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Selbst Socken am Baum sind eine Zier

Weihnachten Selbst Socken am Baum sind eine Zier

In vielen Wohnungen steht zu Weihnachten ­natürliches Nadelgehölz. Zum Christbaum wird es erst durch das Schmücken. Das ist – so wie der Weihnachtsbaum – ein Stück Kulturgeschichte.

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Ein Weihnachtsbaum geschmückt mit den verschiedensten Deko-Artikeln: Socken kann man genauso an den Baum hängen, wie Kugeln, Strohsterne oder Gebäck und Figuren.

Quelle: Grafik: Ricarda Schick

Marburg. Von Adolf Bellersheim, Seniorchef des gleichnamigen Kaufhauses in Gladenbach, wollen wir wissen, wie sich hierzulande der Weihnachtsschmuck und der Christbaumschmuck im Besonderen während der vergangenen Jahrzehnte verändert hat.

Der 79-Jährige muss es wissen. 1956 übernahm er den 1905 gegründeten Familienbetrieb vom Vater und man trifft in auch heute noch täglich im Geschäft an.
„Eigentlich hat sich in den vergangenen 50 Jahren nichts geändert, Weihnachten wird nach wie vor mit „h“ geschrieben und der Christbaum wird weiterhin mit der Spitze nach oben aufgestellt. Versuche es anders zu machen, sind kläglich gescheiter“, scherzt er.  

Glitzernde Bäume gibt es bereits seit 1850

„Wir hatten immer Christbaumschmuck im Sortiment“, sagt der Kaufmann. Bereits um 1850 waren glitzernde Bäume in Mode. Drei Jahrezehnte später wurde der erste Glasschmuck in den Handel gebracht, um 1890 das Lametta. Der industriell hergestellte Schmuck setzte sich immer mehr durch. Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt, die Menschen hingen sich allerlei an die Zweige, von kleinen Trompeten über Vögel bis hin zu Geigen.

Bellersheim erinnert sich an Kunststoffkugeln, lithografierten Blechschmuck, der damals im Nürnberger Raum hergestellt wurde. Er erinnert aber auch an Zeiten, in denen die Menschen andere Dinge im Kopf hatten und wenig im Geldbeutel und sich die wenigsten Baumschmuck leisten konnten: So etwa in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. „Damals war das Sortiment überschaubar, es beschränkte sich auf das Wesentliche“, sagt er. Kugeln und Spitzen hätten aber immer dazugehört. „Was man heute bei uns im Kaufhaus auf dem Weihnachtsmarkt an Dekorativem sieht, hat es damals nicht gegeben. Die Leute hatten andere Sorgen. Nach dem Krieg haben wir vor allem Kochtöpfe und Porzellan verkauft“, sagt Adolf Bellersheim.
Die Menschen hätten damals viel Selbstgebasteltes an den Baum gehängt, auch Plätzchen und Zuckerwerk, weiß er.

Angebot wuchs und wächst stetig

Mit dem Aufschwung wuchs auch das Angebot der Industrie stetig. Und der Zierrat war erschwinglich. „Eine Packung Kugeln kostete jahrelang das gleiche“, sagt Bellersheim, schränkt aber ein: „Die Packungsgröße änderte sich, erst waren sechs, dann fünf, später vier Kugeln drin.“

Es gab eine Menge versilberten und vergoldeten Schmuck, Nüsse, Äpfel, ja sogar Kartoffeln. Die Bäume glitzerten um die Wette. Jahrelang war es auch Mode, den Baum mit sogenanntem Engelshaar einzuhüllen. Die
Kugeln sind geblieben. Es gab immer wieder welche. „Früher wurden Papier- und Strohsterne in den Familien gebastelt, auch das übernahm nach und nach die Industrie“, erzählt Bellersheim. Auch der weihnachtliche Schmuck rund um den Baum, ja im ganzen Haus und auch davor,
spiele heute eine große Rolle. Dementsprechend habe sich das Angebot ihres Weihnachtsmarktes verändert, berichtet er. „Nach dem Fall der Mauer waren lange Zeit Produkte aus dem Erzgebirge der große Renner. Mittlerweile sei dieser Trend stark abgeebbt. Geblieben sind  Räuchermännchen. Die sind nach seinen Worten immer noch gefragt. „Aber, man kauft sich ja nicht jedes Jahr ein neues“, sagt er.

Neue Trends werden auf Messe bereits Anfang des Jahres vorgestellt

Was im folgenden Winter an den Christbäumen hängen sollte und welche Trends allgemein beim Weihnachtsschmuck angesagt sind, wird alle Jahre wieder auf der Christmasworld in Frankfurt vorgestellt. „Dort kaufen wir ein“, sagt der Gladenbacher Kaufmann.

Auf dieser größten internationalen Leitmesse­ wurden Tannenzapfen, Eicheln und Kastanien als beliebte Motive für 2015 ausgemacht. Der extravagante Mensch hängt sich durchaus auch so ungewöhnliche Objekte wie kleine Kaviardosen, Hummer, Miniatur-Champagnerflaschen oder Parmesan an den Baum. Die allgegenwärtige Gourmetküche hat diesen Trend eingeleitet. Exklusivität, Hochwertigkeit und ein wenig Glamour haben auch Auswirkung auf die Farben: Kupfer soll demnach die tonangebende Farbe sein. Daneben stehen nach wie vor Rosé-Töne gut im Kurs. Aber auch Silber, Gold und Weiß sind gefragt.

