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Sexting-Täter entgeht Jugendstrafe

Aus dem Gericht Sexting-Täter entgeht Jugendstrafe

Er forderte Mädchen auf, Porno-Bilder von sich zu schießen. Er verlangte von Minderjährigen, sich selbst zu befriedigen, wollte Sex mit Jugendlichen haben, sendete den Opfern Penis-Bilder.

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Tipp, tipp, tipp - schnell ein paar schlüpfrige Zeilen geschickt. Jugendliche kennen oftmals nicht die Grenze, wenn es darum geht, sich via Handy oder Internet auszutauschen.

Quelle: dpa

Marburg. Die Opfer des damals 19-, heute 22-Jährigen waren 12 und 13 Jahre alt. Sie sollten ihm ihre Brüste zeigen, die Beine spreizen, damit er die Vagina sehen könne. Sätze wie „ich bin geil auf dich“, schrieb er ihnen. Zwischen Januar 2012 und 2013 soll er laut Anklage fünf Minderjährige im Internet durch die Sexring-Aufforderung sexuell missbraucht und zudem Kinderpornos gesammelt haben.

„Das alles stimmt, es war eine Dummheit“, sagt der heute 22-jährige Auszubildende. Der junge Mann, der in einem Nachbarort von Wehrda aufgewachsen ist, bereut nach eigenen Angaben die Taten. „Ich weiß nicht, wieso ich das damals gemacht habe. Einen Kick hat es mir nicht gegeben, ich möchte gerne von einem Psychologen wissen, wieso das so war“, sagt er.

Er bestritt jedoch, dass er sich vor allem in den Chaträumen wie etwa schulhof-chat.de herumtrieb, um Nacktbilder von Minderjährigen zu erhaschen. „Deren Alter war mir bewusst. Ich habe aber auch immer mein echtes Alter genannt. Die Unterhaltungen führten dann so zu dem Thema hin“, sagt er. Die Chatprotokolle, die der Staatsanwaltschaft vorliegen, widersprechen dieser Aussage. Gezielt habe er die Gespräche auf Sex-Themen gelenkt, die Mädchen immer wieder aufgefordert, ihm Bilder von deren Intimbereich zu schicken. Eine Zeugin gab bei der Polizei an, der Angeklagte habe immer wieder Druck auf sie ausgeübt, so dass sie ihm Motive schickte. Wieso ihm die Sexting-Masche auch oft nicht gelang? „Ältere sind eben nicht so leicht zu manipulieren, nicht so naiv“, sagt sein Verteidiger Dietmar Ricke.

In einem Chat besorgte sich Täter Kinderpornos

In einem anderen Chat besorgte sich der Auszubildende Kinderpornos. Sieben Fotos von kleinen Kindern, an denen sich offenbar Erwachsene vergehen. Vier Stunden dauerte etwa das digitale Gespräch mit dem Fremden, der ihm die Pornos schickte. „Von der ersten bis zur letzen Sekunde ist die Konversation hoch-sexualisiert. Das ist ein ätzender Inhalt, es geht etwa um Entjungferung von Kindern“, sagt Staatsanwalt Oliver Rust. Allerdings: Der 22-Jährige speicherte diese Dateien nicht, die Ermittler konnten nur nachweisen, dass die Bilder im Zwischenspeicher des Computers lagen - also nicht von dem Angeklagten aktiv auf der Festplatte gesichert, geschweige denn weiter verbreitet wurden. Das deute lediglich auf ein einmaliges - aber trotzdem strafbares - Ansehen hin.

Die Jugendgerichtshilfe zeichnete das Bild eines jungen Mannes, der in bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, als 17-Jähriger im Internet einmal einen Suizid ankündigte und zwei Monate in der Psychiatrie verbrachte. Davor, danach: keine besonderen Auffälligkeiten, jedoch reuig in Bezug auf die Sexting-Fälle.

Angeklagter voll geständig

Der Vorsitzende Richter Thomas Rohner fällte das Urteil: Anstatt, wie von der Anklage gefordert sieben Monate Jugendstrafe (zur Bewährung) sowie 120 Arbeitsstunden, muss der 22-Jähre nur die Sozialarbeitsstunden leisten. „Ihr Ziel war es, an intime Bilder zu gelangen“, begründete Rohner das Urteil. Dass der Täter an einer Jugendstrafe vorbeischramme, hänge mit dessen umfassendem Geständnis, den Therapiebemühungen, der positiven Sozialprognose und der Tatsache, dass er nicht vorbestraft sei, zusammen.

  • Hintergrund: Die Sexting-Vorfälle in Marburg häufen sich. Zuletzt ist nach OP-Recherchen ein Fall an der Elisabethschule öffentlich geworden. Die Schulen reagieren mit Präventionsprojekten, Justizexperten gehen jedoch davon aus, dass die meisten Fälle unentdeckt bleiben, weil sich die Jugendlichen nicht an Eltern, Lehrer oder Behörden wenden.
  • Die Opfer in diesem Fall stammen aus verschiedenen Städten in Deutschland. Dass die Sexting- und Grooming-Attacken entdeckt wurden, dass es zu einer Anzeige kam, war Zufall - der Vater eines Mädchens fand die Bilder auf dem Handy seiner Tochter und alarmierte die Polizei. Die Ermittler verfolgten die Spur bis in das Marburger Umland.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

von Björn Wisker

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