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Schweres Erbe für Kirche in der Krise

Der Papst tritt zurück Schweres Erbe für Kirche in der Krise

Die von der OP befragten Christen und katholischen Geistlichen zollen Papst Benedikt XVI. viel Respekt vor seiner Entscheidung, äußern zum Teil aber auch deutliche Kritik zu den Akzenten und Versäumnissen seiner Amtszeit.

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Vor gut einem Jahr trafen der Marburger Student Marc Kaiser (Mitte) und Professor Harald Wagner den Papst in Rom zu einer Privataudienz. Wagner war zwischen 1980 und 1991 Leiter des Katholisch-Theologischen Seminars der Marburger Philipps-Universität.

Quelle: Privat / Archiv

Marburg. Pfarrer Franz Langstein, Dechant des Dekanats Marburg / Amöneburg , hat von dem Rücktritt auf dem Weg zu einer Beerdigung erfahren: „Damit hätte ich nie gerechnet. Dieser mutige Schritt zeugt von einer tiefen Einsicht in die eigene Begrenztheit und verdient daher großen Respekt.“ Für eine abschließende Beurteilung des Pontifikats sei es noch zu früh, meint Langstein (Foto). Er hebt hervor, dass sich Papst Benedikt XVI. stark für den Frieden eingesetzt und dem Westen deutlich ins Gewissen geredet habe. Er äußert aber auch klare Kritik: „ Ich hätte mir gewünscht, dass er sich mit dem gleichen Einsatz, mit dem er sich für eine Aussöhnung mit einer rechtsextremistischen Gruppierung wie den Piusbrüdern einsetzt , auch für eine Annäherung an die evangelische Kirche und den Dialog mit den Reformkräften innerhalb der katholischen Kirche engagiert hätte.“

Der Nachfolger trete jedenfalls ein schweres Erbe an, sagt Franz Langstein: „Die katholische Kirche befindet sich in einer tiefen Krise. Es muss etwas geschehen. Daher wünsche ich mir einen mutigen Papst, der die anstehenden Fragen angeht und nicht verdrängt.“ Als konkrete Beispiele nennt er die Öffnung des Priesterdienstes und die Lockerung des Zölibats sowie die Antwort auf die Frage, wie der Glaube im 21. Jahrhundert neu definiert werden und verständlicher werden kann.

Doris Harbers war erst überrumpelt, schnell aber wieder gefasst, als sie die Nachricht über den Rücktritt von Papst Benedikt XVI. erhielt. Die 73-Jährige lebte bis 1968 als Nonne in einem Kloster. Nach ihrem Austritt aus der Kongregation der Franziskanerinnen hat sie sich für ein Leben mit eigener Familie entschieden, ist jedoch noch immer fest im katholischen Glauben verwurzelt. „Ich sehe den Rücktritt als eine Chance für die katholische Kirche. Benedikt XVI. war konservativ, seine Haltung nicht immer zeitgemäß. Vielleicht ist jetzt der Weg frei für einen jüngeren Nachfolger. Vielleicht einen, der die Ökumene lebt. Trotzdem empfinde ich Hochachtung gegenüber Papst Benedikt XVI.. Die Rücktrittsentscheidung ist sehr mutig. Vielleicht zieht seine Entscheidung einen Aufschwung und ein Umdenken in der katholischen Kirche nach sich.“

Hannelore Gottschlich, Vorsitzende des Sozialdienstes Katholischer Frauen in Marburg, bedauert den Entschluss des Pontifex: „Ich finde es sehr schade, dass er offenbar keine andere Möglichkeit mehr gesehen hat, als aus dem Amt zu scheiden. Er war nicht nur äußerst beliebt, sondern hat sein Amt auch gut gemacht.“ So habe er in ihren Augen einige sehr gute Enzykliken geschrieben und Akzente in der Welt-Jugendarbeit gesetzt. Gottschlich hat Joseph Kardinal Ratzinger einmal persönlich im Vatikan getroffen. 1996, als dieser noch als Präfekt der Glaubenskongregation war und somit bereits eines der wichtigsten Ämter in der katholischen Weltkirche ausübte.

Pater Erhard Olwert: „Das einzige, was ich derzeit empfinde, ist Überraschung“. „Aber ein Rücktritt kann auch eine Chance sein. Bei uns im Kloster in Kirchhain ist es so, dass jeder Bruder ein festes Amt zugesprochen bekommt. Nach ein paar Jahren legt man es wieder ab und kann sich einer neuen Aufgabe widmen. Dieser Prozess dient der Entwicklung.“

Für Hans-Georg Lang, Leiter der Stiftsschule St. Johann Amöneburg , zeugt die Entscheidung von Größe. „Benedikt springt auch über seinen eigenen Schatten, indem er abweichend zu seinen Vorgängern mit einer solchen Tradition bricht. Davor ziehe ich den Hut.“ Lang sieht unter dem Nachfolger die Chance, dass die Botschaft der Kirche stärker wahrgenommen wird. „Die katholische Kirche hatte es bei uns und im übrigen Westeuropa immer schwerer, akzeptiert und ernst genommen zu werden. Ich erhoffe mir vom neuen Papst die notwendige Aufgeschlossenheit und Antworten für die Fragen der heutigen Zeit.“

Professor Harald Wagner , von 1980 bis 1991 Leiter des Katholisch-Theologischen Seminars der Philipps-Universität, pflegt seit 1975 eine kollegial-freundschaftliche Beziehung zu Joseph Ratzinger. Zuletzt erlebte er den Papst zusammen mit seinem Assistenten, dem in Marburg lebenden Studenten Marc Kaiser, vor gut einem Jahr bei einer Privataudienz. Der Vatikan-Kenner Wagner erwartet, dass ein Kardinal aus Italien (Bischof von Florenz oder Venedig) oder der erste Nicht-Europäer aus einem Entwicklungsland zum Nachfolger gewählt wird. „Ich wünsche mir, dass er sowohl ein theologisches ­Profil aufweist wie sein Vorgänger und ebenso menschliche Züge trägt.“

