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Sender in der Seifenschale

Piratenradio Sender in der Seifenschale

Drei Marburger Radiofans gründeten vor einem ­halben Jahrhundert den Sender „Radio City“ und spielten dort gezielt Popmusik für Teenies.

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Die drei Radiomacher Hans-Helmut (von links), Werner und Heinz-Willi wurden am 9. Dezember 1967 auch in der Oberhessischen Presse vorgestellt.

Quelle: Heinz Eifert (Archiv)

Marburg. Anfang September 1967 wurde in Teilen von Marburg das Fernsehprogramm immer wieder gestört. Es gab schwarze Streifen auf den Bildschirmen und deshalb wandten sich verärgerte Zuschauer an den Störungsdienst der Post.

Schüler in der Universitätsstadt freuten sich derweil über „Radio City“, einen unregelmäßig sendenden Piratensender mit viel Beatmusik. „Radio City war ein Röhrensender“, eine EL 84, und er konnte sieben bis acht Kilometer senden, weiß Dr. Heinz-Willi Bach, der damals Schüler an der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista) und ein intimer Kenner der Szene war. Dann war plötzlich Schluss. Der „Pirat“ war weggezogen. Aber andere sendeten weiter.

Britische Piratensender wie „Radio Caroline“ hatten das Schwarzsenden auch bei jungen Deutschen richtig populär gemacht. „Das waren die großen Vorbilder“, sagt Bach. Um 1966 baute er sich seine eigene Sendeanlage und sendete als „Two Seven O“ schwarz auf UKW. Ein Tonbandgerät, ein Mikrofon, einen Transistorsender und technische Kenntnisse – mehr brauchte er nicht. Es wurde live gesendet; die Reichweite betrug maximal 500 bis 1000 Meter. Der Sender war in den Internatszimmern der Blista gut zu empfangen – und die Reaktionen kamen prompt. „Es hatte schon was, wenn man sonntags zum Mittagessen kam und hörte: ‚Ihr habt ein schönes Programm gemacht‘“, erinnert sich Bach.

„Wir haben gezielt Popmusik für Teenies gemacht“, sagt Bach: Beatles, Rolling Stones, Kinks – und wie sie alle hießen. Doch man beschränkte sich nicht auf Musik. Jingles der Piratensender wurden mitgeschnitten und in Marburg erneut gesendet, manchmal war auch ein Hörspiel im Programm. Ansonsten wurde heruntergespielt, was auf den Tonbandgeräten war.

In Marburg sendeten 1967 bis zu vier Piratensender: „Radio City“, „Voice of Germany“, „Two Seven O“ sowie „AHF Canyon“. Einige kamen aus der Blista und die meisten der 130 Schüler wussten nicht nur davon. Die „Piratensenderei“, sagt Bach, war zu einem „richtiggehenden Hobby“ geworden. Doch dann standen am 21. Oktober plötzlich der Heimleiter „und eine ganze Reihe von Herren“ im Internatszimmer von Heinz-­Willi Bach.

Die nächtlichen Gäste suchten eine Sendeanlage, versprachen, drohten, schüchterten ein – und bekamen dann einen Minisender in einer Seifenkiste ausgehändigt: klein, aber mit einer gewissen Sendestärke.

„Ein Kollateralschaden“

Sie suchten wohl einen anderen, stärkeren „Sender“, ist Bach heute überzeugt. „Wir waren eigentlich nur ein Kollateralschaden.“

Dann ging alles seinen institutionellen Gang, die Staatsanwaltschaft übernahm, ermittelte gegen Bach und zwei weitere Schüler. Die Relegation von der Schule lag in der Luft. „Uns ging ganz schön die Muffe“, sagt Bach.

Anfang Dezember wurde die enttarnte Sendeanlage auf einer Pressekonferenz vorgeführt, fotografiert, gedruckt – und dann veränderte sich das Klima ziemlich rasch.

„Welle der Sympathie“

„Willi (16), Werner (17) und Hans-Helmut (18)“ schlug eine „Welle der Sympathie“ entgegen. „Ich war nie so beliebt wie zu dieser Zeit“, sagt Bach heute. Der Sender in der Seifenschale: Das war zwar illegal, aber es war auch bewundernswert; das war Radiobegeisterung, das war Raffinesse. Selbst die Post lobte öffentlich die „technische Perfektion“.

Die Lokalpresse berichtete ausführlich über die drei Marburger Bastler, Radiofans und Senderchefs. Auch die überregionale Presse wurde aufmerksam: Die „Bild“-Zeitung (Auflage damals 4 Millionen) titelte. „Blinde Jungen sind traurig: Hobby verboten“. Und die „Quick“: „Blinde Buben bastelten Funkstation“. Es gab einen regelrechten Medienhype.

Ein „Hörzu“-Mitarbeiter fuhr die drei zum Hessischen Rundfunk nach Frankfurt. Sie waren Gast in einer Magazinsendung und durften sich auch einen Song wünschen: „Back-street Girl“ von den Rolling Stones. Das war die erste Bekanntschaft der „Piraten“ mit einem öffentlich-rechtlichen Radio. „Eine nette kleine Sache“, sagt Bach heute.

Und dann kam eine Einladung nach Luxemburg. Anfang Dezember meldete die „Bild“-Zeitung: „Die drei blinden ‚Funkpiraten‘ werden Schallplatten-Jockeys bei Radio Luxemburg“. Camillo Felgen (47), damals Starjockey des Privatsenders, habe „von dem Pech“ der drei gehört und sie eingeladen. Die „Neue Welt“ lobte: „Camillo hilft drei blinden Jungen“.

Drei Piraten verurteilt

Kurz vor Weihnachten fuhr ein „Bild“-Redakteur die drei nach Luxemburg. Am 23. Dezember waren sie Gäste in „Die großen Acht“, einer Hitparade der meistverkauften Schallplatten und eine der damals populärsten RTL-Sendungen. Die drei lernten Felgen und Frank Elstner persönlich kennen und wurden auch der Sendeleitung vorgestellt. Das wars.

Im Februar 1968 fand die Hauptverhandlung in Marburg statt. Die drei Piraten wurden nach Jugendstrafrecht verurteilt: Jeder musste 80 Mark, gestückelt in Raten à 8 Mark, an den Verein „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind“ zahlen.

  • Am Donnerstag, 12. Januar, ab 18 Uhr wiederholt „Radio Unerhört Marburg“ die Radio­collage „Jenseits der Zentren. Radio im Hinterland und in Wittgenstein“. Die Sendung erzählt auch ganz kurz, wie 1967 Piratenfunker ­Marburg in Aufregung versetzten.

von Hans-Jürgen Krug

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