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Selbstvertrauen aus der Groove-Maschine

Projekt Selbstvertrauen aus der Groove-Maschine

Flucht und Verlust der Heimat - eine der traumatischsten ­Erfahrungen, die ­junge Menschen ­machen können. Ein ­Projekt an der Adolf-Reichwein-Schule hilft ­entwurzelten Jugendlichen, in Marburg ­„anzukommen“.

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Aljoscha Tischkau (rechts) und seine Schwester Joana (im Hintergrund) leiten die HipHop-Gruppe des Projekts. Ein Teilnehmer lässt sich den Umgang mit einer Groove Machine erklären.

Quelle: Carsten Beckmann

Marburg. In dem pakistanischen Tal, aus dem Tariq (Name geändert) stammt, ist es leicht, zwischen die Fronten zu geraten. US-Konvois durchkämmen die Gegend ebenso wie Taliban-Kommandos, und wer gerade Freund oder Feind ist, ist nur selten eindeutig. Als es Tariq zu gefährlich wird, ist er ein einfacher Teenager, der Todesangst hat - er flieht, lässt Familie und Freunde zurück, landet schließlich in Deutschland. Eine Flüchtlingsgeschichte mit gutem Ausgang? Nur bedingt: Zwar muss Tariq nicht mehr 24 Stunden am Tag um sein Leben fürchten, doch er sitzt bereits wieder auf gepackten Koffern, die Abschiebung droht. „Dabei könnte er in einem Zahnlabor eine Ausbildung beginnen“, ärgert sich Andreas Strauß.

Hauptschulabschluss als Klassenbester

Der Berufsschullehrer betreut an der Marburger Adolf-Reichwein-Schule eine Klasse junger Migranten. Der Ausbildungszweig nennt sich „Bildungsgänge zur beruflichen Vorbereitung“, kurz BBVA: „Viele der Jugendlichen und jungen Erwachsenen kommen ohne Schulabschluss nach Deutschland, manche haben in ihrer Heimat nie eine Schule von innen gesehen“, erzählt Strauß. Tariq zum Beispiel sei mit „null Deutschkenntnissen“ vor einem Jahr gekommen: „Dann hat er als Klassenbester seinen Hauptschulabschluss gemacht.“ Freuen kann sich der Reichwein-Pädagoge darüber nur bedingt: „Weil er von der Abschiebung bedroht ist, bekommt er keine Arbeitserlaubnis und kann deshalb die ihm angebotene Ausbildung nicht beginnen.“ Eine Geschichte, so bitter und absurd wie die des Hauptmanns von Köpenick.

Einmal in der Woche wird die Reichwein-Schule für Tariq und eine etwa 25-köpfige Gruppe junger Migranten zu einem Treffpunkt, an dem BBVA in den Hintergrund rückt und - gäbe es die Abkürzung - HMW im Vordergrund steht: „Heimatklänge - musikalische Weltreise“. Dieses Projekt steht unter der Trägerschaft des „Marburger Bündnisses für Bildung“, das aus dem Ausländerbeirat der Stadt, dem Kulturladen KFZ sowie der Adolf-Reichwein-Schule besteht. Nachdem sich bereits Mitte September im KFZ drei Gruppen mit ihren Dozenten gebildet hatten, arbeiten die Jugendlichen jetzt an einer Performance, die im April kommenden Jahres ebenfalls im KFZ an der Schulstraße auf die Bühne gebracht werden soll. Während Aljoscha und Joana Tischkau mit einer Reihe von Jugendlichen Hip-Hop-Produktionen ins Visier genommen hat, bringt Amadabo Diallo seinen „Schülern“ das Djembe-Spiel bei. Ein drittes Team begleitet den gesamten Entstehungsprozess mit der Kamera.

Langsam muss Vertrauen aufgebaut werden

Gero Braach vom KFZ erklärt, was hinter dem Projekt steckt: „Es geht vor allem darum, den jungen Menschen über künstlerisches Arbeiten ein wenig von dem Selbstvertrauen zu geben, das sie durch die Traumatisierungen ihrer Flucht verloren haben.“

In den Aufnahmestellen, in denen sie nach ihrer Ankunft in Deutschland zunächst landen, und vor Gericht erzählen die Asylsuchenden in der Regel nichts, ist die Erfahrung von Andreas Strauß: „Man muss ganz langsam das Vertrauen aufbauen, das kann Monate oder Jahre dauern.“ Die Marburger Ausländerbeiratsvorsitzende Goharik Petrosyan ergänzt: „Für uns ist es wichtig, dass die ­Migranten den Kopf frei haben und nicht ständig unter dem Druck der Abschiebung leben.“

Sicher ist, dass die Hip Hopper, Trommler und Filmer viel von ihrer eigenen Situation in ihre Performance einfließen lassen werden. Gero Braach hat derweil zwei Hoffnungen: „Zum einen wäre es wünschenswert, wenn sich nach der Veranstaltung am 8. April weitere Auftrittsmöglichkeiten ergäben.“ Zum anderen, so der Mann vom Kulturladen, wollen sich die Organisatoren der „Heimatklänge“ für 2015 erneut bei der Bundesvereinigung soziokultureller Zentren um eine Projektförderung bemühen.

von Carsten Beckmann

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