 

Dr. Joachim Negel, Privatdozent am Katholisch-Theologischen Seminar Marburg , arbeitet als Fundamentaltheologe – und ist damit Fachkollege von Papst Benedikt. Fundamentaltheologen forschen an der Fragestellung, wie Glaube und Vernunft vereinbar sind: „Er wird der Kirche vor allem als brillanter Theologe in Erinnerung bleiben“, so Negel. Vom neuen Papst wünscht sich Joachim Negel gute Übersetzerfähigkeiten: „In der heutigen Turbo-Moderne wird es immer schwieriger, zwischen den beiden Kulturen Kirche und Gesellschaft zu übersetzen. Der nächste Papst muss ein Dolmetscher sein, der sich in diesen Kulturen auskennt und es versteht, den alten Glauben auf immer neue Herausforderungen in der Lebensrealität zu übertragen.“     

„Ein Zeichen von wahrhaftiger Größe und christlicher Demut“

Heinz Josef Algermissen, Bischof von Fulda:  „Die Rücktrittsankündigung unseres Papstes hat mich überrascht, aber ich habe sie mit großem Respekt aufgenommen. Es ist ein Zeichen von wahrhafter Größe und christlicher Demut, das uns unser Heiliger Vater, Papst Benedikt XVI. vor der Welt seine eigene Gebrechlichkeit bekennt. Durch seinen wegweisenden Dienst für die Katholische Kirche, den er in einem achtjährigen Pontifikat ohne Rücksicht auf seine eigene Gesundheit geleistet hat, steht uns Benedikt XVI. als ein großer Papst und ein Vorbild im Glauben vor Augen. Papst Benedikt XVI. wird von den Katholiken des Bistums Fulda geliebt und bewundert.“

Ludwig Schick, aus Mardorf stammender Erzbischof von Bamberg:  „Dies ist ein ungewöhnlicher, aber vom Kirchenrecht vorgesehener Schritt, den der Heilige Vater aus Verantwortung für das oberste Leitungsamt und die ganze Kirche tut. Ich habe Benedikt XVI. schon seit seiner Zeit als Professor gekannt und geschätzt. Die persönlichen Begegnungen mit ihm haben Klarheit im Urteil und Kraft im Handeln gegeben. Er habe die Kirche in schweren Zeiten geführt und durch seine Ansprachen Zeichen gesetzt. Dass er moderne Kommunikationsmittel wie Twitter einsetze, habe bewiesen, dass er trotz hohen Alters auf der Höhe der Zeit ist. Ich bin Papst Benedikt dankbar.“

Bischof Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck:  „Der Rücktritt zeigt, wie groß die Anforderungen dieses Amtes sind, denen ein Einzelner kaum genügen kann“, so Hein. Der Rücktritt sei als ein Zeichen, dass der Reformdruck in der römisch-katholischen Kirche stark sei. Gleichzeitig formuliert der Bischof die Hoffnung, dass die römisch-katholische Kirche den Impuls dieses Rücktrittes aufnehme und vor der Wahl eines neuen Papstes „gründlich über das Papstamt und seine Füllung nachdenke“. „Ich wünsche Joseph Ratzinger, dass er in seinem Ruhestand wieder genug Kraft findet, seiner Kirche mit wissenschaftlichen und geistlichen Impulsen zu dienen.“

Schwester Edith Ludwig, Marburg, Orden der Barmherzigen Schwestern:  „Ich empfinde Respekt und Hochachtung vor der Entscheidung. Auf mich hat der Papst während seiner Amtszeit eher verschlossen gewirkt und entsprechend gehandelt. Bei sich bietender Gelegenheit hätte ich ihm gesagt: Er soll nicht so viel Angst haben. Bei allem Druck, der auf ihm lastet, soll der neue Papst immer daran denken, dass er nicht der Herr der Kirche ist. Das ist Jesus Christus. Mir scheint, dass über das hohe Amt manchmal in Vergessenheit gerät, dass damit ein Dienst an den Gläubigen verbunden ist. Das ist nicht nur eine Machtposition mit den dazugehörigen Zwängen.“

Professor Dr. Cornelius Roth, äußert sich als Leiter des Priesterseminars in Fulda zum Rücktritt:  „Für uns alle war das ein Schock. Einen Rücktritt hatte man ihm nicht zugetraut und er ist – wie alles bei Benedikt XVI. – sehr von Vernunft geleitet. Ich finde die Entscheidung, die Papst Benedikt XVI. getroffen hat, sehr schade, denn ich halte ihn für einen guten Papst. Er bleibt mit seinen Reden, Büchern und Schriften als großer Gelehrter und Theologe in Erinnerung. Zudem hat er den Dialog zwischen den anderen Weltreligionen, den sein Vorgänger Johannes Paul II. eingeschlagen hatte, weiterverfolgt und auch das Gespräch mit Atheisten gesucht.“

von Christoph Linne,
Marie Lisa Schulz und Tim Gabel

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Zum 85. Geburtstag von Benedikt XVI. blickte der katholische Theologe Dr. Joachim Negel für die OP auf das Wirken und die öffentliche Wirkung des Papstes. Der Dozent für Fundamentaltheologie an der Philipps-Universität zog im Interview schon damals ein Fazit des Pontifikats. Dieses Resumee ist mit dem Rücktritt des Papstes aktueller denn je.

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