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Sexy Körpergefühl ohne Brüste

Mode Sexy Körpergefühl ohne Brüste

Sie sind froh, dass sie ihre Krankheit überlebt haben. Nicht traurig, sondern selbstbewusst wollen brustamputierte Frauen ihr Leben so gut wie möglich weiterführen. Die OP sprach mit Betroffenen auf einer Modenschau.

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Model Dagmar präsentiert Sportmode, Nachtwäsche und Büstenhalter, in die Taschenprothesen eingesetzt werden können.

Quelle: Anna Ntemiris

Marburg. „Sie sehen, mein Busen ist perfekt. Aber ich habe getrickst“, bekennt ein Model auf dem Laufsteg. Die Frau zeigt sich im durchsichtigen BH, die Form der Brustwarzen ist zu erkennen. Das erfahrene Model ist auf keiner gewöhnlichen Modenschau. „Ich bin eine von Ihnen“,  bekennt sie den rund 40 Zuschauerinnen.

Nur ein Mann sitzt im Publikum – als Begleiter seiner Ehefrau. Die meisten sind Krebs-Patientinnen, die eine Brust oder sogar beide Brüste  amputieren lassen mussten. Die wenigsten Betroffenen gehen so offenherzig mit dem Thema um, wie US-Schauspielerin Angelina Jolie, die öffentlich machte, dass sie ihre Brüste operativ entfernen ließ. Im Gegenteil: Die Folgen einer Krebserkrankung behalten viele betroffenen Frauen für sich. An diesem Abend ist dies anders. Auf der Modenschau im Veranstaltungsraum der Firma Kaphingst wird viel gelacht und alles ausgesprochen – hier verstehen sich alle.

Eine Kontaktprothese und ein Nippel-Set machen ihren Busen täuschend echt, verrät Model Dagmar. Die 65-Jährige präsentiert seit vielen Jahren spezielle Wäsche für Brustamputierte. Die Nippel kleben auf der Prothese und diese auf der Haut, erklären Dagmar und Rosita (60), ebenfalls Model und Betroffene. „Kleben“ dürfen nur erkrankte Frauen sagen, wirft Rosita scherzhaft ein. Alle anderen, also auch Jutta Stutz von der Firma Amoena, die Moderatorin der Modenschau, sprechen von „haften“. Auch Bademode wird an diesem Abend gezeigt. Beim Schwimmen sollte man die Nippel vorher ab machen, erklärt Rosita, „Sonst freut sich der Bademeister“. Nicht alles bleibt im Wasser haften, auch wenn sich die künstlichen Körperteile wie echte anfühlen. Die Reinigung der Prothesen, die angeklebt werden, ist das A und O, betont Stutz. Auch hierfür gibt es spezielle Mittel.

„250 Gramm geopfert“

Die Modewelt entdeckt immer mehr brustamputierte Kundinnen und arbeitet an technischen und sexy Details. Gab es früher nur einfache Büstenhalter für Prothesenträgerinnen, so können Frauen heute auch eine große Auswahl an Sportbekleidung, Nachtwäsche und schicken Dessous finden. Das sei unheimlich wichtig für das Selbstbewusstsein, sagen Rosita und Dagmar aus eigener Erfahrung. Wenn sie auf dem Laufsteg strahlen, dann aus Überzeugung. „Ich hatte viel Glück, dafür habe ich gern 250 Gramm geopfert“, sagt sie im Gespräch mit der OP und zeigt ihren nackten Oberkörper – ohne Brustersatz.

Ein Jahr lang habe sie gebraucht, um sich mit dem neuen Körpergefühl abzufinden. Damals war sie 42 Jahre alt, heute ist sie 60 und des Lebens froh. Dagmar ist 65 Jahre alt, auch sie wurde um die 40 krank. Damals wurden Brustkrebspatientinnen schlecht versorgt, sagen beide Frauen. Solche Modenschauen wie in Marburg gibt es bundesweit nur selten. Kaphingst veranstaltet sie in Zusammenarbeit mit der Medizin-Orthopädie-Technik-Firma Amoena, zweimal im Jahr. Die Frauen kommen aus dem ganzen Landkreis nach Wehrda, einige sogar aus den Nachbarkreisen in Nordrhein-Westfalen.

Sie schauen sich die Wäsche an, fühlen sie, probieren sie sogar an und bestellen. Weil die Schau gleichzeitig ein Treffen unter Gleichgesinnten ist, findet im Anschluss ein kleiner Empfang statt. Für die Frauen, viele sind aus ländlichen Gebieten angereist, ist dies wie eine aufregende After-Show-Party. Es gibt Sekt, Häppchen und frau kann sich schminken und frisieren lassen. Auch hier ist nicht alles echt, was sexy und wunderschön aussieht. Frisörmeisterin  Lieselotte Siegel zeigt Perücken und malt Augenbrauen auf.

Hintergrund

Bundesweit erkranken jährlich zirka 75 000 Frauen neu an Brustkrebs. Die Medizin versuche heute, brusterhaltend zu therapieren – nur wenn nötig – Brüste zu amputieren, erklärt Dr. Matthias Kalder, stellvertretender Direktor der Frauenklinik am UKGM in Marburg. Bei einem sogenannten T1-Tumor mit einem Durchmesser von unter zwei Zentimetern sei es seit 2006 gelungen, die Rate der Brustamputationen von 18 auf 14 Prozent in Hessen zu senken. Bei einer Amputation gibt es „verschiedenste Wege, um die Brust zu rekonstruieren“, so Kalder.

„Es gibt kein richtig oder falsch, sondern gut ist, was medizinisch am sinnvollsten und gleichzeitig am angenehmsten für die betroffene Frau ist“, sagt Kalder. So entscheiden sich die einen für den Wiederaufbau der Brust mit internen Silikon-Prothesen oder alternativ mit körpereigenem Gewebe. Diejenigen, die sich (zunächst) für externe Prothesen entscheiden, können wählen zwischen einer Klebe- oder Kontaktprothese aus Silikon, die an der Haut haftet oder einer Taschenprothese, die wie ein Kissen in den BH eingesetzt wird.  Er kenne Patientinnen, die ihre Mühe mit Kontaktprothesen haben, weil sie bei längerem Tragen  Hautreizungen beklagen. Aber da gäbe es individuell unterschiedliche Erfahrungen.

von Anna Ntemiris

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