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Seltenheit schützt vor Verwechslung nicht

Stress durch gleichen Namen Seltenheit schützt vor Verwechslung nicht

Das Leben von Michael von Dolsperg ist das, was im Volksmund als „normal“ bezeichnet werden würde. Bis zu dem Tag, als sein Name plötzlich im Zusammenhang mit dem NSU-Prozess auftrat. Ein folgenschwerer Zufall.

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Bisher dachte er immer, sein Name sei unverwechselbar. Jetzt hat Michael von Dolsperg lernen müssen, dass es noch einen "Michael von Dolsperg" gibt. Und der soll V-Mann für den Verfassungsschutz gewesen sein.

Quelle: Nikola Ohlen

Vielleicht sollte er Lotto spielen. Einfach mal das Schicksal herausfordern. Das Unwahrscheinliche scheint bei ihm wahrscheinlich. Die Ausnahme bei ihm die Regel. Wie damals, im Spätsommer, als er sich beim Wasserskifahren fast den Hals brach. Ein normaler Sturz – ein unnormaler Krankheitsverlauf. Die Verletzungen an der Halswirbelsäule konnte er mit einer schweren Operation, Therapien und eiserner Disziplin wieder in den Griff bekommen. Das, was dem 43-Jährigen hingegen in den vergangenen Wochen passiert ist – dagegen helfen keine Medikamente. Rufmord – sagen seine Eltern. Pech – sagt Michael von Dols­perg.
Eigentlich war er immer stolz auf das „von“ in seinem Namen. Hat ja nicht jeder. Ist irgendwie ein bisschen besonders. Nein, eingebildet ist er nicht, dieser Michael von Dolsperg, Sport-Therapeut aus Sterzhausen. Nur eben froh, nicht Müller, Meyer, Schmidt oder Schulz zu heißen. So ein Name sticht eben heraus. Und so ein Name kann zum Verhängnis werden.

"Junge, du musst mit uns reden"

Knapp zwei Wochen ist es her, da rief ihn seine Mutter auf dem Handy an. Zu nachtschlafender Zeit. Aufgeregt war sie. Ließ sich gar nicht beruhigen. „Junge, du musst doch mit uns reden“, hat sie immer wieder gesagt. Der Hörer wurde weitergereicht. Der Vater war dran. „Was hast du mit den Nazis zu tun?“, hat er gefragt. Immer und immer wieder. Und Michael von Dolsperg hat geschwiegen. Nicht, weil er nichts zu sagen hätte – sondern weil er nicht verstand. Nazi? Er? Der sich als Sporttherapeut nur für Leistung und Fortschritt, nicht aber die Nationalität seiner Kunden interessiert? Er, der bei dem Wort „rechtsradikal“ sofort die Hände abwehrend hebt und ein schnelles „damit habe ich nichts zu tun“ hinterher schiebt? Eine Haltung, die er in den vergangenen Wochen immer häufiger annehmen musste.
An diesem Morgen waren es seine Eltern, die ihn aufklärten. Die Geschichte eines Michael von Dolsperg geistere durch die Medien. Spiegel, Welt, Süddeutsche – aber auch die Oberhessische Presse berichtete von dem jungen Mann, der derzeit in Schweden lebt. Dieser gewisse Michael von Dolsperg, ein V-Mann des Verfassungsschutzes. Einer, der im NSU-Prozess eine Schlüsselrolle spielen könnte. Weil er Jahre vor der Mordserie schon vor dem Trio gewarnt haben will. Einer, der in der Nazi-Szene verwurzelt war. Ein Fadenzieher. Ein Stratege. Der einzige weitere Michael von Dolsperg weltweit. Keiner, mit dem der Sterzhäuser Michael von Dolsperg etwas zu tun haben will. Und doch steht da sein Name in der Zeitung. In Verbindung mit dem NSU Prozess. Sein Name – der doch eigentlich mit sportlichen Erfolgen in Verbindung gebracht werden soll.

"Für meine Eltern war das eine Katastrophe"

Dieses blöde „von“, auf das er so stolz war, kostet ihn nun seinen hart erarbeiteten Ruf. „Ich habe sofort meinen Arbeitgeber informiert. Der hat das an das Personal weitergegeben“, erklärt der 43-Jährige. „Wenn einmal die Gerüchteküche brodelt, dann ist das das Schlimmste, was passieren kann. Ich bin nun bekannt in einer Weise, in der ich nie bekannt sein will.“
Michael von Dolsperg hat einen Anwalt eingeschaltet. Will eine Richtigstellung. Die Magazine und Zeitungen wollen das nicht. Pech. Einfach Pech. Der Sporttherapeut denkt nur ungern an die vergangenen Wochen zurück. Direkt angesprochen – das wurde er selten. Bei seinen Eltern hingegen stand das Telefon nicht mehr still. „Euer Junge“ – sagten die Anrufer immer wieder. „Das ist also so
einer.“ „Für meine Eltern war das eine Katastrophe. Da will man nie etwas mit der rechten
Szene zu tun haben und dann steht der Name des eigenen Sohnes damit in Verbindung. Mich interessiert diese
Szene nicht. Und genau deshalb muss ich das klären. Sonst bleibt das doch in den Köpfen drin“, sagt der 43-Jährige. Erstmals schwingt in seiner Stimme so etwas wie Emotion mit. Keine Wut. Eher ein genervter Unterton. Die letzten Wochen haben ihn gefordert. Waren eine Mischung aus Versteckspiel und Aufklärungsarbeit. „Sport ist für mich das beste Ventil“, sagt er. Von Dolsperg hat sich in den vergangenen Tagen in die Arbeit geflüchtet. Als Sporttherapeut   kümmert er sich unter anderem um Menschen, die nach schwerer Krankheit oder einer Verletzung wieder ins Leben finden wollen. Das, was er sonst seinen Patienten mit auf den Weg gibt, hat ihn selbst durch die vergangenen Tage getragen: „Das Wichtigste ist, dass man lernt damit zu leben. Man muss es akzeptieren.“

Hintergrund
  • Der ehemalige V-Mann Michael von Dolsperg (Deckname: Tarif) will laut „Spiegel“ dem Bundesamt für Verfassungsschutz 1998 einen Tipp auf das untergetauchte Neonazi-Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe gegeben haben. Seine Akte wurde 2011 geschreddert.
  • Zwei Jahre später begann das Neonazi-Trio mit seiner Mordserie. Derzeit muss sich Beate Zschäpe vor dem Oberlandesgericht München verantworten.

von Marie Lisa Schulz

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