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Sex-Arzt muss um Zulassung bangen

OP-Analyse Sex-Arzt muss um Zulassung bangen

Freispruch oder Freiheitsstrafe: Am Mittwoch schließt die Beweisaufnahme im aufsehenerregenden Prozess gegen einen Arzt, der einen damals 21-Jährigen sexuell missbraucht haben soll. Die OP fasst Zeugenaussagen und Entwicklungen zusammen.

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Richter Tobias Friedhoff wird wohl bald das Urteil im Missbrauchs-Prozess fällen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Der Mediziner soll den mittlerweile verstorbenen Drogenabhängigen in einem Apartment im Südviertel mehrfach zum Sex gezwungen haben. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe, der Geschlechtsverkehr habe freiwillig stattgefunden. Auch habe er dem jungen Mann keine Drogen beschafft und im Gegenzug Sex von ihm verlangt, so wie die Aussagen des Opfers bei der Polizei lauten.

Bei der Zeugenvernehmung - fünf weitere Zeugen sind heute ab 8.30 Uhr geladen - steht für Richter Tobias Friedhoff vor allem die Frage nach dem Bestehen eines Arzt-Patienten-verhältnisses zum Tatzeitpunkt (zwischen Mai und September 2010) im Vordergrund. Die Staatsanwaltschaft geht in der Anklageschrift von einem Verstoß gegen Paragraf 174c Strafgesetzbuch aus.

Die Verteidigung, Ex-Oberstaatsanwalt Hans-Joachim Wölk, zweifelt hingegen grundsätzlich an Rechtmäßigkeit und Wert der Anzeige beziehungsweise der Aussage des Opfers. Die Verteidigung beschuldigte zuletzt die Polizei und behandelte Drogenärzte, noch vor der Anzeige und Aussage Druck auf das Opfer ausgeübt zu haben. Ohne Anzeige gebe es für ihn keinen Therapieplatz zum Drogenentzug, habe man dem Mann vermittelt, sagt Wölk. Die Polizei habe zudem in den vergangenen Wochen Zeugen beeinflusst, ihnen vom möglichen, für den Arzt negativen Verhandlungsausgang erzählt und so zur Aussage gegen den Angeklagten gedrängt.

Während der vorangegangen Prozess-Tage sagten rund 20 Zeugen - darunter die Familie des Opfers, Ärzte sowie Angestellte des Angeklagten - aus. Die Entlastungszeugen sprechen etwa davon, dass das Opfer den Arzt mehrfach mit Anzeigen erpresst habe, um Medikamente - also Drogen - von ihm zu bekommen. Ein Arzt-Patientenverhältnis, so sagte ein Praxismitarbeiter aus, zwischen dem mutmaßlichen Täter und dem Drogenabhängigen habe zur Tatzeit nicht bestanden.

Entscheidend: Behandelte der Arzt das Opfer im Mai 2010?

Eine in der Patientenakte eingetragene Behandlung im Frühjahr 2010, die auf das Bestehen eines Behandlungsverhältnisses, deuten würde, stamme von ihm. Er, der damals kein Medizinstudent war - habe die Untersuchung, eine Blutabnahme, durchgeführt, im Computer registriert und zur Untersuchung an ein Speziallabor in Gießen geschickt - ein Hergang, der heute beim Prozess mit Unterlagen des Labors überprüft werden soll. Gegen diesen Zeugen, der mit dem Angeklagten auch eine Affäre gehabt haben soll, wird die Staatsanwaltschaft nach OP-Informationen jedoch ein Verfahren wegen Mein-Eid einleiten. Grund: Mehrere Arzthelferinnen aus der Praxis sagten in der Folge aus, dass der Mann zu dem Zeitpunkt der Untersuchung nicht die nötigen medizinischen Kenntnisse gehabt habe und sie ihn damals nur als Mitarbeiter im an die Praxis angegliederten Diabetes-Shop gekannt hätten. Untersuchungen, Laborauf-träge, Einträge in Patientenakten - das habe er, entgegen seinen Aussagen vor Gericht, nicht gemacht. Es sei zudem nicht erlaubt und könne Körperverletzung sein, wenn ein nicht dafür ausgebildeter Mitarbeiter, einem Patienten Blut abnehme, schilderte ein Kollege des angeklagten Arztes, der bis Ende 2009 mit diesem in einer Gemeisnschaftspraxis arbeitete.

