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Senioren erinnern sich: „Spielen, das war draußen“

Treffen im Mehrgenerationenhaus Senioren erinnern sich: „Spielen, das war draußen“

Es war wirklich kein Stuhl mehr frei in der Oase, dem „offenen Wohnzimmer“ des Mehrgenerationenhauses am Lutherischen Kirchhof 3.

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Alt und Jung trafen sich im Mehrgenerationenhaus.

Quelle: Wolfgang Dietz

Marburg. Das Thema „Kindheit und Spielen früher“ hatte etliche Senioren motiviert zu kommen, ganz zur Freude der Kinder. Ist es doch Konzept des Mehrgenerationenhauses, das Miteinander von Menschen ganz unterschiedlicher Lebensalter zu verbinden und zu fördern.

Fachbereichsleiterin Antje Feddersen moderierte drei Er­zähl­ungen an. Erinnerungen dreier Senioren an die individuellen Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegs­wirklichkeiten. Sofort wurde deutlich, wie prägend Privatheit, Familienerleben und Kindheitserfahrung auch durch Epochen hindurch sind. Basis letztlich und dominante Bühne schlechthin, auf der Spielen und Kindheit dann eigentlich stattfanden. Krieg, wenn auch schmerzlich, doch eher die Kulisse. Geprägt durch die historischen Umstände freilich, jedoch in der Alltagswahrnehmung gar nicht allzu stark abweichend zum Heute.

Die Erzählerin führt die Zuhörer warmherzig zurück zu authentischen, alten, teils verschol­lenen Wegen in Marburg. Kinderwege von Lilo Firl, Menschenwege, Heimatwege. Ganz spontan ein Stichwort aus dem Publikum, und schon folgt eine Fortsetzung. Die Erinnerung – ganz wach. Trübe und auch dunkle Geschichten zuweilen. Aber auch viel zum Schmunzeln. Erste zarte Erfolgsgeschich­ten, Schulgeschichten, Jungen-Geschichten. Mädchen-Geschichten.

Zwischen Splittergraben und Akademischer Waschanstalt

Berliner Geschichten, Bombennächte dann. Aus der kindlichen Sicht beinahe anekdotenhaft verklärt. Essen auftreiben im Gefechts-Geschehen. Existenzielle Bedrohung der geliebten Familie. Teils belastende, von Verlust geprägte, sehr bewegende Geschichten, die sichtbar und auch nach 70 Jahren noch rein gar nichts von ihrer emotionalen Wucht verloren haben. Der noch kleine Bernhard Ziesche also und seine Kumpels. Hatten doch tatsächlich ein Kachel-Museum! Und einen Klingeldraht-Schatz. Kupferglanz pur. Und Spielzeug-Highlight aus Trümmern. Woher auch sonst? Schule? „Ooch joh, gab‘s auch – hin und wieder. Et jing aber ooch ohne.“

Schließlich war Lothar Schott, Jahrgang 1942, an der Reihe und berichtete lebhaft wie bildreich von den Konsequenzen nicht ganz normgerechten Verhaltens. Ein Aua wohl doch vermutlich hier und da? Spiel- und Impulssuche aber vor allem.

Im Nachkriegs-Marburg, zwischen Splittergraben und Akademischer Waschanstalt, zwischen Kindergarten und Blindgänger-Stapel im Wald. „Spielsachen sind doch austauschbar“, sagt er. „Aber das Spielen, das war draußen! Die Orte waren zugänglich. Überall war Entdeckung. Nicht so viel Reglement.“ Was durchaus Vorlage für heute sein kann. Wenn Räume dafür geschaffen werden und wir es einfach wieder ein wenig mehr zulassen?
Veranstaltungen
 werden fortgesetzt

Am Ende gab es viel Applaus für die Initiatoren. Ein Zusammen­treffen immerhin, das im Konzept durchaus Modell stehen kann für die Zukunft. Die Ansätze zumal sind entwickelt. Warum Erfahrungswissen nicht unterhaltsam und nutzbringend weitergeben? Alltags­kompetenzen überdenken, sie erweitern. Zusammen­halt gestalten. So soll laut Planung das Mehrgenerationenhaus auch in Zukunft regelmäßig am Sonntagnachmittag für Senioren in der Oase geöffnet sein – an jedem ersten Sonntag im Monat jeweils mit Angebot. Für das Bringen oder die Anfahrt mit Pkw ist an diesen Tagen die Schranke  auf dem Lutherischen Kirchhof geöffnet und die Zufahrt über die Kugelgasse möglich.

von Wolfgang Dietz

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