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Selbst der Präsident steht auf Bienen

Imkern in fremden Ländern Selbst der Präsident steht auf Bienen

Obwohl der Frühling längst begonnen hat, besteht hierzulande – bei anhaltend kühlem Wetter –  die Gefahr, dass Bienenvölker verhungern. In Tansania müssen sich Imker darüber nicht sorgen.

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So wird in weiten Teilen Tansanias auf traditionelle Weise geimkert: Man hängt Beuten in die Bäume –  hier eine aus  Baumrinde gebaute Behausung – und wartet darauf, dass ein Schwarm einzieht.

Quelle: Hartmut Berge

Marburg. Große Teile des ostafrikanischen Staates sind ein Paradies für Bienen. Das von ihnen produzierte Wachs war in den 1960er-Jahren und Anfang der 1970er-Jahre ein Exportschlager. Aber oftmals verdarb das Wachs beim Lagern, weil es an geeigneten Verarbeitungsanlagen fehlte. Danach spielten lange Zeit Imkerei-Produkte keine große Rolle. Seit ein paar Jahren versuchen staatliche Behörden auf verschiedene Weise die Imkerei im Land zu forcieren. Hilfsorganisationen vermitteln das Imkern nach westlichem Muster, damit die Erträge steigen. Rund 1,8 Millionen US-Dollar werden mittlerweile mit Imkerei-Produkten erwirtschaftet und gut zwei Millionen Menschen der ländlichen Bevölkerung finden in diesem Wirtschaftszweig Arbeit.

Ministerpräsident Mizengo Pinda, selbst passionierter Imker, geht davon aus, dass in Tansania etwa 138 000 Tonnen Honig und 10 000 Tonnen Bienenwachs produziert werden könnten. Zurzeit liegt die Produktion bei  9 400 Tonnen Honig und und 600 Tonnen Wachs. Tansania ist damit jetzt schon der zwölftgrößte Honigproduzent der Erde. Zu den größten Abnehmern des tansanischen Honigs zählen bisher die USA, die Türkei, Deutschland, Italien und  Spanien. Ganz so utopisch wie sie zunächst klingen mögen, sind die Visionen des Ministerpräsidenten nicht. Denn seit in Kibaha ein modernes Werk zur Honigverarbeitung die Produktion aufgenommen hat, gibt es für die Imker aus der Region einen sicheren Abnehmer für ihre Produkte.

Die Absatzmärkte alleine reichen freilich nicht aus. Die Imker müssen auch die Bienenhaltung ändern. Während in der modernen Imkerei vorwiegend Magazin-Beuten zum Einsatz kommen, nutzen die Tansanier eine Reihe von künstlichen Behausungen. Traditionell dienen zu 95 Prozent alte Baumstämme, aus Baumrinde und Schilf gebaute Bienenstöcke oder Töpfe und Flaschenkürbisse als Behausungen.             

Honigproduktion schafft Arbeit                                                                                              

Investoren, unter anderem aus den USA, haben riesige Sisal-Plantagen angelegt. Sie sind in der Landschaft nicht sonderlich schön anzusehen, liefern den Bienen aber eine Menge Nektar. Auch Kokospalmen, Kaffee, Bohnen und Sonnenblumen sorgen für reichlich Nahrung.

Ganz entscheidend für die weitere Entwicklung der Imkerei als wichtigen Wirtschaftsfaktor könnten die 30 Millionen Hektar tansanischer Wald sein. Im Vergleich dazu: In Deutschland gibt es 11,4 Millionen Hektar Wald.

Die Honigproduktion verhilft den Bewohnern in der Nähe der Waldschutzgebiete – etwa im Korogwe-Distrikt – zu Arbeit. Nach dem Vorbild von Sambia lernen die Imker, Bienenstöcke aus Lehm zu verwenden. Das bringt einen höheren Ertrag als das Imkern mit den traditionellen Stöcken und ist umweltfreundlich.