Dieses Jahr Mode: Kugeln mit Sternen und Herzen

Wer seinen Baum mit Kugeln schmückt, die mit Sternen und Herzen bedruckt sind, schwimmt ganz oben auf der Modewelle. Aber auch dort, wo Engel, Schlitten und Nikoläuse an den Zweigen baumeln, ist man im Trend.

„Was dort propagiert wird, muss man nicht unbedingt einkaufen, aber im Trend sollte man schon liegen“, betont Adolf Bellersheim. Man müsse nicht allem folgen, gleichwohl dürfe das Angebot nicht langweilig sein. Beim Einkauf spiele die Erfahrung eine wichtige Rolle. „Das Bauchgefühl sagt einem schon, was geht und was nicht.“ Gehalten haben sich über all die Jahre Kugeln in bestimmten Farben, von rot bis blau. „Heute sind die Bäume mit allerlei Schmuck vollgehängt“, sagt der Kaufmann. Er erinnert sich an Trends, das ganze Bäumchen in  einer Farbe zu schmücken. Die farblich passende Kombination sei heute die Regel.

Beliebt sei nach wie vor der kunstvoll hergestellte gläserne Christbaumschmuck, der in Lauscha im Erzgebirge geblasen werde. Hutschenreuther produziere in jedem Jahr eine andere Kugel, in limitierter Auflage. Auch für diese Sammelleidenschaft gebe es einen Kundenkreis. Beliebt sei auch Bisquitporzellan, unglasiertes Porzellan, berichtet er. „Gekauft werden auch beschneite Kiefernzweige, von denen selbst bei 25 Grad im Wohnzimmer der künstliche Schnee nicht wegschmilzt.“ Letztlich sei als Schmuck erlaubt, was gefällt, betont Bellersheim. Er ist zuversichtlich, dass am 24. Dezember das Weihnachtsmarkt-Lager im Kaufhaus weitgehend leer sein wird. Ende Januar gehts wieder nach Frankfurt auf die Christmasworld, um neue Weihnachtsdekoration zu ordern.

Christbaumschmuck im Wandel der Zeit

Gebäck und Süßes
Die ältesten Berichte über geschmückte Weihnachtsbäume erwähnen fast ausschließlich essbaren Baumbehang. Seit dem 18. Jahrhundert sehr beliebt waren sogenannte Model-Gebäcke aus einem Teig, der im fränkischen Raum Eierzucker genannt wurde und in Schwaben und Bayern Springerle. Bereits im Mittelalter wurden Modelle für Festgebäcke verwendet. Viele Motive, die als Baumschmuck hergestellt wurden, hatten mit Weihnachten nichts zu tun, sondern entsprachen dem jeweiligen Zeitgeist. Neben Gebäck war sogenanntes Zuckerzeug als Schmuck üblich. Im 18. Jahrhundert wurden Zuckerpuppen aus Zuckermasse mit Hilfe von Formen hergestellt. Der Zucker wurde in der Folgezeit dann durch eine Masse ersetzt, die teilweise aus Tragant als Bindemittel bestand und daher so genannt wurde.

Papier und Pappe
Der Christbaumschmuck wurde vor dem 19. Jahrhundert in den Familien vor allem selbst hergestellt, auch wenn es auf den Weihnachtsmärkten bereits einige Schmuckelemente zu kaufen gab. Vor der Einführung des Lamettas wurden zum Beispiel farbige Ketten aus Papier gebastelt, die um die Zweige geschlungen wurden. Aus festem farbigem Kartonpapier wurden allerlei Gegenstände ausgeschnitten und aufgehängt, es gab auch Anleitungen für dreidimensionale Objekte. Nach dem Aufkommen der Bilderbogen, die vor allem in Neuruppin hergestellt wurden, kamen diese als Baumschmuck in Mode. Christbaumschmuck aus Pappe wurde im 19. Jahrhundert auch massenweise industriell gefertigt, teilweise auch als Bastelsätze. Besonders attraktiv war der Pappschmuck als Metallimitat, die sogenannte Dresdner Pappe.

Glasschmuck
Der gläserne Christbaumschmuck wurde seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem durch Heimarbeiter in Thüringen angefertigt.
In den Anfängen der Herstellung nutzten die Glasbläser eine gesundheitsschädliche Legierung aus Zinn und Blei zur Verspiegelung der Glasoberflächen. Ab 1870 bekamen die Kugeln ihren Glanz durch Silbernitrat, das auch heute noch bei der Spiegelherstellung benutzt wird. 1870 gelang es Justus von Liebig, Glaskörper mit einer Silberlösung zu beschichten und zum Glänzen zu bringen.
In der Glasbläserstadt Lauscha wird heute noch in traditioneller Handwerkskunst der gläserne Christbaumschmuck hergestellt.

Kerzen
Die ersten Weihnachtsbäume waren noch nicht beleuchtet. Im 17. Jahrhundert kam in adligen Familien der Brauch auf, den Baum auch mit Kerzen zu schmücken. Im Jahr 1901 bewarb die General Electric Company mit einer Anzeige die ersten elektrischen Christbaumkerzen. Heute sind die Weihnachtsbäume zum größten Teil elektrisch beleuchtet.

von Hartmut Berge

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