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Schwieriges Überleben in Deutschland

Buchvorstellung Schwieriges Überleben in Deutschland

Die Geschichte einer Familie in Deutschland wird anhand von Briefen aus dem Nachlass der Tochter des jüdischen Marburger Sprachwissenschaftlers Hermann Jacobsohn (1879 bis 1933) erzählt.

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Der Sprachwissenschaftler Hermann Jacobsohn (1879 bis 1933).

Quelle: Privatfoto

Marburg. Der Fund von Briefen auf dem Dachboden ihrer 1997 verstorbenen Mutter Hanna Naumann brachte Ruth Verroen dazu, anhand dieser privaten Dokumente die Geschichte ihrer Familie von 1854 bis 1953 nachzuerzählen. Entstanden ist ein sehr persönliches Buch, das nachdenklich und traurig macht, aber den Leser bei aller exemplarischen Tragik der Familiengeschichte nicht völlig hoffnungslos zurücklässt.

Ruth Verroen (73) ist die Enkelin von Hermann Jacobsohn, der ab 1911 an der Marburger Universität eine Professur für indogermanische Sprachwissenschaft innehatte und sich als Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei auch politisch engagierte.

Selbstmord Ende April 1933

Nachdem er kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten als Professor entlassen wurde, beging er Ende April 1933 Selbstmord. In einem Nachruf schrieb der Journalist Hermann Bauer im Hessischen Tageblatt, dass sich Jacobsohn für die wegweisendste Idee seines Lebens, die Versöhnung von Deutschtum und Judentum, geopfert habe. Vor dem langjährigen Wohnhaus der Familie in der Schückingstraße in Marburg erinnert ein Stolperstein an sein Schicksal.

Der Buchtitel „Leben Sie?“ bezieht sich auf eine Frage aus einem Brief von Ernst Levy an Margarete Jacobsohn im April 1946, rund ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

In dem Buch wird geschildert, wie unterschiedlich die Lebenswege der Familie von Hermann Jacobsohn und seinen Geschwistern verliefen: von der Deportation und Ermordung in den Konzentrationslagern, über die Flucht ins Exil oder das Überleben in Deutschland. Hermann Jacobsohns Schwester Ruth sowie deren Kinder wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Seine nicht-jüdische Witwe Margarete musste versuchen, alleine mit vier Kindern weiterzuleben. Obwohl sie noch kurz vor Kriegsende auch in ein Konzentrationslager deportiert werden sollte, wurde sie „dank des mutigen Eingreifens eines Gefängnisarztes“ davor bewahrt, wie es in dem Buch heißt. Auch ihre vier Kinder schafften es, zu überleben. So wie ihre Tochter Hanna, die ihrer großen Liebe Walter Naumann im Jahr 1935 nach Großbritannien folgte; das Paar emigrierte dann in die USA. Erst im Jahr 1953 kamen die beiden wieder zurück nach Marburg, als Margarete Jacobsohn im Sterben lag. Nach deren Tod entschlossen sie sich, zurück in die alte Heimat zu kommen, begleitet von der damals 12-jährigen Tochter Ruth, der Autorin des Erinnerungsbuches an die Familie Jacobsohn. Von Liebesbriefen bis zu Heiratsurkunden und Familienfotos reicht die Palette der sehr persönlichen Zeitdokumente. Verroen dokumentiert auf mitreißende Weise das Schicksal einer deutschen Bürgerfamilie.

  • Ruth Verroen stellt das im Jonas-Verlag veröffentlichte Buch „Leben Sie?“ (128 Seiten, 20 Euro) am Donnerstag, 26. März, ab 20 Uhr bei freiem Eintritt in der Buchhandlung „Elwert/Lehmanns“, Reitgasse 7/9 vor.

von Manfred Hitzeroth

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