie jemanden davon abgehalten, irgendwo hineinzukommen“, schränkt er zugleich deren Wirksamkeit ein.

Auch das Bewusstsein, dass es Qualitätsunterschiede gibt, sei noch nicht überall vorhanden, bemerkt Sälzer. Dafür müsse sich der Kunde auch klarmachen, was ihm die Sicherheit wert sei – eine Einschätzung, die sich nicht selten nach dem ersten Einbruch verändere. Ein eindrucksvolles und zugleich schockierendes Beispiel liefert ein Video, das Sälzer zeigt. Gerade mal vier Sekunden benötigt ein Tester, um mit Hammer und Schraubendreher eine mit Panzerglas gesicherte Tür zu öffnen.

Haustür mit RC2-Schutz kostet rund 2 000 Euro

Wichtig sei ein schlüssiges Konzept, so Wolfgang Preis. Und das müsse zu dem Budget passen, das zur Verfügung stehe. Für eine Haustür mit RC2-Schutz müsse man mit rund 2 000 Euro rechnen. Bei den Fenstern rät er zu Aluminium, das zum einen langlebig und zugleich pflegeleicht sei, aber auch das Dreifache wie Kunststoff koste.

Pro Quadratmeter müsse man mit etwa 1 000 Euro kalkulieren. Walther Sälzer rät zudem, sich in jedem Falle die unabhängigen Prüfzeugnisse vorlegen zu lassen. Beim häufig verwendeten Begriff „In Anlehnung“ in Verbindung mit einem RC-Wert sollten aber die Alarmglocken klingeln, warnt er.

Die Polizei rät gleichfalls, nur Produkte von lizensierten Unternehmen zu verwenden. Das VdS-Zeichen biete Gewissheit für gute Qualität. Jacobi erklärt zugleich, dass sich mit vergleichsweise geringen Mitteln Sicherheit nachrüsten lässt. Etwa mit einem Zusatzschloss für die Haustüre, das etwa 150 Euro koste.

Hier wie bei einem Panzerriegel solle aber darauf geachtet werden, dass diese sich auch von außen aufschließen lassen. Die Furcht, die Feuerwehr komme im Brandfall nicht in die Wohnung, sei dagegen unberechtigt. „Die kommt immer rein“, versichert Jacobi.

Bei Fenstern könne ein Fensterstangenschloss dem Einbrecher das Leben schwer machen. Und die vorhandenen Bemühungen zahlen sich aus. Ahlich bestätigt, dass die Zahl der erfolglosen Einbruchsversuche stetig zunimmt.

Panikräume mit Türen in schusshemmender Ausführung

Die Sälzer GmbH hat sich vor allem auf den gehobenen Sicherheitsschutz spezialisiert, so wie er für Botschaften oder besonders gefährdete Personen, bei denen auch Entführungen eine Rolle spielen können, gefragt ist. Deshalb gehören auch automatische abriegelbare Panikräume mit Türen in schusshemmender Ausführung zu den Angeboten des Unternehmens.

Ein gesichertes Schlafzimmer werde aber auch von „einfachen“ Leuten nachgefragt, ergänzt Jacobi. In der Regel aber habe der Einbrecher kein Interesse an einem Kontakt mit Bewohnern. Wer aber zu faul sei, zur Tür zu gehen, wenn es klingele, könne so beim Einbrecher den Eindruck erwecken, dass niemand in der Wohnung sei.

Der beste Einbruchsschutz wirkt freilich nur dann, wenn er auch angewendet wird. Die nicht abgeschlossene Terrassentür oder das gekippte Badfenster machen jede Investition überflüssig. Aber auch dafür gibt es im Hause Sälzer inzwischen Lösungen: Ein spezielles Fenster bietet selbst in gekipptem Zustand einen RC3-Schutz, und selbstverriegelnde Schlösser erlauben auch ein wenig Vergesslichkeit.

Keine Unbekannten ins Haus lassen

Neben dem mechanischen Schutz rät Jacobi zu grundsätzlichen Sicherheitsmaßnahmen. Und da laute ein Grundsatz: Man lässt niemanden ins Haus, den man nicht kennt. Wachsamkeit helfe gleichfalls Verbrechen zu verhindern, wenn Nachbarn entsprechende Beobachtungen sofort der Polizei melden.

Und wer zwei Wochen in Urlaub fahre, solle in der Zeit nicht die Rollos herunterlassen. Es sei nur das Signal, dass niemand zuhause ist. Das sei freilich nicht immer leicht zu vermitteln. Und wenn die Urlauber nicht schlafen könnten, weil die Rollläden zu Hause oben seien, dann sollten sie eben unten bleiben, sagt Jacobi.

Bei 189 Wohnungseinbrüchen, die es 2015 im ganzen Landkreis gegeben habe, sei das Risiko ohnehin recht gering. Und dass die Ferienzeit Einbruchszeit sei, gehöre ins Reich der Märchen. Die wenigsten Einbrüche gebe es im Juli und August.

von Frank Rademacher

HINTERGRUND
Mit einer bundesweiten Aufklärungsquote von 15,7 Prozent gehören Einbrüche zu den Verbrechen mit dem geringsten Strafrisiko für die Täter – im Landkreis lag sie zuletzt bei 18 Prozent. Das Risiko sinkt zudem noch einmal erheblich, wenn man sich die Zahl der Verurteilungen anschaut. Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen kommt zu dem Ergebnis, dass nur 2,6 Prozent aller Einbrüche mit einer Verurteilung enden.
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