Verwirrung gibt es auch um den Inhalt der Patientenakten in der Praxis. Der Beschuldigte ist mit Manipulationsvorwürfen konfrontiert, etwa durch eines von drei anonymen Schreiben, das bei der Polizei kurz nach Prozessauftakt einging. Eine Angestellte der Praxis ist wohl die Autorin - bei der Zeugenaussage vor Gericht schwieg sie aber, aus Angst um ihren Job, wie sie sagt. Ohne die Aussage vor Gericht dürfen ihre Vorwürfe nicht in die Meinungsbildung des Richters einfließen.

Irritation herrscht auch über eine Personalversammlung am Tag vor dem vergangenen Verhandlungstag, in dem der Arzt alle Mitarbeiter über deren Schweigepflicht und die gebotene Loyalität zu ihm als Arbeitgeber belehrte. Bei Aussagen gegen ihn, so soll er laut Mitarbeitern gesagt haben, sei „das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gestört sei“.

Die Familie des Opfers erhebt mittlerweile Mord-Vorwürfe gegen den Mediziner, will Anzeige erstatten. Angeblich soll bei der Obduktion des Drogensüchtigen keine eindeutige Todesursache festgestellt worden sein. Für sie ein Indiz, dass der Arzt dem Sohn nicht nachweisbare Medikamente in einer tödlichen Dosis gegeben haben könnte. Denn, wie Handy-Verbindungsdaten, die von der Polizei ausgewertet wurden, belegen, gab es am Tag vor dem Tod noch Kontakt, eventuell ein Treffen zwischen Arzt und Opfer. Die Verteidigung weist die emotional vorgebrachten Mordvorwürfe zurück, bei der Obduktion sei etwa eine Lungenentzündung festgestellt worden.

Approbations-Behörde könnte Zulassung widerrufen

Kern des Verfahrens, der angeklagte Tat-Vorwurf ist der sexuelle Missbrauch. Die mutmaßliche systematische Versorgung des Süchtigen mit Drogen, der Vorwurf der Manipulation von Patientenakten und Spekulationen um die Todesursache des Opfers sind nicht Teil der Anklage - und somit auch nicht Teil des möglichen Strafmaßes.

Im Falle einer Verurteilung (Strafrecht) droht dem Arzt der Verlust der Zulassung, der Approbation. Nach Abschluss des Strafverfahrens würde das zuständige hessische Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen den Fall untersuchen, ein für Mediziner zuständiges Berufsgericht entscheiden.

Fachanwalt Markus Schmuck erklärt die für Erteilung und Entzug maßgebliche Berufs-ärzte-Ordnung (BÄO): Demnach sind zwei Bewertungen wichtig: - Unwürdigkeit und Unzuverlässigkeit des Arztes. Unwürdig im Sinne der BÄO ist derjenige, „der durch sein Verhalten das zur Ausübung des ärztlichen Berufes erforderliche Ansehen und Vertrauen bei der Bevölkerung nicht besitzt.“ Unzuverlässig laut BÄO „ist der Arzt, der nach seiner Gesamtpersönlichkeit keine ausreichende Gewähr für eine ordnungsgemäße Berufsausübung bietet.“

Unwürdigkeit und Unzuverlässigkeit können laut Schmuck „auch Folge von Straftaten und Verfehlungen sein, die nicht unmittelbar die ärztlichen Pflichten gegenüber Patienten betreffen.“ Jedoch ist laut Schmuck die Zulassungs-Entziehung das letzte, das härteste Sanktionsmittel: „Eine Entziehung der Arztzulassung rückt erst ins Blickfeld, wenn wegen der Schwere des Verstoßes künftig - trotz disziplinarrechtlicher Maßregelung - ein ordnungsgemäßes Verhalten nicht mehr gewährleistet, ein Verbleiben des Arztes im System der vertragsärztlichen Versorgung nicht mehr zumutbar ist.“

Nach der Anhörung von fünf weiteren Zeugen und der Schließung der Beweisaufnahme, würden die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung folgen, bevor das Gericht das Urteil verkündet - verbindlich würde dieses erst, wenn weder Verteidigung noch Staatsanwaltschaft Berufung einlegen.

von Björn Wisker

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