Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Schwelender Konflikt um Wertschätzung

Feuerwehr Schwelender Konflikt um Wertschätzung

Mehr Kompetenzen für freiwillige Feuerwehrleute, Kritik an hauptamtlichen Führungskräften und Nein zu einer Berufsfeuerwehr: Ein ehemaliger Marburger Wehrführer fordert Veränderungen im Brandschutz.

Voriger Artikel
„Mich stört, dass Marburg zu wenig aus sich macht“
Nächster Artikel
Kerstin Reckewell wechselt nach Darmstadt

Marburgs Ex-Wehrführer Lothar Schott (73) kritisiert die Rollenverteilung von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Kräften bei Feuerwehreinsätzen – wie hier in Rauischholzhausen.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Bei Bränden oder Unfällen bedarf es Lothar Schott (73) zufolge nicht zwingend der Anwesenheit hauptberuflicher Einsatzleiter –  gerade bei der Masse an kleineren Einsätzen in der Stadt. „Bei jedem Schiss kommt ein Hauptamtlicher. Dabei sind unsere gut ausgebildeten Ehrenamtlichen, etwa die Zugführer genauso gut qualifiziert“, sagt er vor der heutigen gemeinsamen Jahreshauptversammlung aller freiwilligen Feuerwehren Marburgs. Falls sich vor Ort ein größerer Einsatz abzeichne, genüge ein Funkspruch um Hilfe anzufordern.

„Der Einsatzleiterdienst wurde den Freiwilligen vor einigen Jahren übergestülpt, obwohl unsere gut ausgebildeten Ehrenamtlichen diese Aufgaben auch autark abarbeiten konnten und könnten. Das ist keine Qualifikationsfrage, damit gibt man den Ehrenamtlichen nur zu verstehen, dass man ihnen diese Tätigkeit nicht zutraut“, sagt Dirk Bamberger, Wehrführer in Marburg-Mitte auf OP-Anfrage.

„Wir haben festgestellt: Es muss einen Moderator geben, der eine gehobene feuerwehrtechnische Ausbildung hat“, sagt Carmen Werner, Leiterin des Fachdiensts Brandschutz.  „Gerade in Außenlagen oder wenn mehrere Wehren kooperieren“, träfe dies zu. Allerdings gelte dies nur „ab einer gewissen Gefahrenschwelle, bei Routineeinsätzen „machen das die Freiwilligen selbstständig“.

Schott entgegnet: „Es hängt mit Wertschätzung zusammen. In Marburg heißt es in Bezug auf Ehrenamtliche: Arbeit ja, Kompetenz nein. Aber alle wundern sich, warum immer weniger Menschen sich für den Dienst in der freiwilligen Feuerwehr finden lassen.“ Verkehrsunfall, Hochhausbrand, Sturm, Hochwasser oder gar Katastrophe: „Die Leute werden sich noch umschauen, wenn das Einsatzpersonal immer weniger wird.“

„Nicht wie unmündige Untertanen behandeln“

Um die Zukunft der freiwilligen Feuerwehren in der Stadt zu sichern, eine „Renaissance des Helfens in Gang zu setzen“, braucht es Schott zufolge „bodenständige Führungskräfte ohne Dünkel, die wissen, wie freiwillige Helfer ticken, die sie nicht wie unmündige Untertanen behandeln, sondern sich Gedanken machen“. Der 73-Jährige kritisiert die seiner Ansicht nach absichtliche Abgrenzung der hauptamtlichen Kräfte (rund 30 Mitarbeiter) zu den Ehrenamtlichen (rund 500) in der Stadt – symbolisiert im Tragen unterschiedlicher Ärmelabzeichen. „Das bringt mich auf die Palme, es sind bekloppte Manieren. Offenbar hält sich der, der für seinen Dienst bezahlt wird, für besser als der, der keinen Cent bekommt.“

Dirk Bamberger sagt: Auf der Arbeitsebene „funktioniert das System gut“, es gebe zwischen Ehren- und Hauptamtlichen aber „Spannungsfelder, einige Kleinigkeiten mit gewisser Symbolkraft“. Dass etwa auch auf Einsatzwagen der Schriftzug Freiwillige Feuerwehr fehle. „Diese Außendarstellung konterkariert unsere Bemühungen, uns als vom Ehrenamt abhängige Wehr zu zeigen.“

Erläuterung von Werner: „Das ist leider immer die Wahrnehmung aus dem freiwilligen Bereich“, sagt sie. Man sei jedoch „sehr stolz auf die ehrenamtlichen Kräfte“, die so zahlreich seien, wie sonst fast nirgendwo.

„Können Nachwuchs-Trend nicht entgegenwirken“

Weil aber auch Marburg „nicht dem Bundestrend entgegenwirken kann“ und das freiwillige Engagement zurückgehe, habe man vor einigen Jahren feststellen müssen, „wo Bedarfe bestehen, die man nicht nur mit Freiwilligen abdecken“ könne. Da „bei vielen Leuten die Zeit für das ehrenamtliche Engagement kleiner wird“, handele es sich dabei vor allem um die Zeit tagsüber. Zwischen 6 und 18 Uhr kommen vor allem hauptamtliche Wehren zum Einsatz. Doch „jede Stadt braucht beides“, betont Werner.

Der Befürchtung, dass anlässlich des Nachwuchsproblems bei vielen Marburger Wehren – vor allem in den Außenstadtteilen – sich an der existierenden Struktur etwas ändern könnte, teilt auch Schott nicht. „Die Stärke einer Berufsfeuerwehr wird nie so ausgelegt sein, dass sie Ereignisse ab einer bestimmten Größe alleine abarbeiten kann.“ Ein Grundschutz ließe sich mit dem Modell in Marburg zwar sicherstellen, aber ohne Freiwillige „läuft gar nix“.

Um ausreichend freiwillige Helfer macht sich Carmen Werner „für den Moment noch nicht so sehr Sorgen“. Das beste Mittel für Nachwuchs zu sorgen sei weiterhin Mund-zu-Mund-Propaganda von Menschen, die anderen über ihr Engagement berichten.

Jahreshauptversammlung der freiwilligen Feuerwehren: Mittwoch um 19.30 Uhr im Bürgerhaus Marbach (Emil-von-Behring-Straße)

von Peter Gassner
und Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr