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„Sehr zweifelhafte Firma“ verwertet Textilien

Altkleider „Sehr zweifelhafte Firma“ verwertet Textilien

Die Verwertung der kommunalen Altkleidersammlung sorgt für Ernüchterung in der Politik: Abermals arbeitet die Stadt mit einem umstrittenen Dienstleister zusammen.

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Die Altkleider-Sammelcontainer der Dienstleistungsbetriebe haben in Marburg die gewerblichen Anbieter verdrängt. Doch bei der Verwertung der Textilien sieht das anders aus.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Die Dienstleistungsbetriebe Marburg (DBM) haben durch die Aufstellung von 48 Sammelcontainern gewerbliche Anbieter verdrängt. Vor allem gewinnorientierte Firmen wie die in der Universitätsstadt ansässige Bicker GmbH, die deutschlandweit für ihr Geschäftsgebaren kritisiert wird, verloren seit 2015 damit Einnahmequellen.

Doch bei der Ausschreibung für die Verwertung der vom DBM gesammelten Textilien kam nun das Unternemen Eurocycle aus Eschborn zum Zug. Kurios: Dieses ist Teil des Firmengeflechts jener Familie Nowakowski, die schon in der umstrittenen Bicker GmbH – die 2014 in Eurocycle umfirmiert wurde – aktiv war und deren gewerbliche Sammelcontainer die ganze Systemumstellung erst auslösten. „Die Ziele, die mit der Einrichtung eines kommunalen Sammelsystems verbunden waren, lassen sich mit diesem Partner definitiv nicht erreichen“, sagt Jan Schalauske (Linke), Initiator des Projekts. Selbsterklärtes Ziel der DBM war es, dass es „nicht auf eine maximale Gewinnerzielung, sondern vor allem auch auf eine möglichst hohe Wiederverwertungsquote der gesammelten Alttextilien ankommt“. Mit den über Jahre in der Stadt etablierten gewerblichen Sammlern – der Bicker GmbH – sei „die Umsetzung dieser Kriterien nicht möglich“, hieß es Ende 2015 von DBM. Vielmehr wollte man die karitativen Einrichtungen in der Stadt einbinden.

5000 Euro pro Jahr und Container

Doch bei der Ausschreibung habe Eurocycle „alle Parameter erfüllt“, es handele sich aber um ein „sehr zweifelhaftes Unternehmen“, urteilt DBM. Problem: Bei Ausschreibungen muss die Wirtschaftlichkeit – also das günstigste Angebot – Vorrang vor anderen Kriterien haben. Und das schränkt die Wahl der Kommune mitunter massiv ein. „Lieber heute als morgen würden wir aus dem Vertrag raus. Wir prüfen schon alle Möglichkeiten, aber bisher fehlt uns noch der juristische Hebel“, sagt Dr. Nicole Pöttgen, Hauptamtsleiterin, vergangene Woche im Hauptausschuss.

Ein Container bringt nach Berechnungen des Oberverwaltungsgerichts Nordrhein-Westfalen den gewerblichen Sammlern pro Jahr 5000 Euro ein, Branchenkenner geben 2000 Euro als realistisch an. Und das Firmengeflecht rund um die ehemalige Bicker GmbH soll bundesweit mindestens 12000 Container aufgestellt haben (die OP berichtete).

Insgesamt 750000 Tonnen Textilien und Schuhe landen in Deutschland jährlich in den Altkleidercontainern verschiedener – auch karitativer – Sammler. Umsatz: bis zu 800 Millionen Euro pro Jahr. Nach der Sammlung werden die Containerinhalte an Textilsortierbetriebe verkauft, etwa 40 Prozent gehen an Abnehmer in Osteuropa, Afrika und dem Mittleren Osten, drei Prozent landen in Secondhand-Läden. Materialien der anderen, nicht mehr tragbaren Hälfte werden für die Herstellung von Putzlappen, Dachpappe oder in der Autoindustrie wiederverwendet.

von Björn Wisker

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