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Setzen, sechs! Anekdoten rund ums Zeugnis

Mitmach-Aktion Setzen, sechs! Anekdoten rund ums Zeugnis

Wir sammeln alte Zeugnisse und die lustigsten Geschichten dazu. Machen Sie mit. Fünf Mitarbeiter der OP fangen an und erzählen ihre Zeugnisgeschichten.

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Marburg. Zeugnisschnipsel und fünf Minuten Ruhm

Ich habe mein Abitur mit 1,2 bestanden. Zumindest glaubte ich das für fünf ruhmreiche Minuten. So lange dauerte es, bis einer meiner Mitschülerinnen auffiel, dass unsere Abschlusszeugnisse vertauscht worden waren. Ich, Marie Lisa Schulz, hielt nämlich stolz das Zeugnis von Lisa-Marie Schulz in der Hand. Aus meinem Notendurchschnitt von 2,6 wurde, trotz der Vier in Mathe, einer in Deutsch und einer weiteren in Französisch, binnen eines Wimpernschlages ein Durchschnitt von 1,2. Zugegeben: die vierzehn Punkte in der schriftlichen Matheprüfung hätten mich stutzig machen können. Stattdessen: Schulterklopfen, Händeschütteln, anerkennendes Nicken. Ein paar Reihen weiter sah die Szene ganz anders aus: Schweigen. Betroffenheit. Anteilnahme. Die Freude von Lisa-Marie Schulz über meine Noten hielt sich in Grenzen. Tränen statt Triumph. Irgendwer hat mich schließlich verpetzt. Zeigen kann ich mein Originalzeugnis übrigens nicht. Im Bewerbungs-Eifer habe ich Original und Kopie vertauscht. Das Original ging an ein Unternehmen, das zuvor deutlich darauf hingewiesen hatte, dass Bewerbungsunterlagen nicht zurückgeschickt werden. Mein Zeugnis, diesmal das richtige, landete im Schredder.

Redakteurin Marie Lisa Schulz (27), Marburg

Unterricht in Staatsbürgerkunde

Wenn ich meine alten Zeugnisse zur Hand nehme, muss ich schon ein bisschen grinsen. Ich bin in der DDR aufgewachsen – da gab es das ein oder andere, aus heutiger Sicht, aberwitzige Fach. So wurden wir beispielsweise in dem Fach „Einführung in die sozialistische Produktion“ unterrichtet. Oder in Staatsbürgerkunde. Schließlich sollten wir zu guten, sozialistischen Bürgern erzogen werden. Ich ging auf die „Schule der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“. Natürlich durfte als Unterrichtsfach auch „Russisch“ nicht fehlen. Die Zeugnisse aus der Zeit, übrigens alle per Hand geschrieben, wurden fein säuberlich in einem Kunstlederbüchlein mit goldenem DDR-Emblem gesammelt. Was damals normal war, ist heute eine Kuriosität.

Grafikerin Vera Lehmann (37), Marburg

Sportschwänzerei (fast) teuer bezahlt

Eine Formalie hätte mich fast die Versetzung in die Jahrgangsstufe 12 gekostet. Angefangen hatte das Drama mit einem Sportunfall gleich am Anfang meiner Oberstufenzeit. Das brachte mir die einjährige Befreiung vom Sportunterricht – und damit drei zusätzliche Freistunden. Und so genoss ich es, an mehreren Tagen in der Woche früher heimzukommen als meine Mitschüler. Das dicke Ende kam wenige Tage vor Schuljahresende. Innerlich war das Zeugnis bereits abgehakt, als abends das Telefon klingelte.?Mein entnervter Oberstufenleiter war an der Strippe. Tja, ich habe ja einen Grundkurs zu wenig, wie das denn komme? Die Antwort war klar: „No sports“. Nur hatten er (und ich natürlich auch) übersehen, dass ich dafür irgendeinen anderen Kurs hätte belegen müssen. Glücklicherweise bin ich an jenem Nachmittag nicht daheim gewesen.?Denn die Schulleitung hatte mich zur Konferenz zitieren und verhören wollen. So fiel abends die Entscheidung ohne mein Zutun: Versetzung gnadenhalber, weil ja mein Oberstufenleiter den Bolzen geschossen hatte.

Redakteur Michael Rinde (44), Kirchhain

Ungenügend – gleich zweimal Ungenügend.

Doppelt Un­genügend. In Physik und Mathematik – im zweiten Halbjahr der zehnten Klasse war meine Versetzung nicht gefährdet, sondern faktisch ausgeschlossen. Wäre da nicht jener katholische Religionslehrer gewesen, der mich offenbar für einen so guten und reifen jungen Menschen hielt, dass er bei seinem Versuch, mich in die Oberstufe zu bugsieren, sogar zum Lügner wurde. In intensiven Einzelgesprächen machte der schlaue Seelsorger erst dem einen, dann dem anderen Lehrerkollegen weis, er sei der jeweils einzige, der mich mit Ungenügend strafen wolle. Ein Unmensch wollte weder der Physik- noch der Mathelehrer sein, und so wurden schließlich aus zwei guten Sechsern noch zwei schlechte Fünfer, die sich mit einem doppelten „Sehr Gut“ ausgleichen ließen. Eine der Einsen gab‘s im Fach Religion. Ehrensache. Es folgten weitere intensive Einzelgespräche des Religionslehrers – eines führte er mit mir und sicherlich ein weiteres mit seinem höchsten Dienstherrn, der ihm in seiner unendlichen Güte die Notlüge nachgesehen haben dürfte.

Redakteur Carsten Beckmann (52), Marburg

Leibesübungen zum 20.

Geburtstag Ich war noch nie eine Sportkanone. Deshalb habe ich in der Schule kein Fach so sehr gehasst wie Sport – „Leibesübungen“ nannte man das zu meiner Zeit noch. Vor allem Geräteturnen war mir ein Gräuel. Nun war es aber anno 1974, als ich die „Reifeprüfung“ ablegen musste. Damals war es üblich, auch an Reck und Barren geprüft zu werden. Da ich die Note schon im Vorhinein kannte, eine „Fünf“, beschloss ich, den Prüfungstermin zu schwänzen und damit eine „Sechs“ zu riskieren – was den Kohl wohl auch nicht fetter gemacht ?hätte. Aber das ließ mir der Direktor jenes Lübecker Gymnasiums, an dem Jahrzehnte zuvor der große Schriftsteller Thomas Mann gescheitert war, natürlich nicht durchgehen. Es wurde für mich ein Extra-Prüfungstermin anberaumt, noch dazu an meinem 20. Geburtstag – der blanke Horror. Ergebnis: eine glatte „Fünf“. Heute übrigens treibe ich durchaus von Zeit zu Zeit Sport – um fit fürs unaufhaltbar nahende Rentner-Dasein zu werden. Nur geprüft werden – das will ich auch heute noch nicht.

Redakteur Michael Arndt (59), Marburg

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