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Schwestern packen seit 100 Jahren mit an

Jubiläum Schwestern packen seit 100 Jahren mit an

Vor mehr als 100 Jahren legten die Schwestern des Diakonissenhauses den Grundstein für ihr Mutterhaus in Marburg mit den eigenen Händen. Am Sonntag lädt die Gemeinschaft zum Jubiläumsfest auf den Hebronberg ein.

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Schwester Renate und Vikar Willi Feldkamp berichten aus den alten Hebron-Blättern, den historischen Aufzeichnungen über das 100 Jahre alte Diakonissen-Mutterhaus. Am Sonntag lädt die Schwesternschaft zum Jubiläumsfest.

Quelle: Ina Tannert

Wehrda. Aus dem Feiern kommt die geruhsame Gemeinschaft auf dem idyllisch gelegenen Berg derzeit gar nicht mehr heraus: Erst wenige Wochen ist das alljährliche Fest der Begegnung her, nun steht das große Jubiläum des Mutterhauses an.

Das wurde vor 100 Jahren, 8 Jahre nach der Gründung der Gemeinschaft, auf dem Hebronberg eingeweiht. Dort leben die Schwestern bis heute in Gütergemeinschaft und nach dem Wahlspruch „gemeinsam leben, glauben, dienen“.

Entstanden ist die Schwesternschaft bereits 1908 in den Räumen des heutigen Bibelseminars im Süden Marburgs, und das mit anfangs einer Oberin und einer angehenden Diakonissin. Vor Ort betreuten die Schwestern ledige Mütter, kümmerten sich um das angegliederte Hebron-Kinderheim. Der Name Hebron stammt von der gleichnamigen Stadt im Westjordanland, den Titel nahmen die Schwestern bei ihrem späteren Umzug mit, heute ist der Hebronberg allseits bekannt.

Schreinermeister vermachte Schwestern ein Grundstück

Ein wirkliches Quartier fanden die Gläubigen erst Jahre später, der stete Strom weiterer Mitglieder führte schnell zu Platzproblemen, „innerhalb eines Jahres kamen 30 weitere Schwestern hinzu, die Schwesternschaft hatte lange kein Zuhause“, berichtet Oberin Renate Lippe, einfach Schwester Renate genannt. Im Jahr 1916 bestand die Gemeinschaft bereits aus 127 Frauen, wie aus den alljährlichen Hebron-Blättern hervorgeht.

Eine Lösung und ein festes Heim bot zuvor die großzügige Schenkung des Schreinermeisters Theodor Ernst - er vermachte der Gemeinschaft ein großes Stück Land auf dem späteren Hebronberg. Mit den eigenen Händen machten sich die Frauen ab 1914 daran, das steinige Gelände urbar zu machen, gruben eigenhändig das Fundament ihres neuen Mutterhauses aus. „Es müssen sehr viele Steine gewesen sein“, schließt die Oberin aus den historischen Aufzeichnungen. Schon in diesen heißt es: „Erste Spatenstiche von Schwestern Händen“.

Nach einigen baulichen Hindernissen wuchs der Bau rasant in die Höhe, zahlreiche Handwerker und Bauarbeiter beteiligten sich, waren froh über die Arbeit zur Zeit des Ersten Weltkrieges. Bereits ein Jahr nach Baubeginn wurde das Haupthaus bezugsfertig, 1916 feierten die Schwestern Einweihung. Auch das Gelände wurde von den Frauen bearbeitet und landwirtschaftlich genutzt, daneben zogen mehrere handwerkliche Betriebe für den täglichen Bedarf auf den Berg, „die Schwestern wurden autark, haben sich lange Zeit komplett selber versorgt“, erklärt Vikar Willi Feldkamp.

850 Frauen gehörten in der Blütezeit zur Gemeinschaft

In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Anlage um mehrere Ausbildungsstätten, „ein Riesenanbau mit 99 Zimmern“ folgte in den 1960er-Jahren, nachdem die Schwesternschaft zu ihrer Blütezeit aus 850 Frauen bestand, von denen nicht alle in Marburg lebten, jedoch regelmäßig zu Besuch kamen.

Der Arbeitsschwerpunkt liegt heute neben der Führung und Unterhaltung des Hauses in der Altenpflege. Im Anbau des Haupthauses werden die älteren Schwestern gepflegt, daneben unterhält die Gemeinschaft das Begegnungszentrum Haus Sonneck sowie ein Altenheim in Biedenkopf, einige Schwestern arbeiten im benachbarten Diakoniekrankenhaus oder in sozialen Einrichtungen in Brasilien.

Die Zahl der Gemeinschaft geht mittlerweile kontinuierlich zurück, heute besteht die Schwesternschaft aus 152 Frauen, davon leben rund 100 auf dem Hebronberg. Doch weiterhin gilt das Diakonissenhaus als „die größte evangelische Schwesternschaft in Hessen“, lobt der Vikar. Zuwachs erhält die Gemeinschaft heutzutage nicht mehr, „wir werden weniger, schneidern seit Jahren das Kleid der Schwesternschaft kleiner“, sagt Schwester Renate, die sich offen mit der Zukunft auf dem Berg auseinandersetzt.

Zunehmend werden die vorhandenen Gebäude an Partner vermietet, in einigen Jahrzehnten könnte eventuell eine Nachfolgegemeinschaft das Ruder übernehmen.

Einer solchen möchten die Diakonissen „keinen Ballast“ hinterlassen, konzentrieren sich heute auf ein rund laufendes Wirtschafts- und Zusammenleben, „damit das Licht auf dem Berg noch lange brennt“, sagt die Oberin.

Sonntag wird mit viel Programm gefeiert

Auf diesem lädt die Schwesternschaft am Sonntag zum Jubiläumsfest ein. Dieses beginnt um zehn Uhr mit einem Festgottesdienst. Ab 11.45 Uhr wird ein Mittagessen angeboten, parallel öffnet die dezentrale Hausausstellung, die in Bildern das Leben der Gemeinschaft in der Vergangenheit samt baulicher Veränderungen aufzeigt. Der Mutterhaus-Altbau ist für Gäste geöffnet.

Besucher können am Mittag jede halbe Stunde (11.45 bis 13.15 Uhr) an einer Führung durch die Räume des Hauses teilnehmen. Ab 14 Uhr gibt Organistin Ka-Young Lee ein Orgelkonzert an der historischen, 100 Jahre alten Orgel der Gemeinschaft. Das Fest endet mit einer gemeinsamen Kaffeetafel am Nachmittag.

von Ina Tannert

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