Die englische Tageszeitung „Guardian“ berichtete jüngst über  Hilfsorganisationen, die moderne Bienenstöcke zur Verfügung stellen und damit die Bevölkerung dazu bewegen wollen, von der weitverbreiteten Holzkohleproduktion wegzukommen und sich der Bienenhaltung zu widmen. In manchen Teilen des Landes fallen der Köhlerei große Mangroven-Bestände zum Opfer. Deshalb seien  gleichzeitig – gemeinsam mit der Bevölkerung – abgeholzte Gebiete wieder aufgeforstet worden, schreibt der „Guardian“.

Mit der Varroa-Milbe und in weiten Teilen der Welt verbreiteten Krankheiten hätten die Imker in Tansania bisher nicht zu kämpfen, versichert mir ein erfahrener Imker aus Korogwe. Die Milbe kann sich dort nicht so gut fortpflanzen, weil die afrikanische Honigbiene eine kürzere Entwicklungszeit als die heimischen Bienen hat: Die Arbeiterin schlüpft zwei Tage früher.

Keine öffentlichen Kommentare

Von der afrikanischen Honigbiene stammen die europäischen Bienen ab. Da sie bisher nicht auf „zahm“ gezüchtet wurde, ist die afrikanische Biene recht aggressiv, verteidigt ihre Behausung ausdauernd und mit großer Vehemenz. Sie entwickelt sich sehr gut, die Völker teilen sich aber mehrfach im Jahr. Die Schwärme suchen sich neue Behausungen und nehmen gerne die traditionellen Beuten an. Für Zucht und Ablegerbildung nach westlichem Vorbild scheint sie nicht geeignet.

Wenn es um die Zukunftsaussichten der Bienenhaltung in Tansania geht, dann halten sich sowohl die traditionellen als auch die professionell ausgebildeten Imker mit öffentlichen Kommentaren zurück. Hinter vorgehaltener Hand wird aber beklagt, dass beispielsweise die Informationen über die Absatzmärkte noch nicht überall angekommen seien.

Im Korogwe-Distrikt gibt es etwa 40 Imkergruppen. Sie mühen sich, dass ihr Honig zertifiziert wird und nutzen jede Möglichkeit zur Weiterbildung.  „Vom lokalen Markt können wir nicht leben“, betont ein junger Imker, der gerade eine Ausbildung beendet hat und sich  mit der Bienenhaltung eine Existenzgrundlage aufbauen will. Er und seine Kollegen hoffen darauf, dass die Visionen ihres Präsidenten Realität werden.

von Hartmut Berge

HINTERGRUND

1955 importierte der Bienenforscher und -züchter  Warwick Estavam Kerr  120 afrikanische Bienenköniginnen der Unterart Apis mellifera scutellata vom südafrikanischen Johannesburg nach Rio Claro in Brasilien. Er kreuzte die dort angesiedelten europäischen Honigbienen mit der afrikanischen Verwandten und wollte so eine ertragreichere und leistungsfähigere Bienenrasse züchten. Zwei Jahre später „entkamen“ 26 Schwärme mit afrikanischen Königinnen.

Die afrikanischen Bienen passten sich sehr schnell an das tropische Klima in Brasilien an. Die gekreuzte Rasse verbreitete sich in Südamerika. Die auf natürlichem Weg entstandene Bienenrasse entwickelte sehr gute gute Flugeigenschaften, das Verbreitungsgebiet wuchs jährlich um bis zu 500 Kilometer, mittlerweile ist sie in Süd- und Mittelamerika weit verbreitet. Innerhalb von fünf  Bienengenerationen setzte sich der dominante afrikanische Genanteil gegen die bis dahin vorherrschenden europäischen Gene der italienischen Honigbiene (Apis mellifera ligustica) durch.

Dies resultiert auch aus der schnelleren Entwicklung der afrikanischen Königinnen, die nach 15 Tagen schlüpfen und alle Königinnen mit dominierend europäischen Genen schon vor dem Schlüpfen abstechen. Die afrikanisierten Bienen sind deutlich aggressiver und greifen jedes Lebewesen sehr schnell an, wenn die Bienenbehausung in Gefahr scheint.

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